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Carmen Schön · Karin MidwerDie FeelgoodMethode für FrauenMehr Ausgeglichenheit in Berufund Privatleben

Externe Links wurden bis zum Zeitpunkt der Drucklegung desBuches geprüft. Auf etwaige Änderungen zu einem späteren Zeitpunkthat der Verlag keinen Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daherausgeschlossen.Bibliographische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.ISBN 978-3-95623-714-0Lektorat: Eva Gößwein, Berlin www.textstudio-goesswein.deUmschlaggestaltung: Martin Zech Design, Bremen www.martinzech.deTitelfoto: Jacob Lund FotoliaTitelfoto: Antonioguillem FotoliaAutorinnenfoto Carmen Schön: Ann Christine KringsAutorinnenfoto Karin Midwer: Ansgar PudenzSatz und Layout: Lohse Design, Heppenheim www.lohse-design.deCopyright 2018 GABAL Verlag GmbH, OffenbachAlle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise,nur mit schriftlicher Genehmigung des uecherwww.twitter.com/gabalbuecher

InhaltEinführung: Die Protagonistinnen 7Tag1Karriere oder Privatleben –eine Standortbestimmung 19In welchem Lebenshaus fühlen Sie sich wohl?Sind Sie ruhig oder gestresst?Tag2Tag31936Dem eigenen Leben einen Sinn geben 4949Wie können Sie Resilienz entwickeln? 83Was ist Ihnen in Ihrem Leben wichtig?Den passenden Job finden –und den Motor am Laufen halten 93Wie sieht Ihr Traumjob aus?93Wie sorgen Sie für ausreichend Energie?110Inhalt5

Tag4Die Wohlfühlbalance zwischenAnpacken und Loslassen 131Setzen Sie Ihre Karrierewünsche in die Tat um?Können Sie auch abschalten?143Was hindert Sie daran, Ihre Ziele zu erreichen?Wohlfühlen im Job Was heißt das heute? 169Literatur 177Register 179Die Autorinnen 1826Inhalt131154

Einführung:Die ProtagonistinnenWie zufrieden bin ich mit meinem Leben? Habe ich einen Job,der mir Freude macht und Kraft gibt? Lebe ich alle Werte, diemir wichtig sind? Und was macht meine Gesundheit? Diese undweitere Fragen stellen wir, die Autorinnen Carmen Schön undKarin Midwer, uns selbst und wir fragen uns, ob auch andereFrauen sich mit diesen Themen beschäftigen.Nachdem wir mit einigen Frauen ins Gespräch gekommen waren,stellte sich heraus, dass auch für viele andere diese Fragen im Leben essenziell sind. So ist die Idee geboren, eine kleine Gruppevon Frauen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen Berufenund in unterschiedlichen Lebenssituationen zu bilden und dieseüber einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg zu begleiten. Insgesamt fand an vier Terminen ein jeweils sechsstündigesCoaching-Programm mit den Teilnehmerinnen statt. Dieses Buchgibt einen Einblick in den Ablauf dieser Sitzungen. Die Leserinkann so in gewisser Weise selbst den Sitzungen beiwohnen undvon den Erfahrungen der Teilnehmerinnen lernen.Unser Ziel ist es, einen Raum zu bieten, in dem jede Teilnehmerin – und jede Leserin – ihr persönliches Wohlfühlen im Lebenreflektieren und definieren kann. An dieser Stelle möchten wirerwähnen, dass sich auch Männer die oben genannten Fragen stellen und (fast) alles in diesem Buch ebenfalls auf sie anwendbar ist.Wir, Carmen Schön und Karin Midwer, bringen als Gruppenleiterinnen unsere fachliche Expertise mit ein. Carmen Schön arbeitetseit zwölf Jahren als Managementberaterin, Karriere- und ErfolgsCoach. Karin Midwer ist eine gefragte Kommunikationsexpertin,Stressmanagement- und Qigongtrainerin. Uns ist es wichtig, dasEinführung: Die ProtagonistinnenWohlfühlenganzheitlichbetrachten7

Thema „sich wohlfühlen“ bzw. Feelgood ganzheitlich zu betrachten und sowohl den beruflichen als auch den privaten Kontext miteinzubeziehen.Diesen Prozess möchten wir gerne mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, in diesem Buch teilen. Gleichzeitig bieten wir Ihnenan, bei den einzelnen Coaching-Einheiten selbst mitzumachen.Daher werden wir in jedem Kapitel einige Übungen vorstellen,die Sie einfach selbst durchführen können.Die ProtagonistinnenBevor wir mit den Coaching-Sitzungen starten, möchten wir Ihnengerne unsere Teilnehmerinnen bzw. Protagonistinnen vorstellen.Es handelt sich dabei um fiktive Figuren, die aber stark von unseren Erfahrungen aus einem Gruppen-Coaching inspiriert sind, dastatsächlich stattgefunden hat.JuliaJulia ist 29 Jahre alt und hat von dem Coaching-Programmdurch ihre beste Freundin Sylvia erfahren, mit der sie einmal in der Woche abends einen Yogakurs in HamburgWinterhude besucht. Sport war Julia schon immer wichtig.Früher ging sie mindestens drei- bis viermal in der Woche ins Fitnessstudio. Seit einem Jahr, seit ihre kleine TochterLara auf der Welt ist, hat sich ihr Leben stark verändert. Nebender Arbeit – Julia ist nach sechs Monaten wieder in den Job eingestiegen – und dem Kind bleibt kaum noch Zeit für etwas anderes.Julia hat sich ein Kind sehr stark gewünscht, wenn auch nicht unbedingt zum jetzigen Zeitpunkt. Aber wann ist schon der passende Moment? Mit ihrem Ehemann Philipp, 35 Jahre, lebt sie in demHamburger Stadtteil Eppendorf in einer Drei-Zimmer-Altbauwohnung und die Schwiegereltern springen jederzeit ein, wennJulia Unterstützung benötigt.8Einführung: Die Protagonistinnen

Julia ist eine attraktive Frau, die offensichtlich auf ihr Erscheinungsbild achtet: Sie ist groß und schlank, hat blondes, gut gefärbtes Haar und einen akkuraten Pagenschnitt. Beim ersten Termin trägt sie einen dunkelblauen, gut sitzenden Hosenanzug. Siemacht den Eindruck, als wäre Geld für sie kein Thema. Es scheintgenug davon da zu sein. Ihr Auftreten lässt sich als bestimmt undselbstbewusst beschreiben. Ihre Körperhaltung und ihr Schrittsind klar und zielgerichtet. Einzig ihre Stimme verrät, dass möglicherweise etwas nicht ganz im Lot ist.Julia spricht mit einer sehr hohen und schrillen Mädchenstimme.Es fällt einem etwas schwer, ihr zuzuhören, da die hohen Töne dieOhren strapazieren. Irgendwie klingt das auch nicht gesund. Esmuss sie eine Menge Kraft und Anstrengung kosten, so zu sprechen. Auf die Frage, was sie beruflich macht, erzählt sie, dass sienach einem dualen Wirtschaftsstudium in einer großen Versicherung angefangen hat. Sie war immer schon sehr ehrgeizig undkonnte sich schnell beruflich hocharbeiten. Nach nur vier JahrenBetriebszugehörigkeit hat man ihr dann die Leitung des Gesundheitsmanagements angeboten. Das war für sie der erste großeErfolg. 12-Stunden-Tage waren bei ihr keine Seltenheit.Dann lernte sie ihren jetzigen Mann Philipp im gleichen Unternehmen kennen. Philipp arbeitet im Vertrieb. Beiden war schnell klar,dass sie zusammengehören und irgendwann auch eine Familiegründen möchten. Julia hat sofort deutlich gemacht, dass für sienur das Modell Karriere und Kind denkbar ist. Philipp ist gleichdarauf eingegangen und empfand es als selbstverständlich, dassauch er sich bei der Kinderbetreuung mit einbringt.Modell Kindund KarriereNach zwei Jahren Beziehung wurde Julia schwanger. Mit ihremChef sprach sie daraufhin ab, dass sie nur sechs Monate Babypause nehmen wolle und danach zurückkommen werde. Ihr Chefhielt ihr tatsächlich ihren Leitungsposten frei und Julia konntenach nur sechs Monaten ihren Vollzeitjob wieder übernehmen.Welch ein Glück! Allerdings hat sie sich das Ganze etwas einfacherEinführung: Die Protagonistinnen9

vorgestellt. Sie arbeitet zwar statt der zwölf jetzt nur noch acht bisneun Stunden täglich, zu Hause wartet dann aber ihre kleine Tochter, die sie zumindest abends noch eine Stunde sehen möchte. Aktuell hat Julia das Gefühl, sich total zu zerreißen. Und leider unterstützt sie Philipp dabei auch nicht so, wie er es ihr ursprünglichzugesagt hatte. Wenn die Schwiegereltern sie nicht so tatkräftigunterstützen würden, wäre der Alltag der Familie in dieser Formgar nicht möglich.Erste Anzeichenvon ErschöpfungJulia hat eigentlich für ein Coaching-Programm gar keine Zeit.Sie merkt aber, dass sie dringend etwas in ihrem Leben verändernmuss. So kann es auf Dauer nicht weitergehen. Sie zeigt mittlerweile schon erste Anzeichen von Erschöpfung, dabei ist sie docherst 29. Auch die Stimmung zu Hause hat sich durch den andauernden Stress deutlich verschlechtert. Julia möchte in dem Coaching für sich herausfinden, wie sie mit weniger Arbeitsstundenauskommen kann, entweder in ihrem jetzigen Job oder in einemanderen. Außerdem hat sie das Gefühl, dass ihre Arbeitsleistungnicht ausreichend wertgeschätzt wird. Sie stellt sich die Frage, wiesie sichtbarer werden kann, sodass auch von Kollegen gesehenwird, was sie alles für die Firma tut.Nach dem Vorgespräch folgt zunächst eine Diskussion mit ihremEhemann. Drei Tage später sagt sie zu, an dem Programm regelmäßig teilzunehmen. Philipp wird während der Coaching-Sitzungen die Betreuung der kleinen Lara übernehmen.EvgeniaEvgenia ist die Erste, die sich für das Coaching bewirbt.Nachts um 23.30 Uhr kommt eine E-Mail, in der sie kurzihren Lebenslauf schildert und gleich darauf drängt, möglichst schnell mit dem Coaching-Prozess zu beginnen.Man fühlt sich von ihr schnell unter Druck gesetzt. Das wirdsich später auch in der Gruppe immer wieder zeigen.10Einführung: Die Protagonistinnen

Zum Vorgespräch kommt sie 30 Minuten zu spät, da sie keinenParkplatz für ihren Sportflitzer finden konnte. Das scheint ihr aberkaum unangenehm zu sein. Insgesamt vermittelt sie den Eindruck,dass sie erwartet, dass die Welt sich nach ihren Regeln dreht. Evgenia ist 35 Jahre alt, trägt kurze schwarze Haare, Jeans und einesportlich-elegante Bluse. Sie scheint es gewohnt zu sein, im Mittelpunkt zu stehen. Ihr Schritt ist klar und dynamisch, sie wirktüberaus präsent. Probleme, sich karrieremäßig durchzuboxen,scheint diese Frau nicht zu haben, denkt man sofort. Irgendwiehat sie auch etwas sehr Kumpelhaftes an sich. Mit ihrem Charisma und ihrer Energie kann sie sicher schnell Menschen in ihrenBann ziehen.Keine Probleme,sich durchzuboxenEvgenia erzählt, dass sich ihre Partnerin vor fünf Jahren von ihrgetrennt hat und sie seitdem Single ist. Sie lebt in MünchenSchwabing in einer Eigentumswohnung, die sie sich vor zwei Jahren gekauft hat. Eigentlich ist sie mit ihrem Leben ganz zufrieden,wenn da nicht immer wieder die typischen Männerspiele im Unternehmen wären, die es ihr fast unmöglich machen, in eine höhere Position aufzusteigen. Ursprünglich hat sie BWL studiertund kommt aus einer Unternehmerfamilie. Geld und Status sindihr wichtig und sie möchte ihren hohen Lebensstandard weiterhinhalten. Direkt nach ihrem Studium startete sie ihre Karriere bei einem renommierten Automobilkonzern in der Controlling-Abteilung. Da sie nicht aus München wegziehen wollte, pendelt sie. Sieglaubt, dass das einer der Gründe war, warum ihre Partnerin sichvon ihr getrennt hat. Es blieb einfach zu wenig Zeit, um sich miteinander zu beschäftigen, zumal Evgenia an den Wochenendennicht auf dem Sofa sitzt, sondern als Extremsportlerin in den Bergen klettert oder mit dem Mountainbike unterwegs ist. Eine Partnerschaft wäre für sie durchaus wieder erstrebenswert, aber deswegen kommt sie nicht zum Coaching.Evgenia ist vielmehr beruflich etwas frustriert. Sie hat sich in denletzten Jahren neben dem Job in vielen Bereichen weiterentwickelt,unter anderem hat sie am High-Potential-Programm ihrer FirmaEinführung: Die Protagonistinnen11

Zuhörenliegt ihr nichtteilgenommen. Ihren Chef konnte sie auch überreden, ihr eineneinjährigen Managementlehrgang in St. Gallen zu finanzieren.Man kann sagen, Evgenia ist bestens ausgebildet. Im Gesprächwird aber deutlich, dass sie eines nicht so gut kann: zuhören undden Gesprächspartner aussprechen lassen. Es ist kaum möglich,einen Satz zu beenden, ohne dass sie unterbricht. Das macht dieUnterhaltung mit ihr sehr anstrengend, was sie aber wenig zu stören scheint.Auf die Frage, welches Ziel sie im Coaching verfolgt, gibt sie diefolgende Antwort: „Ich habe jetzt einige Jahre sehr gute Ergebnisse in meinem Bereich erzielt. Mir wird immer wieder gesagt, dassich das Zeug dazu habe, richtig Karriere zu machen. Aber irgendwie passiert einfach nichts. Nun habe ich auch einige Managementkurse absolviert. Aber auch das scheint nichts zu ändern.Mein Ziel ist ganz klar, mehr Geld zu verdienen und eine höherePosition bei meinem Arbeitgeber zu erhalten. Ich selbst habe gerade keine Idee, was ich noch machen kann, um das zu erreichen,und brauche Anregungen von außen. Das ist meine Erwartung andas Coaching.“GabyMit Coachings, Trainings und Therapien kennt Gaby sichbestens aus. Die 43-jährige Mutter einer Teenager-Tochter investiert viel Geld in immer neue Hilfsangebote undlässt ihre ganze Umgebung an der jeweiligen Unterstützungsmaßnahme teilhaben. Gaby kann gut erzählen undnicht selten enden solche Freundinnen-Abende mit viel Prosecco und Gelächter – und einem furchtbaren Kater am nächstenMorgen. Manchmal kann Gaby dann nicht zur Arbeit gehen oderhält Termine nicht ein.Das ist typisch für Gaby: Einerseits wünscht sie sich Hilfe, andererseits schafft sie es nicht, einen Weg konsequent zu verfolgen. Zu oft schon hat sie Hilfsangebote abgebrochen, ist einfach12Einführung: Die Protagonistinnen

nicht mehr hingegangen. Irgendetwas scheint sie immer wiederdavon abzuhalten, sich wirklich um sich selbst zu kümmern. Dabei ist sie mit so einigem in ihrem Leben unzufrieden. Wenn sieehrlich ist, schämt sie sich für ihre Körperfülle, und sie würde sogern endlich ankommen – beruflich wie privat. Ihre letzte Beziehung ist schon lange her, und in den vergangenen Jahren hat sichkaum ein Mann für sie interessiert. Gaby bedauert das, doch andererseits fragt sie sich, ob sie überhaupt noch beziehungsfähigist. Vielleicht ist es besser ohne Mann, denkt sie manchmal. Wennnur nicht immer diese finanziellen Sorgen wären. Denn eigentlichgenießt Gaby gern das Leben und begeistert sich für viele Dinge.Tochter Amelie ist genervt von der Unstrukturiertheit ihrer Mutter. Sie hasst die (Nach-)Lässigkeit, mit der Gaby sich durchs Leben hangelt. „Wie du wieder aussiehst! Schmink dich doch mal.Und deine Haare müssen auch nachgefärbt werden“, klagt die Jugendliche des Öfteren.Hangelt sich(nach-)lässigdurchs LebenIhre Mutter ist ihr peinlich, das wird schnell deutlich. WährendAmelie stets wie aus dem Ei gepellt wirkt, scheint sich Gaby an löcherigen Socken, herausgerissenen Säumen und schlabberigenPullis überhaupt nicht zu stören. Darauf angesprochen, wird Gaby ein bisschen rot, fegt das Thema aber schnell vom Tisch. Sie habe halt nicht so viel Geld, und außerdem, für wen soll sie sich aufbrezeln? Ja, das liebe Geld: Dieses Thema begleitet Gaby, solangesie denken kann. Schon früh hat sie sich verschuldet, um ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin bezahlen zu können. Später kamenweitere Lehrgänge hinzu. Denn nach wenigen Jahren im Berufmerkte sie, dass sie die körperliche Belastung kaum mehr schaffte. Sie machte dann Weiterbildungen im Wellness- und Esoterikbereich, bis sie schließlich Reiki für sich entdeckte.Als selbstständige Reiki-Therapeutin ist ihr Einkommen sehr unregelmäßig. Die Arbeit macht ihr Spaß, und ihre Kunden liebendie unkonventionelle und fröhliche Art der Reiki-Meisterin. Umdas Geschäft jedoch auf eine solide Basis zu stellen, würde siedeutlich mehr Klienten benötigen. Doch schon jetzt ist sie überEinführung: Die Protagonistinnen13

fordert: Termine vereinbaren, zu den Kunden fahren, Rechnungen schreiben, dann die ganze Buchhaltung. Neulich ist auch nochder Computer kaputtgegangen, und sie müsste sich eigentlichdringend einen neuen besorgen. Aber dafür fehlt das Geld. So leihtsie sich den Laptop ihrer Tochter aus, die nur mit den Augen rolltund ihrer Volljährigkeit entgegenfiebert, um dem Chaos zu Hause zu entkommen. Manchmal bittet Gaby Freunde, ihr finanziellauszuhelfen. Und immer wieder nimmt sie Gelegenheitsjobs an:Sie backt Kuchen für ein Ökocafé, strickt für ein kleines BerlinerMode-Label und manchmal geht sie sogar putzen.Tochter schenktihr ein CoachingAls sie an ihrem 43. Geburtstag nach einem schlecht bezahltennächtlichen Putzjob morgens in ihrer Wohnung ankommt, hatAmelie bereits den Frühstückstisch gedeckt. Auf ihrem Teller liegen ein Schmink-Set und ein Gutschein. Darauf steht: „Mama, sogeht es nicht mehr weiter. Du musst dein Leben in den Griff kriegen.“ Gaby ist überrascht und gerührt: Ihre Tochter hat ihr einCoaching geschenkt! Von dem Geld, das sie mit Nachhilfestunden verdient. Verkehrte Welt. „Aber wirklich durchhalten diesmal, Mama!“ Gaby verspricht es. Als Amelie das Haus verlassenhat, stellt sie sich vor den Badezimmerspiegel. Eine blasse, etwasschwammige, überanstrengte Frau blickt ihr entgegen. Gaby erschrickt: Wo ist die fröhliche, mitreißende Person geblieben, alsdie sie sich immer sah? Plötzlich fühlt sie sich ganz schön alt. Undihr wird klar: Wenn sie wirklich etwas ändern will in ihrem Leben,dann ist es höchste Zeit, die Kurve zu kriegen. Sie greift zum Telefon und meldet sich zum Coaching an.MarionMarion erkundigt sich zunächst telefonisch über das Coaching-Programm. Am Telefon ist es schwierig, sie zu verstehen. Ihre Stimme klingt etwas belegt und sie sprichtsehr leise und verschluckt den ein oder anderen Buch staben. Man hat gleich das Gefühl, dass es ihr sehr unangenehm ist, sich zu zeigen.14Einführung: Die Protagonistinnen

Sie erzählt, dass sie etwas außerhalb der Stadt wohnt und daherschauen muss, ob sie es zeitlich einrichten kann, am Coachingteilzunehmen. Nach dem Telefonat erklärt sie sich aber bereit, ersteinmal vorbeizukommen und in einem persönlichen Gespräch alles Weitere zu klären.Zwei Tage später kommt sie vorbei. Dem ersten Eindruck nachwirkt Marion eher unscheinbar. Sie ist mittelgroß, etwas rundlichund scheint ihre Kleidung eher zweckmäßig zusammenzustellen.Einzig ihre rot gefärbten Haare passen nicht ganz zu ihrem Auftritt. Marion erzählt etwas über sich: Sie hat zwei erwachsene Kinder, die beide ausgezogen sind und in anderen Städten leben. Mitihrem Mann, mit dem sie seit 25 Jahren zusammen ist, lebt sieam Stadtrand in einem gemieteten Reihenhaus. Alles gehe seinenGang und sie sei nicht wirklich unzufrieden, erklärt sie, aber fürsie sei jetzt die Zeit gekommen, für sich noch einmal etwas zu verändern. In den letzten 15 Jahren war sie sehr auf die Familie fixiertund hat alles dafür getan, dass sich ihr Ehemann und auch die Kinder zu Hause wohlfühlen. Damit war sie durchaus glücklich, aberjetzt möchte sie sich selbst mal wieder etwas Gutes tun.Wirkt ziemlichunscheinbarSie ist noch etwas unsicher, ob sie in das Coaching-Programmpasst, da sie die Vorstellung hat, dass alle anderen Teilnehmerinnen ihr überlegen sind. Ihr gehe es keineswegs vorrangig darum,mehr Geld zu verdienen, das macht sie noch einmal deutlich. Finanziell sind ihr Mann und sie abgesichert und stellen an das Leben auch keine sehr großen Ansprüche. Ein Karrierecoaching istalso nicht das, was ihr vorschwebt.Auf die Frage, was genau denn ihr Ziel sei, antwortet sie: „Ich binseit 25 Jahren Buchhalterin. Mein Arbeitgeber, mit dem ich mittlerweile auch privat gut befreundet bin, hat seine Firma am Stadtrand und beschäftigt 30 Mitarbeiter. Meine Arbeit hat mir immerFreude gemacht und ich mag es, lange für eine Firma zu arbeiten. Irgendwie ist es wie ein Stück Familie. Fast alle Kollegen sinddort seit 20 Jahren oder länger beschäftigt. Nachdem nun aber dieEinführung: Die Protagonistinnen15

Möchte nocheinmaldurchstartenKinder aus dem Haus sind und ihr eigenes Leben gestalten, merkeich, dass ich noch einmal durchstarten möchte. Irgendwie muss esdoch noch mehr geben als das, was ich tue. Ich kann es noch garnicht so richtig in Worte fassen, da mir selbst noch gar nicht klarist, was genau ich ändern möchte. Aber ich merke, auch ich habenoch Träume, die gelebt werden wollen. Wie gesagt, ich glaubenicht, dass es bei mir um den großen Karriereschritt geht. Wenndas Coaching nur darauf ausgerichtet ist, dann bin ich hier falsch.Mich interessiert vielmehr, was ich außerhalb des Jobs für michtun kann. Ich würde zum Beispiel gerne wieder mehr Sport machen, etwas mehr reisen oder mich karitativ einbringen. Irgendwienoch etwas Sinnvolles im Leben tun. Das wäre toll.“Marion merkt schon beim Sprechen, wie wichtig ihr die eigene Reflexion dieser Themen ist, und sie fängt fast an zu weinen. Es berührt sie sehr, endlich einmal die Zeit und den Raum zu bekommen, über ihre Wünsche und Träume zu sprechen. Man hat fastdas Gefühl, dass sie ein wenig auflebt, lebendiger und fröhlicherwird. Ihre Mimik entspannt sich und insgesamt wirkt sie offener.Nachdem Marion die Rahmenbedingungen des Coachings verstanden hat, sagt sie, dass sie das kurz mit ihrem Ehemann zuHause besprechen möchte und gleich am nächsten Tag Bescheidgeben wird, ob sie teilnimmt. Beschwingt verlässt sie den Raum.Am nächsten Tag kommt dann auch prompt eine Nachricht: Siemöchte gerne teilnehmen und freut sich sehr auf das Coaching.AnaWenn Ana einen Raum betritt, sind ihr bewundernde,aber auch neidische Blicke sicher. Sie verkörpert in jederHinsicht ein Schönheitsideal: Sie ist schlank und hoch gewachsen, hat naturblondes, weich fallendes Haar undeine ebenmäßige Haut und wirkt adrett und sehr gepflegt.Dass die gebürtige Ukrainerin bereits 53 Jahre alt ist, da raufwürde wohl kaum jemand kommen. Sie hat eine beinahe jugend-16Einführung: Die Protagonistinnen

liche Ausstrahlung. Gern trägt sie Pastelltöne und figurbetonte, mitglänzenden Sternen und Herzen bedruckte Stoffe. Viel Schmuckklimpert an Hals und Handgelenken. Dazu passt ihre glocken helleMädchenstimme. Auch nach vielen Jahren in Deutschland ist erimmer noch da, der ukrainische Akzent. Ana spricht viel, laut undohne Punkt und Komma – oft, ohne genau durchdacht zu haben,was sie eigentlich sagen will. Und sie lacht viel, fast jeder Satz endet mit einem kleinen Kiekser. Manche finden das charmant, andere sind genervt von so viel raumgreifender Präsenz.Ein gehobener Lebensstil ist Ana wichtig. Diesen zu halten, ist zurzeit ihre größte Sorge. Denn ihr Mann und sie leben in Scheidung.Nach über 20 Jahren Ehe hat er sie verlassen – für eine deutlich jüngere Frau. Mit seiner neuen Freundin will er noch einmal eine Familie gründen. Ana ist verletzt und wütend, aber aus Rücksicht aufihre beiden Söhne hält sie sich zurück. Und kooperiert. Das großeEinfamilienhaus am Stadtrand hat sie verlassen, lebt jetzt in einerkleinen Dreizimmerwohnung. Ein Abstieg in jeder Hinsicht – soempfindet sie es. Während sie mit ihrem Mann um Geld undBesitz streitet, macht sie sich Gedanken um ihre Zukunft: Wassoll sie nur tun? Für ihre Familie hat Ana ihren Job sausen lassen,rund 20 Jahre hat sie nicht gearbeitet, sondern ihrem Mann denRücken freigehalten und die Kinder großgezogen. In den altenJob zurück – das kommt für Ana nicht infrage.Eine Schönheitmit raumgreifenderPräsenzDoch sie will auch auf keinen Fall etwas an ihrem Lebensstil ändern, und dazu gehört ein gut gefülltes Bankkonto. Damals, in ihren Zwanzigern, hat sie als Hostess gejobbt. Und sie hat es geliebt: internationales Flair, Partys, Pomp, die große Freiheit. IhrZiel hatte sie immer vor Augen: um jeden Preis raus aus den beengten Verhältnissen, in die sie hineingeboren wurde. Ihr Traumwurde wahr. Am Rande eines internationalen Kongresses in Kiewsprach ihr späterer Mann Helmut sie an. Ana wusste: Das ist meineChance. Sie umgarnte ihn, war für ihn da und ließ ihn nicht mehrlos. Denn er konnte ihr bieten, wovon sie, wovon alle ihre Freundinnen träumten: Geld, Status, Familie, ein sorgenfreies, luxuriöEinführung: Die Protagonistinnen17

ses Leben. Als er sie wenige Monate später nach Deutschland holte und heiratete, war ihr Glück vollkommen. Endlich Prinzessin!Kassensturz nachder ScheidungAus der Traum: Jetzt ist erst mal Kassensturz angesagt, in jederHinsicht. Auf der Habenseite: Zu ihren Söhnen Nikias und Leander hat Ana eine gute Beziehung. Nikias wohnt noch im Elternhaus, Leander studiert in Heidelberg. Ana hofft, dass Nikias vielleicht doch zu ihr zieht. In ihrer Dreizimmerwohnung hat sie dasgrößte Zimmer für ihn reserviert, als Gästezimmer hergerichtet.Jetzt, wo ihr Leben ihr entglitten ist, greift sie nach jedem Strohhalm. Doch das Nesthäkchen findet es ganz bequem bei seinemVater und der neuen Frau, die kaum älter ist als er. Seine Muttertut ihm zwar leid, aber er ist seinem Vater nicht böse. Ana findetdas ungerecht, aber sie hütet sich, ihm Vorwürfe zu machen. Siewill ihren etwas verwöhnten Jüngsten nicht auch noch verlieren.Ana hat zwar viele Bekannte durch das geschäftliche Umfeld ihresNoch-Ehemannes, der als Manager in einem Energiekonzern arbeitet, aber keine beste Freundin. Aufgrund ihres stets makellosenAussehens und ihrer immer etwas überdrehten Art erleben andere Frauen sie oft als Konkurrenz. So empfindet sie es zumindest.Und die Bekannten ihres Mannes solidarisieren sich mit ihm undnicht mit ihr. Da ist ein großer sozialer Rahmen weggebrochen.Verständlicherweise fühlt Ana sich sehr allein.Glück im Unglück: Gerade hat sich eine alte Bekannte aus früheren Tagen zurückgemeldet. Sie weiß, was es bedeutet, plötzlichallein dazustehen. Lucia ist verwitwet und hat vor einigen Jahrennoch einmal ganz von vorn angefangen. Heute betreibt sie rechterfolgreich ein Kosmetikstudio. Sie spricht Ana Mut zu und willihr unter die Arme greifen. Als Geschäftsfrau weiß sie, dass Anain ihrem Alter und mit ihrem gepflegten Aussehen ein Aushängeschild für ihren Salon wäre. „Was meinst du, kannst du dir vorstellen, mir ein, zwei Tage die Woche im Studio zu assistieren?“, fragtsie sie. Viel bezahlen kann Lucia nicht, aber es wäre ein Anfang.Und Ana käme unter Leute. Spontan sagt sie zu.18Einführung: Die Protagonistinnen

Karriere oderPrivatleben –eine StandortbestimmungTag1Wie stabil ist das Fundament, auf das ich mein Lebengründe? Wie stark ausgeprägt sind die einzelnen Säulenmeines Lebenshauses? Fühle ich mich wohl mit der Ge wichtung – oder kann ich mein Lebenshaus (noch) besseraufstellen? Anpassungsleistungen können viel oder wenigStress bedeuten. Ob das gut oder nicht so gut ist und wiees gelingen kann, sich den täglichen Herausforderungenselbstbewusst zu stellen, darum geht es im Folgenden.In welchem Lebenshaus fühlen Siesich wohl?Die Gruppe steht! Vier Wochen nach den Einzelgesprächen findet das erste Treffen mit allen fünf Frauen in Hamburg statt. Damit sich alle Teilnehmerinnen Zeit nehmen können, haben wir einen Samstagstermin von 9 bis 15 Uhr gewählt. Um das Arbeitenan der eigenen Veränderung zu erleichtern, waren wir auch beider Auswahl des Raumes kreativ: Wir treffen uns im Denkraumder Brainery – Ideen fürs Leben (ehemals: Modern Life School) inHamburg.Pünktlich um 8.50 Uhr trudeln alle Teilnehmerinnen ein und esgibt zur Einstimmung erst einmal Kaffee und Tee. Es wird deutIn welchem Lebenshaus fühlen Sie sich wohl?19

Sie lebt in München-Schwabing in einer Eigentumswohnung, die sie sich vor zwei Jah-ren gekauft hat. Eigentlich ist sie mit ihrem Leben ganz zufrieden, wenn da nicht immer wieder die typischen Männerspiele im Un-terne