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Das Sophienbad in Reinbek- von der Kaltwasseranstalt zum Amtsgericht -Mancher Fremde, der mit der Bahn nach Reinbek kommt, wundert sich über das große, einem Herrenhaus ähnliche Gebäude hinter den mächtigen alten Bäumen. Er kann heutzutageaber schnell erkennen, dass er vor dem „Amtsgericht“ steht. Ein ortsgeschichtliches Schild,das unser Museumsverein aufstellte, sagt uns: hier steht das „Sophienbad“ in der Wildkoppel – seit 150 Jahren und hat im Laufe der Zeit sein Aussehen etwas verändert.Das „Gehege Wildkoppel“ – in alten Flurbüchern „Herzoglicher Thiergarten“ genannt – gehörte ursprünglich zum Schlossbereich. Hier jagte der Herzog mit seinen Gästen.Zur Erleichterung der Jagd wurdedas Wild durch Fütterung an diesen Platz gewöhnt oder es wurdedurch Forstarbeiter aus den angrenzenden Waldgebieten zugetrieben.Ein Bach durchfloss die Wildkoppel in Nord-Süd-Richtung.1846 wurde die EisenbahnstreckeBergedorf-Berlin ausgebaut undschnitt die Wildkoppel vomSchlossgarten ab. Auch der Bachwurde von seinem Unterlauf getrennt.Die Bahn brachte Reinbek den erstrebten wirtschaftlichen Aufschwung; die kurze Fahrtzeitnach Hamburg machte den Ort nicht nur als Villenvorort interessant, sondern auch als Ausflugsort.

Die Gunst der Stunde nutzte der Sanitätsrat Dr. Georg Julius Andresen. Er erwarb im Jahre1857 3 Parzellen des Geheges Wildkoppel, um auf dem Gelände eine Kaltwasserheilanstaltzu errichten. Verkäufer war das Königliche (dänische) Ministerium für die HerzogtümerHolstein und Lauenburg.Dr. Andresen hatte mit dem Kaufauch die Nutzung der Quellen inder Wildkoppel erhalten.Neben der Kaltwasserheilanstalt,dem Sophienbad, wurden noch 3Wohnhäuser, zwei Logierhäuser,eine Musikhalle, ein Pavillon, einEiskeller, ein Kohlenschauer und einSchuppen für das Federvieh errichtet. Den Namen erhielt das Kurbadund die Quelle von Andresens Ehefrau Sophie. Auch die Sophienstraße trägt ihren Namen. Frau Sophie ist mit bauschiger Krinolinegeschildert worden, und das Personal hatte den Eindruck, sie könne überall gleichzeitig sein.Am 9. April 1858 wird „Das Sophienbad, Diätische Pflege-und Wasser-Heilanstalt“ eröffnet.Zur Einweihung wird ein Fest mit Feuerwerk gegeben. Die Sophienquelle ist als Fontänegefasst.Zur Zeit dieser Gründung war dasKuren mit kaltem Wasser eine neueHeilmethode. Der allseits bekannteSebastian Kneipp (1821 –1897) hatteum 1850 die heilende Wirkung desWassers entdeckt und Therapien entwickelt. Es wird gemunkelt, dass erseine Ideen einem bereits 1833 erschienenen Buch entlehnt hat, das sichmit den Grundlagen der Wasserheilkunde beschäftigte, wie sie VinzenzPrießnitz (1799-1851) betrieben hatte.Prießnitz erhielt 1831 die Genehmigung, eine Kaltwasserheilanstalt (vor den Toren Wiens) zu errichten.Die Kurgäste im Sophienbad, das sich wachsender Beliebtheit erfreute, nahmen Bäder „inmancherlei Temperaturen, warm, kühl und kalt.“ Sie promenierten in der Wildkoppel, hielten Diät, ruhten, konnten sich aber auch im Musikpavillon oder im Lesezimmer zerstreuen.In einem Prospekt aus der Zeit von ca. 1870 steht: „Für Kuh- und Ziegenmolken, Dampfbäder und Herrichtungen zu gymnastischen Übungen ist Sorge getragen und neuerdings auchfür Massage.“ Die Kuren sollen bei Gicht, Rheumatismus, Unterleibserkrankungen, Nervenleiden u.ä. helfen. Schwindsüchtige, Diabetiker, Epileptiker und Geisteskranke finden keineAufnahme. Auch im Winter ist das Bad geöffnet, für warme und trockene Zimmer ist gesorgt.

Das Quellhäuschen um 1900Die Sophienquelle befand sich seit 1854 in einem gemauerten Quellhäuschen. Das Häuschentrug die griechische Inschrift: „Hydor men ariston“ – Wasser ist das Beste.Der Hamburger Maler Otto Speckter (1807-1871) ist zur Zeit der Direktion von Dr. AndresenKurgast im Sophienbad. Er schildert seiner Frau anschaulich das Kurleben:„.es ist gar so schön hier im Holz, bis 10 Uhr ruhe ich auf meinem Zimmer, dann istSitzbad. Das gewährt einen heiteren Anblick: In einem großen Raum sitzen wohl 20 Personen, alle mit langen weißen Gewändern, die meisten mit Turbanen auf dem Kopf, bis einerplötzlich sich erhebt und seinen bloßen Allerwertesten zeigt, worauf gleich ein Wärter hinzuspringt und an zu reiben fängt. ich glaubte in eine mohammedanische Sekte zu treten undglaubte, sie würden gleich anfangen, einen Tanz aufzuführen. Wenn man noch fremd mitdiesen Sitten ist, so ist es nicht angenehm.“.Quellhäuschen um 1930Das weitere Schicksal der KaltwasserHeilanstalt ist für Dr. Andresen nichtimmer eine reine Freude gewesen. Besonders die finanzielle Seite dieses Unternehmens bereitete manche Schwierigkeiten. Im Jahre1879 wurde eine Aktiengesellschaft gegründet, Dr. Andresen wurde Hauptaktionär mit derBestimmung, auf Lebensdauer leitender Arzt und einer der drei Direktoren dieser Heilanstalt zu bleiben.

Als Dr. Andresen 1882starb, wählte die Generalversammlung der A.G. Dr.med. P. H. Hennings ausSchwabstedt zum ärztlichenDirektor.Die Aktiengesellschaft geriet jedoch weiterhin in finanzielle Bedrängnis und1910 musste das Konkursverfahren eröffnet werden.Im Jahre 1917 ging die gesamte Anstalt an einen Verband der Ortskrankenkassen über, das Sophienbadwurde nun ein „Genesungsheim“.Im Garten war ein kleiner Brunnen eingerichtet, den man „Sophienquelle“ nannte, obwohlsich das eigentliche Quellhäuschen weiterentfernt in der Wildkoppel befand.Erholung im Garten

Das Gesellschaftszimmerim ErholungsheimIn den 1930er Jahren erwarb die Landesversicherungsanstalt Hamburg das Haus und machtees zu einem Jugendheim.Eine Hamburger Zeitung schreibt am 20. 6. 1939 im typischen Stil der damaligen Zeit:.“Insgesamt 120 erbwertige Kinder sind in dem neuen Reinbeker Jugendheim untergebrachtworden. Mit der Schaffung des Jugendheims findet die Absicht des Landesjugendamtes,erziehungsbedürftige Kinder aus der Großstadt in eine gesunde Umgebung zu bringen, ihren praktischen Ausdruck.“ Am Schluss des Artikels heißt es noch: .“wer vor allem denHeimleiter kennt und die Hausmutter und seine sonstigen Mitarbeiter, der weiß, daß hierwichtige nationalsozialistische Erziehungsarbeit geleistet wird, damit aus den Kindernstramme Kerle und frische deutsche Mädel werden.“1938 700-Jahrfeier ReinbeksIn der NS-Zeit nutzte man die Wildkoppel für ideologische Zwecke, drainierte das nördlicheGelände, um einen Aufmarschplatz, genannt „Thingplatz“, zu errichten.Das Bild zeigt noch das geschmückte Quellhäuschen 1938 zur 700-Jahr-Feier Reinbeks.

Im Stadtarchiv befindet sich ein mehrseitiger „Vorschlag zur Gestaltung der Sophienquelle“von 1934. Der Text ist in seiner ideologischen Schwülstigkeit kaum zu übertreffen:„Sophienquell im Freiheitsbrunnen des heiligen Haines zu Reinbek“[. ] So mögen denn künftig, wenn die Gemeinde Reinbek zu Weihestunden am Quell der Weisheitim Freiheitsbrunnen sich versammelt, deutsche Jungfrauen, die künftigen Hüterinnen heiligen deutschen Herdfeuers, in feierlichem Zuge unter Weihegesängen einen ehernen Dreifuß herbeitragen, ausdem mit flackernder Flamme das Feuer emporlohe als Opferrauch zum Vater des Alls. Stählerne Armedeutscher Jünglinge heben den Dreifuß empor auf den deckenden Felsblock der Brunnenstube unterheiligem Schweigen der Volksgemeinde. Das Haupt der Gemeinde füllt ihn mit geeignetem Brennstoffe und eine altehrwürdige Mutter aus der Gemeinde entzündet diesen, dazu einen Spruch der Weisheit und des Segens raunend. Nun schöpft die Gattin des Gemeindeoberhauptes aus dem Quell derWeisheit und besprengt mit dem heiligen Wasser die zunächst stehenden Gemeindeglieder und eröffnet damit die Weihestunde für die Gemeinde, die sich in festlichem Zuge im heiligen Hain versammelte, ehe die Jungfrauen den Dreifuß herbeitrugen. [.]TierbrunnenDie Umgestaltung der Quelle nach diesen Vorschlägen wurde nicht vollzogen, aber nach1938 wurde das alte Quellhäuschen abgerissen.An der Stelle entstand ein schöner Tierbrunnen mit Waldtier-Figuren aus Terrakotta, Eichhörnchen, Eichelhäher, in der Mitte Eulen. Der später zum Reinbeker Ehrenbürger ernannteDr. med. Odefey stiftete einenamhafte Geldsumme für dieHerstellung der Tiere.Leider wurde schon in den1940er Jahren vieles an demBrunnen durch Vandalismuszerstört. In den Kriegsjahrenhatte man andere Sorgen, alsdie Restaurierung dieses Zierbrunnens, und so dauerte es bis1950, ehe er wieder in Ordnunggebracht wurde.Die Prinzessin und der FroschkönigDie Tierfiguren wurden nicht erneuert, diesmal setzte man, wieder mit finanzieller Unterstützung von Dr. Odefey – eineMärchenfigur auf den Mittelsockel: eine Prinzessin mitFroschkönig. 1961 wurde auch diese Figur zerstört, nach Erneuerung 1963 noch einmal, dann gab die Stadt auf.Mitglieder des Museumsvereins Reinbek brachten die an derStelle existierende buschbedeckte Grünfläche 1992 wieder inOrdnung, sie wird nun von der Stadt weiter gepflegt.

Zurück zum Sophienbad:Am Ende des II.Weltkrieges 1945/46 diente es den britischen Besatzungstruppen als Stützpunkt und Unterkunft.Danach war es Krankenhaus, sogar mit einer eigenen Geburtsabteilung.1952 übernahm dieStadt Hamburg dasHaus, und das Sophienbad wurde wieder Jugendheim. Ineinem Zeitungsartikelvon 1975 lesen wir: „ Kaum ein Reinbekeraber, so scheint es, hatsich je Gedanken darüber gemacht, was dasfür Kinder sind, die da mitten unter ihnen leben [.] man erfährt, daß hier Hamburger Kinder leben, die durchweg Fürsorgezöglinge sind. Beileibe keine kleinen Übeltäter und verwahrloste Geschöpfe. Grund für ihre Überstellung in ein Heim sind die familiären Verhältnisse, unter denen sie zu Hause aufgewachsen wären. Ihre Eltern haben zum Teil selbst umErziehungshilfe nachgesucht, zum Teil hat die Jugendfürsorge bestimmt: Das Kind kommtnach Reinbek.“ 70 junge Hamburger zwischen 6 und 13 Jahren leben in Reinbek. Auf demGelände befindet sich eine Heimschule, 1980 kommt eine Turnhalle dazu.In den 1980er Jahren werden auch Jugendliche im Heim untergebracht. Sie gehen z.T. auf dieöffentlichen Schulen in Reinbek und Bergedorf.In den 1990er Jahren:Das Verhältnis der Reinbeker Bevölkerung zu den Kindern und Jugendlichen aus dem Heimwurde im Laufe der Jahre immer angespannter. Besonders die Bewohner der Häuser in derNähe des Sophienbades beschwerten sich über mutwillige Zerstörungen und Diebstähle. ImStadtarchiv befindet sich einedicke Akte darüber.So beschloss die HamburgerBehörde im Jahre 1989/90 dasJugendheim zu schließen unddie Bewohner in dezentralenKinderhäusern und Jugendwohnungen unterzubringen.Der damalige Reinbeker Bürgermeister Kock begrüßte dieSchließung.

In den Jahren 1991/92waren Aus- und Übersiedlerfamilien aus derehemaligen Sowjetunionim Sophienbad untergebracht.Leider gibt es schon langekeine Freitreppe mehrvor der Veranda.Die private Wohnungsbaugesellschaft Behrendt erwarb das Sophienbad, renovierte dasHaus und vermietete es an das Justizministerium des Landes Schleswig-Holstein, denn eswurde Raum für das Amtsgericht Reinbek gebraucht. 1999 zog das Gericht ein.Die KaltwasseranstaltSchauen wir noch einmal zum Abschluss auf eine alte Ansicht der Kaltwasseranstalt von Dr.Andresen.

Das Sophienbad in Reinbek - von der Kaltwasseranstalt zum Amtsgericht - Mancher Fremde, der mit der Bahn nach Reinbek kommt, wundert sich über das große, ei-nem Herrenhaus ähnliche Gebäude hinter den mächtigen alten Bäumen. Er kann heutzutage aber schnell erkennen, dass er vor dem „Amtsgericht“ steht. Ein ortsgeschichtliches Schild,