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Sroka, KatrinDas Konzept von Achtsamkeit im professionellen Kontextder Sozialen Arbeit am Beispiel der HelferInnen in derKinder- und JugendhilfeMASTERARBEITHOCHSCHULE MITTWEIDAUNIVERSITY OF APPLIED SCIENCESFakultät Soziale ArbeitMittweida2019

AnhangInterviewleitfaden: „Achtsamkeit der HelferInnen in der Kinder- und Jugendhilfe“Leitfrage (Erzählaufforderung)Check/MemoAufrechterhaltungs- und SteuerungsfragenThemenbereicheKonkrete FrageFragetypVorstellung der eigenen PersonWürden Sie sich bitte kurz vorstellen?(Berufsmotivation, Berufserfahrung etc.)Beziehungen zu KlientInnen Strukturen in der Institution Arbeitszeiten Welche Menschen nehmen Kinder- undJugendhilfe in Anspruch?Wie gelingt es Ihnen ein gutes,vertrauensvolles Arbeitsverhältnis zu ihrenKlientInnen aufzubauen?Wie schaffen Sie es sich abzugrenzen?Wie sieht ihr normaler Arbeitsalltag aus?Wie läuft der ab?Welche Herausforderungen/Belastungensehen Sie für sich in diesem Arbeitsfeld?Welche Unterstützungsangebote könnenSie und ihr Team in Anspruch nehmen?Wenn Sie auf die Arbeit in den letzten zweibis drei Jahren blicken, was hat sich daverändert?Werden Sie mehr vereinnahmt vomArbeitgeber?2

Nähe und Distanz Bewältigungsstrategien Platz für eigene Ideen/Gedanken/Anregungen Was sind das für Situationen in denen esschwer fällt?Was erleichtert es Ihnen damit zurecht zukommen?Was empfinden Sie als belastend?Wie schaffen Sie es das zu bewältigen?Welche Strategien besitzen Sie, um nachder Arbeit abzuschalten?Was bedeutet für Sie Achtsamkeit undMeditation?Was tun Sie für sich und ihre eigeneGesundheit?Haben wir etwas vergessen, was Ihnennoch am Herzen liegt?Bedanken3

1Interview 12I: „Ja herzlich willkommen (Pause) zum Interview. Und zwar äh geht es ja um3die Achtsamkeit der Helferinnen in der Kinder- und Jugendhilfe und äh dazu4würde ich Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Ähm selbstverständlich ist alles5anonym und vertraulich, das haben wir ja schon im Prinzip verschriftlicht und6schriftlich gemacht ähm genau wird alles vertraulich behandelt und äh dann im7Nachhinein nur für die Arbeit verwendet und dann wieder vernichtet. Jaa und8zwar würde ich erst mal gerne, würden Sie sich bitte kurz vorstellen bissel‘ was9zu Ihrer Person sagen?“1011A: „Soll ich meinen Namen auch mit nennen, ist das mit gewünscht? Ja?1213I: Ja, gerne gerne.1415A: Ich arbeite schon sehr lange im Jugendhilfebereich. Ich bin 58 Jahre alt und16seit drei Jahren hier in Dresden ähm in der Teamleitung, aber bin schon seit elf17Jahren hier in diesem sozialpädagogischen Betreuungsdienst Delphin so nen-18nen wir uns tätig. Ja, ich selbst habe zwei erwachsene Kinder, bin geschieden19und äh hab‘ auch vor die nächsten Jahre hier bei Delphin weiterzuarbeiten.2021I: Schön, ähm also diese Institution heißt sozusagen Delphin. Wie sieht denn ihr22normaler Arbeitsalltag aus? Wie läuft der, wie läuft der ab?2324A: Ja, das was mich nach wie vor fasziniert an meiner Arbeit ist die Vielschich-25tigkeit meiner Aufgaben. Im Moment bin ich hier in der mittleren Leitungsebene26Teamleitung für unsere Außenstelle. Wir haben in Chemnitz unser Mutterhaus27und ich trage hier Verantwortung für acht Kollegen also ein Kollege seit kurzem,28das andere alles Frauen also ein sehr starkes Frauenteam und ähm bei mir ge-29staltet sich der Arbeitsalltag immer festgemacht an dem was wir auch abliefern30müssen sprich‘ unseren Aufgaben und Klienten. Ähm ich supervidiere die ein-4

31zelnen Kolleginnen in Anleitung in verschiedenste Richtungen. Im Moment sind32wir in einem Prozess der Verwandlung, wo wir einzelne Projekte herauslösen33werden, was ein großer zusätzlicher Arbeitsaufwand ist und wir haben auch vor34im nächsten Jahr umzuziehen, weil wir also so ein gewachsenes Team jetzt35sind, was mich sehr fröhlich macht, aber gute Strukturen verlangt und ich bin36sehr froh, dass meine Kollegen so ähm großherzig sind, das alles mit mir aus-37zuhalten diesen ganzen Prozess gut und sicher zu gestalten.3839I: Hhhm. Also sieht der Arbeitsalltag aus, dass sie ins Büro gehen und da arbei-40ten.4142A: Ja, also ums nochmal konkreter zu benennen. Ich komm‘ also früh ins Büro,43schau‘ erst mal was das Aktuelle fürs Tagesgeschäft liefert, sprich‘ ich checke44die Emails, äh ich höre was an Aufträgen von unserm Mutterhaus äh gebraucht45wird, vernetze mich mit meinen zwei Mentis. Im Moment hab‘ ich eben auch46eine Weiterbildung laufen Mentoren-Menti-Programm, um zu schauen, was ak-47tuell läuft, aber ganz wichtig geprägt ist natürlich immer auch das aktuelle Ge-48schehen unserer Familien, die wir begleiten in ihren schwierigen Lebenssituati-49onen z.T. sind die psychisch sehr beeinträchtigt, was natürlich den Alltag (lacht)50unserer Kollegen auch sehr beeinflusst und das hat immer Vorrang auch in der51Priorität des Alltagsgeschäfts.5253I: Hmm, also was sind da so die Herausforderungen und Belastungen in diesem54Arbeitsfeld also in ihrem Arbeitsfeld genau?5556A: Ja, ich denke die Belastungen äh sind dort zu sehen wo Krisensituationen in57den einzelnen ähm Klientenfamilien oder bei den einzelnen Jugendlichen auf-58treten, da wir ähm einzelbetreutes Wohnen mit bedienen als Aufträge haupt-59sächlich vom Jugendamt und die Familienhilfen §31 ist Familienhilfe und 3460sind die Einzelfallhilfen, das sind diese hauptgroßen Gebiete, wo wir die meis-61ten Klienten betreuen, wenn sich da Krisen zusammenbrauen, dann ist das5

62schwierig eben mit anderen Terminen zu arrangieren, dann ist eben die beson-63dere Belastung die Absagen und Ansagen von Terminen, das man wenn ein64Termin wegfällt, dann dort wieder in eine andere Situation mit hineinspringt und65das ist wirklich besonders bei unserem Konstrukt Delphin. Da muss man sich66wirklich fit halten (lacht), um es mal vorsichtig auszudrücken.6768I: Ja, das glaube ich, also das denke ich auch so. Gibt’s bestimmte Unterstüt-69zungsangebote, die sie und ihr Team in Anspruch nehmen können, also was es70so gibt, um mit dieser Belastung fertig zu werden oder mit den Herausforderun-71gen?7273A: Jaa, das gibt es. Natürlich hat man selbst für sich die Verantwortung zu74schauen, was‘ nutz ich da selbst, da ist ja auch jeder Kollege anders. Ich selbst75habe qualitätssichernde Dinge als Möglichkeit, wenn ich an Grenzen stoße, ho-76le ich mir natürlich die nächste dafür passende Profession und hol‘ mir selbst ne77Supervision bei möglichen selbstgewählten Supervisoren, die uns dann hier vor78Ort supervidieren oder wir aufsuchend hinfahren. Andererseits haben wir natür-79lich auch die Möglichkeit jede Woche in unserem Team Situationen vorzutra-80gen, also ich kann natürlich auch als Kollege in Teamleitung mein Team nutzen81für meine Problematiken. Das muss ich dann vorher anmelden und reinbringen.82Oder aber dann im Mutterhaus mit meiner Kollegin, die in ähnlicher Situation ist83wie ich, die hat also den gleichen Job wie ich hier in Dresden in Chemnitz. Mit84der kann ich mich verabreden, das nutz‘ ich gern oder aber auch unserer Kolle-85gin und Chefin, die äh mit mir sich dann zusammensetzt, um nach Lösungen zu86finden, aber um auf sich selbst zu achten, hab‘ ich privat natürlich auch Mög-87lichkeiten, wo ich also Mediation mich gut selbst auskenne, dass ich also auch88mir jemanden da holen könnte oder selbst auch privat meditiere, aber da muss89ich gut auch achtsam sein, um das zur rechten Zeit zu machen nicht das es90dann schon soweit ist, das man zu sehr im Hamsterrad erstickt (lacht). Genau91ja.926

93I: (lacht): Hmm, genau da hatten sie schon was zu den Klienten äh Klientinnen94erzählt. Das wäre och so meine nächste Frage gewesen. Welche Menschen95nehmen so die Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch im Prinzip ham sie das ja96fast schon beantwortet denk‘ ich. Gibt’s noch was zu ergänzen?9798A: Ja, ich kann dazu noch was komprimiert sagen. Das ist unser Angebot, dass99wir ja wirklich Familien und Jugendliche in besonders schwierigen Lebenssitua-100tionen Hilfe geben. Wir stricken höchstindividuelle Hilfeformen, das zeichnet101uns aus hier in der Stadt und ist auch unsere Nische sozusagen. Das sind oft102Familien, die sehr viel Jugendhilfe schon durchschritten haben und an einem103Punkt sind, wo fast alle also Helfernetze, aber auch die Familien selbst schon104aufgeben haben, dann werden wir nochmal genutzt und wir schauen nochmal105nach ‘ner ganz andern Richtung. Wir gehen mit diesen Familien ungewöhnliche106Wege und äh machen damit große äh wirklich Schritte oft und gute Erfahrungen107und haben auch wirklich guten Erfolg damit wirklich nochmal in Ecken zu108schauen, wo noch niemand so äh hingeschaut hat. Dafür haben wir eigene109Konstrukte gebaut. Wir haben ein eigenes 8a-Verfahren, das bedeutet wir gu-110cken sehr nach Kindswohl und werden diesbezüglich von Jugendämtern gern111genutzt.112113I: Wie gelingt es Ihnen persönlich ein gutes, vertrauensvolles Arbeitsverhältnis114zu ihren Klientinnen aufzubauen und wie schaffen Sie es sich abzugrenzen?115Das sind gleich mal zwei Fragen.116117A: Ja, ein sehr sehr, sehr wichtiger guter Auftrag und Gedanke für Helferinnen118ja insgesamt ähm ja, das mit dem Abgrenzen, da muss jeder schauen, ja jeder119hat seine Art und Weise heranzugehen. Bei uns isses direkt ja als Sozialpäda-120gogin das Pflichtprogramm, dass wir erst mal eine Beziehungsebene äh erar-121beiten sonst brauchen wir uns den inhaltlichen Themen gar nicht stellen. Also122erst mal brauchen wir eine Basis, eine Beziehungsebene mit dem einzelnen123Klienten und dann gibt man ja eine Menge in der Anfangsphase von sich selbst,124um dort wirklich Möglichkeiten zu erschließen, dass Klienten einem auch ver-7

125trauen können, trotzdem ganz speziell ich kann da nur von mir ausgehen. Ich126schau‘ immer so nach ’nem ersten Vierteljahr, dass wir nix Falsches vorleben127und äh uns dann wieder gut realistisch abgrenzen. Wir sind halt nicht die Müt-128ter, Schwestern, Omas, Tanten, sondern sind eben die Helfer, die für eine ge-129wisse Zeit begleiten und dann gut abgeben und das Helfernetz, was wir im130Case-Management äh erarbeiten, dann am Ende stehen lassen können und131leise wieder entschwinden können (lacht) und wenn dann alles gut verläuft,132ham wir gute Arbeit geleistet, aber diese, diese Balance zu finden, das muss133jeder einzelne Kollege oder Kollegin gut für sich selbst anschauen und immer134wieder überprüfen, denn das ist ein hoher psychischer Druck, da eine Balance135zu finden und genau immer auf sich selbst zu achten und natürlich aufn Klien-136ten und keine falschen Hoffnungen zu erwecken.137138I: Da schließt sich eigentlich auch, da passt die nächste Frage zu den quasi139Arbeitszeiten. Wenn Sie auf die Arbeit in den letzten zwei bis drei Jahren bli-140cken, was hat sich da verändert? Also hat sich da was verändert?141142A: Ja.143144I: Ähm im Hinblick auf ja (Pause)145146A: Ja, also für mich schon also ich selbst hatte hier die große schöne Chance147mich selbst da auch zu definieren hier im Arbeitsprozess und wurde nicht in148eine Schublade geschoben. Ich selbst möchte immer gern eigene Klienten ha-149ben dürfen, um diese Basisarbeit da nicht komplett zu verlieren auch äh in Zu-150sammenarbeit mit meinen Kollegen und äh ja es ist halt zu gucken äh diese151Mischung bei mir. Ich guck‘ nach Teamleitung ganz konkret in meinem Weiter-152bildungsprogramm und habe also jetzt wirklich einen bunten Fächer an Aufga-153ben, wo ich jede Woche wieder genau hingucke wie viel ich welcher Arbeit auch154zugestehen kann, dass ich also nicht überarbeitet bin, was manchmal nicht ein-155fach ist und da wir halt mit Menschen arbeiten ist eben auch wichtig äh zu wis-8

156sen in dem Helferbereich ja man kann wenn man jetzt Bibliothekar ist, kann157man‘s Buch zurückstellen, aber man kann wir gehen sozusagen schwanger mit158all‘ unseren Problematiken dieser Familien, die wir betreuen. Ja und da muss159jeder schauen mit seiner Erfahrung mit seiner Ausbildung und äh ja und dem160was er als Mensch für diesen Beruf anbietet und das ist nicht ganz leicht also161es gibt Wochen, die sehr unterschiedlich ablaufen also jetzt meine Person be-162treffend.163164I: Ja, ja. Ähm wie macht sich Arbeitszeitverdichtungen und Arbeitsdruck vom165Arbeitgeber in Ihrer Institution bemerkbar?166167A: Puh. (atmet laut auf)168169I: Also, es ist ja so ein allgemeiner äh Begriff näh Arbeitszeitverdichtungen und170Arbeitsdruck.171172A: Ist ein ganz schwieriges Thema, aber ich denke in allen Berufsbranchen173heutzutage ist auch ne hohe Eigendisziplin erforderlich. Ich selbst für meine174Person händel‘ das immer mit äh Prioritätenlisten. Ich schau‘ immer was äh175kann ich mittelfristig bearbeiten und ich muss auch in hohen Belastungszeiten,176wo mir manches dann zu viel erscheint auch wegen der Qualität, dann muss177ich, das nenne ich immer Termine entzerren (lacht), da muss ich schauen in-178nerhalb einer Woche, kann ich vielleicht doch nochmal einen Termin schieben,179weil doch eben jetzt noch zwei Krisen von ner Kollegin meine Aufmerksamkeit180benötigen und da erfordert s natürlich Verständnis von den Kollegen und ja, da181ich aber erlebe das Jugendämter, das auch oft machen müssen ähm ja oder182andere Kollegen so dass da ich och auf erschwerte Situationen Verständnis183och erwartet wird im Helfersystem, aber ich alleine bin verantwortlich also wenn184die Wellen überschlagen, habe ich letztendlich nichts davon, wenn ich darunter185unter der Arbeit zusammenbreche also muss ich die Reißleine ziehen und das186erfordert eigenes Management.9

187188I: Hmm genau da geht’s schon wieder weiter mit der Arbeitsbelastung. Was189sind das für Situationen in denen es schwer fällt.190191A: Ja, das ist also. Ich hab‘ schon Druck von allen Seiten, fühl‘ mich in meinem192Konstrukt sehr eingequetscht. Ich hab‘ Leitung über mir, ich hab‘ von der Seite193ähm Kollegen und Jugendämter die Forderungen haben und ich habe ein brei-194tes Klientel, wo ich für meine Kollegen auch mit Verantwortung habe und alles195das wirkt auf mich. Ich steh‘ da in der Mitte und soll entscheiden, was hat Priori-196tät ähm ich denk‘ dort bin ich in meiner Person belastet, da ich mich sehr gern197für die menschlichen Dinge entscheide, aber manchmal sind existenzielle Dinge198für mein Team, wenn wir Verhandlungen haben, um unsere Existenz auch199wichtig und dann habe ich aber wirklich großes Glück ein Team zu haben, die200auch sehen, wenn ich Belastung habe und springen auch ein und unterstützen201mich, so dass ich damit mit diesen Bällen gut jonglieren kann.202203I: Also, was erleichtert es Ihnen damit zurechtzukommen oder was empfinden204Sie als belastend an Ihrer Arbeit?205206A: Ja, belastend ist schon manchmal, dass jeder nur seins sehen kann oft und207man manchmal hofft, der andere müsste ja wissen, was alles auf einen wirkt,208das muss man aber selber kundtun, da hab‘ ich meinen wunden Punkt. Im209Zeitmanagement geht das manchmal unter, dass ich manchmal nicht sage, was210so alles ansteht und da muss man sich gut zur Wehr setzen, das gelingt nicht211immer und ich hab‘ dort genau eben diese Problematik manchmal kommt es212doch so, dass man eben Zuhause oder am Wochenende nochmal man sich213hinsetzen muss, um sich äh Freiraum zu schaffen, wenn‘s um kreative Dinge214geht. Mir ist ganz wichtig ne gute Qualität und Zeit für kreative Gedanken zu215haben, weil wir gerade im Moment viel entwickeln, aber das geht dann in216Stresssituationen irgendwo nicht so gut dadurch, dass wir jetzt auch Platzman-217gel haben, weil wir ein größeres Team geworden sind, muss ich auf die Freund-218lichkeit meiner Kollegen hoffen, dass sie das mit mir gemeinsam aushalten und10

219das ist nicht leicht. Ich hatte jetzt letztlich damit och ma so n Punkt erreicht, wo220ich dachte Du brauchst dazu och ma wieder ne Supervision. Ich denke, es ist221eine hohe Selbstdisziplin gefordert immer wieder und nicht jeden Tag kann man222die so liefern deshalb balancieren alle Menschen da draußen so durchs Leben223na (lacht).224225I: Genau, ja geht’s schon weiter wie schaffen Sie es da zu bewältigen einfach226dieses Pensum an Arbeit oder welche Strategien benutzen Sie, um nach der227Arbeit abzuschalten? Gibt’s da welche?228229A: Ja, da gibt’s welche ganz einfache also ich hab‘ das große Glück neben ei-230nem großen Park zu wohnen, wo ich um mich einfach nochmal bissel einzu-231sammeln dort entweder spazieren gehe oder mich mit Freunden verabrede, das232hilft mir um runterzukommen, aber auch ganz kleine einfache Dinge, wenn ich233von Termin zu Termin fahre und zwar Streitsituationen, Konfliktsituationen zu234händeln, dass ich dann laut Musik aufdrehe, um die halbe Stunde Autofahrt o-235der auch von Straßenbahn zu Straßenbahn also in diesen Zeiten mir was ande-236res gönne, dass ich da nutze, dass ich ein Hörbuch kurz anstelle oder andere237Dinge, die einfach mal andere Nerven belasten, das ist aber auch ne Disziplin-238frage, das zu nutzen und nicht schon wieder zu telefonieren.239240I: Ja, genau da ham’ se schon einiges genannt. Meine Frage wäre eben auch241gewesen: Welche Möglichkeiten kennen und nutzen Sie zur Stressbewälti-242gung? Ähm vielleicht noch ne 243244A: Yoga und Mediation und äh bei mir fehlt s dann immer an der Regelmäßig-245keit, da bin ich nicht diszipliniert genug, aber in jedem Fall, wenn ich s regel-246mäßiger hinbekomme, geht’s mir definitiv besser.247248I: Was bedeutet für sie Achtsamkeit und Meditation genau?11

249250A: Ja, Meditation bedeutet für mich ein Kurzurlaub im Kopf jetz‘ nach meiner251Empfindung und was war noch die andere ?252253I: Achtsamkeit, also das Thema Achtsamkeit und Meditation.254255A: Achtsamkeit an sich, das ich mich selber noch so spüre wie äh wie ich das256für mich gerne mag und ähm ja, dass man nicht zu streng mit sich auch ist,257dass also letztendlich dass was man dann zur Entspannung für sich machen258will, dass das auch noch zum Stress wird, dass man dafür jeden einen guten259Platz gibt und das eben mit ‘ner gewissen Disziplin, dass man sich wirklich260dann mal wo ausklinkt und ja das ist sicher ein Dauerthema für alle Helfer von261Ärzten bis ja alle die im Helferischen unterwegs sind.262263I: Ja und was tun sie jetzt konkret für sich und ihre eigene Gesundheit im Hin-264blick vielleicht auf Sport aktiv zu betreiben, um den Kopf freizubekommen o-265der ? (lacht)266267A: Ja, das ist wenn ich’s wirklich hinbekomme leider viel zu selten dann versu-268che ich och ma was zu malen. Ich selber hab‘ ne kunsttherapeutische Ausbil-269dung ja gemacht in Weimar und leider zu selten, aber das hilft mir sehr und äh270um mich sportlich zu betätigen, hab‘ ich im Moment leider jetzt nichts Konkre-271tes, aber dafür jetz‘ äh Physiotherapie, da ich leider wenn ich eben lange am272Computer sitze immer Verspannungen habe und da guck‘ ich halt, dass ich da273konkrete Anleitung bekommen und das absolviere ich gerade und puzzel‘ das274ein aber ja mehr hab‘ ich im Moment nicht und werde natürlich durch das Inter-275view eben och wieder angeregt, da wieder genauer und achtsamer noch aufzu-276bauen, das habe ich mir fest vorgenommen nach dem Umzug in unser neues277Büro dann wieder da Dinge och festzulegen.27812

279I: Ja, wunderbar also da sind wir schon fast am Ende angelangt im Prinzip. Ähm280was ist Ihnen noch wichtig zu diesem Thema? Ham‘ sie noch irgendwelche An-281regungen, Gedanken 282283A: Ja, äh ja habe ich also es ist jetzt sicherlich bissel witzig, was mir spontan284einfällt. Ich wünschte mir, dass wenn Menschen sich auf den Weg begeben285Helfer werden zu wollen, da egal jetzt in welcher Branche, ob Polizist, Arzt,286Psychologe, äh Sozialpädagoge, das ist äh bevor man sich auf diesen Weg287begibt ne Art TÜV gibt, damit man erfahrene Leute besucht, die das schon288gemacht haben, die erzählen wie es Ihnen ergangen ist, weil ich leider erlebe,289dass es viele junge Menschen gibt, die sich diesem Beruf nähern, aber schnell290an ihre Grenzen kommen und dann Probleme mit ihrer eigenen Lebensplanung291bekommen, das war jetzt so das was mir spontan dazu einfällt und ansonsten292ja es ist ein wunderschöner Beruf, der einem ne Menge zurückgibt an dem,293was man an Samen ausstreut und eben auch das es ne Begegnung mit Men-294schen ist und wer das nicht so kann oder mag sollte es aus meiner Sicht lieber295lassen (lacht), das gibt es auch und passiert immer wieder, aber sicher in ande-296ren Berufsbranchen auch, ok.297298I: Vielen, vielen Dank, ich bedanke mich für das Interview, also es war sehr inte-299ressant und spannend und war ja auch das erste Interview.13

1Interview 22I: Ja hallo, und zwar äh führen wir heute ein Interview und es ist schön, dass3Sie sich dazu bereit erklärt haben ähm. Es wird selbstverständlich alles anonym4und vertraulich behandelt ähm, das hatte ich Sie ja schon aufgeklärt. Würden5sie sich bitte kurz vorstellen?67B: Ja hallo, ich heiße K. und bin 48 Jahre alt. Ich arbeite seit zirka 15 Jahren als8Diplom-Sozialpädagogin in verschiedenen Einrichtungen in Dresden und bin9seit August äh als Schulsozialarbeiterin in Dresden tätig. Noch mehr? Pause10Ich, ja ich bin verheiratet, habe drei Kinder 20, 18, 9 Pause na sind se alt11(lacht). Wir wohnen äh außerhalb von Dresden aufm Land und ham‘ uns da vor12sechs oder sieben Jahren mal ein altes Häuschen gekauft, was wir aufwendig13restaurieren immer noch.1415I: Schön. Genau dann hätte ich mal eine Frage: Wie sieht denn ihr normaler16Arbeitsalltag aus? Wie läuft der ab?1718B: Also, ich beginn' meistens gegen 8 in der Schule äh arbeite in der Zeit 3019Stunden in der Woche sprich bin 14 spätestens 15 Uhr manchmal auch später20aus der Schule wieder raus. Es gibt auch die Tage mit den Dienstberatungen21(lacht), die dauern lange. Es gibt auch die Elterngesprächstage äh Eltern-22sprechtage, die Elternabende, da arbeitet man lange. Man kann das gut aus-23gleichen, nimmt sich auch mal einen Tag frei also wie gesagt eine ganz normal24strukturierte 30 Stunden Woche normalerweise 8 bis 14 Uhr ohne Pausen ja.2526I: Ja, das klingt gut. (lacht) Welche Herausforderungen und Belastungen sehen27sie für sich in diesem Arbeitsfeld?2829B: (räuspert sich): Also, ich bin wie gesagt noch ganz frisch seit August ist der30Standort äh phh Schulcampus T. für Schulsozialarbeit halt freigegeben wurden.14

31Also es gibt natürlich ganz viele Befindlichkeiten seitens der Pädagogen. Es32gibt och ganz viele Widrigkeiten (hustet) und Hindernisse und und und zwi-33schen wozu is‘ n die da (lacht) als auch ganz viel Klammern und ganz viel ganz34viele Bedürfnisse und Bedarfe seitens der Pädagogen, also man muss wirklich35gucken dort ni aufgefressen zu werden in diesem System Schule. Zum Glück36sind wir’ n Zweierteam und könn‘ uns da gut arrangiern mit‘ nander, bin ich sehr37glücklich.3839I: Hmm, da passt auch die nächste Frage im Prinzip: Welche Unterstützungs-40angebote können Sie und ihr Zweierteam in Anspruch nehmen? Gibt’s da41schon was oder gab‘s da schon was oder bzw. was wird angeboten vom Ar-42beitgeber?4344B: Also bei unserem Arbeitgeber insgesamt ham wir zehn, elf oder zwölf45Schulsozialarbeitsstandorte mit über zwanzig jetzt Mitarbeitern, Mitarbeiterin-46nen. Wir treffen uns in Regio-Teams wöchentlich und in Großteams sind jetzt47sechswöchig bis vierteljährlich und da kann halt alles raus, also da sind Bera-48tungen drinne, ist ochn Coaching mit drinne wie man sich och ma ab und zu49was von der Backe hält, also es is‘ es geht wirklich darum wie wir gesund blei-50ben, wie wir unsre Arbeit machen und uns gesund erhalten, is‘ wirklich dort ja51dort ganz großes Thema och.5253I: Aha, klingt gut. Ähm welche Menschen nehmen die Kinder- und Jugendhilfe54habe ich hier als Frage eigentlich in Anspruch, aber is’ ja, is’ ja Schulsozialar-55beit.5657B: Klar, also in erster Linie die Schüler, Schülerinnen, die nehmen das sehr gut58in Anspruch also es gibt viele Lehrer und Lehrerinnen, also wir ham‘ wirklich n59drittel Quereinsteiger und die ham‘ unheimlich viele Bedarfe und Befindlichkei-60ten und und wollen sich einfach so pädagogischen Rat holen im Umgang (lacht61wieder herzlich). Wir machen, also es geht jetzt erst los och die Elterngesprä-15

62che, die Elternberatungen, die sind natürlich toll, weil ich ja och‘ aus der Bran-63che komme und das liebe.6465I: Hmm.6667B. Also, wir wollen aus der Schule heraus auch äh Hilfen zur Erziehung anbie-68ten, is‘ halt gerade von der Arbeitszeit her nicht möglich, aber würde mir auch69sehr gut gefalln, da wirklich och direkt aus diesem Kontext in so ne schöne70Familienhilfe einzusteigen. Es gab schon Anfragen und och von mir Angebote,71aber wir ham halt grad, ist bissel das Arbeitspensum zu hoch, dass es grad ni72möglich ist, das wär‘ schön aber (räuspert sich).7374I: Wie gelingt es Ihnen ein gutes, vertrauensvolles Arbeitsverhältnis zu Ihren75Klienten, Klientinnen aufzubauen, also sowohl zu Schülern, Lehrern 7677B: Na, ich bin halt wie ich bin also (lacht), ich bin im Unterschied zu vielen Leh-78rern, Lehrerinnen an der Schule hab‘ ich ni nur das große Ganze und die Grup-79pe und das Klassenziel im Blick, sondern seh‘ jeden Einzelnen mit seinen Sor-80gen und Nöten und ich glaub‘, die merken och wirklich sehr den Unterschied.81Ich bin wirklich extrem emphatisch, wenn man das mal so sagen darf. Es ist82och wirklich so.8384I: „Und wie schaffen Sie es sich da abzugrenzen, wenn Sie so empathisch auf85die einzelnen Klienten eingehen?“8687B. Na, ich hab‘ dann och Feierabend. Ich hab‘, ich hab‘ ein Notfallhandy ham 88wir abgewählt an der Schule überhaupt n Diensthandy. Wir sind entweder er-89reichbar übers Festnetz ansonsten gibt’s ’nen AB und ansonsten ham’ wir feste90Arbeitszeiten Pause, wo wir eigentlich wirklich gucken, wenn außerhalb davon91was passiert ja gut ja nä, dann isses wirklich een Problem, aber wir sind über-16

92haupt ni mehr so wie es mal war so nach der Arbeitszeit oder zu Hause dann93erreichbar also da is‘ wirklich Schluss hmm, da is‘ wirklich Schluss und ich94gloob‘ ich steig‘ schon immer in meinen Bus ein und hab‘ mein Buch in der95Hand und da is‘ für mich Ruhe. Nor da existiert das erst ma nich‘ mehr.9697I: Im Hinblick auf die Arbeitszeiten, wenn sie auf die Arbeitszeiten in den letzten98zwei bis drei Jahren blicken, da waren sie ja noch woanders, denke ich ham’99sie ja noch woanders gearbeitet, wenn sie im August jetzt erst da arbeiten, was100hat sich da verändert? Also ja im Hinblick 101102B: Also, es hat sich sehr viel zum Positiven verändert, das ich wirklich geregelte103Arbeitszeiten habe. Das ich och‘ niemandem gegenüber irgendwie verantwort-104lich bin und und und also oder auskunfts- wie heißt das auskunfts- na ja.105106I: Auskunft geben muss.107108B: naja nu wie ich meinen Arbeitstag gestalte. Ich weiß‘ früh um 8 bin ich dort109da und ich weiß‘ genau heut geht’s länger und dann geht es länger, aber da110weiß‘ ich och, da nehm‘ ich mir wieder schön een Tag frei und an diesem Tag111bin ich einfach so absolut nicht zu erreichen und es sind es sind halt wirklich112geregelte Arbeitszeiten und ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich113mach‘ da vielleicht ma’ n Hausbesuch, ich mach‘ Netzwerkarbeit, also ich treff‘114mich dort och viel in Jugendhäusern in der Umgebung, um mich zu vernetzen115und es is‘ einfach wirklich so, dass man sagt nee es geht nicht und dann isses116gudd. Ich muss niemandem gegenüber da mich irgendwie rechtfertigen, wenn117ich also wenn ich um acht nie aufgeschlagen bin oder um zwölf schon aus m118Haus raus bin. Es ist natürlich immer näh also man schreibt das für die Schüler119an, ich bin da und dann wieder erreichbar, aber es ist ziemlich einfach geregelt120man ist da gut für sich selbst verantwortlich.121122I: Also sehr flexibel.17

123124B: Ja.125126I: Wie machen sich die Arbeitszeitverdichtungen und der Arbeitsdruck vom Ar-127beitgeber in Ihrer Institution bemerkbar. Gibt es überhaupt Arbeitsdruck (lach)?128Spürt man da schon was allgemein ja?129130B: Ich denke, ich hab‘ den Druck nicht vom Arbeitgeber, also da bin ich eigent-131lich sehr zufrieden. Die sagen eher wirklich bitte gesund bleiben, bitte abgeben,132bitte weniger machen bitte och ma nein sagen und so weiter und wir schleifen133an Formulierungen wie wir das ganz sinnvoll och grad der Lehrerschaft vermit-134teln. Ja, dass die sich nie immer vorn Kopf gestoßen fühlen, also Druck ist wirk-135lich, den muss man den kann man aber auch gut abbauen, die fressen eenen136auf in der Schule, wenn man s zulässt, die wirklich, die würden einen verhei-137zen, die würden einfach wirklich die würden jede Stunde mit irgendwelchen fre-138chen Kindern vor der Tür stehen, wenn man‘s nur zulassen würde, also man139muss sich da wirklich gut abgrenzen und ich denk‘ da is‘ wirklich der jetzige Ar-140beitgeber ist sehr behilflich näh, weil die alle schon länger damit leben und im-141mer die erfahrenen Fachkräfte als Mentoren für die Neuen wirklich abgestellt142wer‘n, das hat, das ist wichtig.143144I: Genau, da kommen wir im Prinzip auf die Arbeitsbelastung. Was sind das für145Situationen in denen es schwer fällt? Was erleichtert es Ihnen damit zurechtzu-146kommen und was empfinden Sie als belastend an Ihrer Arbeit?147148B: Na ja, ich hab‘ jetzt äh een glücklichen Wechsel hinter mir mit meinem149Teampartner. Also ich war sehr, also ich (lacht) mein erster war etwas sehr be-150lastend, der hat sich dort wirklich, der hat sich dort sehr verheizen lassen, hat151wirklich alles angenommen, also hat wirklich alles angenommen unreflektiert152und wir ham‘ wirklich gesagt nee wir machen das so, wir gehen mit Aufträgen,153wir nehm‘ die jetzt mit ins Team und reden drüber und dann geb‘ 'mär ne18

154Rückmeldung, könn‘ mers machen oder könn‘ mers nich‘ machen, ich denk‘ so155wird der richtige Weg sein. Aber ich denk‘ dadurch hat ich och durch meinen156ersten Teampartner, der sich wirklich alles an Land gezogen hatte und dann ni157leisten konnte, bin ich wirklich extrem unter Druck geraten, weil im Lehrerzim-158mer sind wir ein Team und das kommt immer auf uns beide zurück, was man159tun und ni tut, was man och v

94 erzählt. Das wäre och so meine nächste Frage gewesen. Welche Menschen 95 nehmen so die Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch im Prinzip ham sie das ja 96 fast schon beantwortet denk‘ ich. Gibt’s noch was zu ergänzen? 97 98 A: Ja, ich kann daz