Transcription

Jesus erzähltInterreligiöse Bildung

BIBLISCHE GESCHICHTEN IN BEGEGNUNG MIT JUDENTUM UND ISLAMHelgard Jamal (Hrsg.)8

Helgard JamalJesus erzähltInterreligiöse BildungMit Kindern Gott entdecken Mit Natur gestalten Mit Figuren erzählenMit Beiträgen von:Andrea BranerPatrick HahneUrte Heuß-RumlerCornelia Kaitinnis-LenzThorsten KnauthRabeya MüllerDorit SchleinitzHeike WedigBERLINEBVERLAG

Bibliografische Informationder Deutschen NationalbibliothekAlle Rechte vorbehalten.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detailliertebibliografische Daten sind im Internet überDieses Buch, einschließlich aller seinerTeile, ist urheberrechtlich geschützt.Vervielfältigungen, Übersetzungen,Mikroverfilmungen sowie dieEinspeicherung und Verarbeitung inelektronischen Systemen bedürfen derschriftlichen Genehmigung des Verlags.http://dnb.d-nb.de abrufbar.Buchgestaltung: Rainer KuhlFotoaufnahmen: Seiten 17-42, Rainer KuhlBodenbildgestaltung: Seiten 17-42, Helgard JamalWeitere Fotoaufnahmen: Helgard JamalCopyright : EB-Verlag Dr. BrandtBerlin 2016E-Mail: [email protected]: www.ebverlag.deISBN: 978-3-86893-220-1Druck und Bindung: Westermann Druck, ZwickauPrinted in Germany

5»Biblisches Bodenbild« in Begegnung mit Judentum und IslamInhaltsverzeichnisVorwort . Prof. Dr. Johannes Lähnemann I.7Biblisches Bodenbild interreligiös – Grundlagen und Praxis Helgard Jamal Biblisches Bodenbild in Begegnung mit Judentumund Islam .9II. Jesus erzählt Helgard Jamal Bilderbuch .Bilddokumentation aus der Praxis .1742III. Grundlagen und Dokumentation derreligionspädagogischen Praxis Thorsten Knauth Interreligiöse Religionspädagogik im Elementar- undPrimarbereich . Heike Wedig Qualitätsmanagement in der interreligiösen Bildung . Cornelia Kaitinnis-Lenz Die evangelische Grundschule »Theodor-Heuss-Schule« in Essen . Urte Heuß-Rumler Der Religionsunterricht in der »Theodor-Heuss-Schule« und dieProjektwochen zum Thema ›Jesus erzählt‹ .49607176IV. Grundlagen der Religionen Patrick Hahne/Dorit Schleinitz Kindern in der Familie und Synagoge von Gott erzählen . 88 Andrea Braner Kindern in der Familie und Kirche von Gott erzählen . 94 Rabeya Müller Kindern in der Familie und Moschee von Gott erzählen . 102

6VorwortAutorenverzeichnisAndrea Braner, geboren 1964 in Korbach, verheiratet, drei erwachsene Töchter, Pfarrerin, Kindergottesdienstbeauftragte und Leiterin der Arbeitsstelle Kindergottesdienst der Evangelischen Kirche vonKurhessen-Waldeck, Jeux-Dramatiques-Spielleiterin, Veröffentlichung u.a.: Kinder erfahren Tod undTrauer: .und begegnen Geschichten, Liedern und Gebeten (2013).Patrick Hahne, geboren 1979 in Stendal, ledig, seit 2003 im Niedersächsischen Schuldienst tätig alsFörderschullehrer, seit 2010 stellvertretener Schulleiter, Mitautor einer Reihe von Schulbüchern fürden Deutschunterricht an der Förderschule, gemeinsame religionspädagogische Arbeit mit Dorit Schleinitz in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover.Urte Heuß-Rumler, geboren 1964 in Frankfurt/Main, verheiratet, ein Kind, evangelische Theologin,Konrektorin der evangelischen Theodor-Heuss-Grundschule in Essen, Lehrbeauftragte an der Universität Duisburg-Essen für das Vorbereitungs- und Begleitseminar für Lehramtsstudierende im Praxissemester. Examensarbeit: Sprache und Religion. Sprachlich-theologische Untersuchung eines ausgewählten Psalms.Die Verdeutschung Martin Bubers im Vergleich mit anderen Übersetzungen.Helgard Jamal, Dr. phil., geboren 1951 in Broxten/Osnabrück, verheiratet, zwei Kinder, zwei Enkelkinder, Lehrbeauftragte an der Universität Duisburg-Essen für interreligiöse Bildung im Primarbereich,Referentin, 1976–2013 Dozentin in der Ausbildung von Erzieher/-innen für Evangelische Religion,Pädagogik, Psychologie, Koordinatorin des Pastoralen Dienstes der v. Bodelschwinghschen StiftungenBethel, Hannover. Dissertation: Die Bedeutung des interreligiösen Lernens für Erziehung und Bildung (1996),seit 2006 Herausgeberin der Buchreihe: Biblische Geschichten in Begegnung mit Judentum und Islam.Cornelia Kaitinnis-Lenz, geboren 1956 in Hannover, verheiratet, drei Kinder, ein Enkelkind, seit 1981Grund-, Haupt- und Realschullehrerin für Evangelische Religion, Mathematik, Musik, seit 2003 Schulleiterin der evangelischen Theodor-Heuss-Grundschule in Essen, Fortbildnerin im Schulreferat Essen,Examensarbeit: Sterben und Tod – Ein Thema für den Religionsunterricht in der Grundschule?Thorsten Knauth, geboren 1964, Professor für Evangelische Theologie/Religionspädagogik an der Universität Duisburg-Essen, Leiter der Arbeitsstelle interreligiöses Lernen (AiL). Dissertation: Religionsunterricht und Dialog. Empirische Untersuchungen, systematische Analysen und didaktische Perspektive einesReligionsunterrichts im Horizont kultureller und religiöser Pluralisierung (1995). Habilitation: Problemorientierter Religionsunterricht. Eine kritische Rekonstruktion (2001). Mitentwickler des Hamburger Wegeseines dialogischen interreligiösen Religionsunterrichts. Veröffentlichungen u.a. zu dialogischem Religionsunterricht, problemorientiertem interreligiösen Lernen, Gender und religiöser Bildung, Inklusionund Religionspädagogik, Religionspädagogik der Vielfalt. Verschiedene Forschungsprojekte zu empirischen und konzeptionellen Analysen von Dialog und (inter)religiöser Bildung.Rabeya Müller, geboren 1957, langjährige Leiterin des Instituts für Interreligiöse Pädagogik und Didaktik in Köln, Bildungsreferentin im Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung(ZIF), Mitherausgeberin zahlreicher Schulbücher und Unterrichtsmaterialien, Mitglied in vielen interreligiösen Organisationen mit Schwerpunkt »Interreligiöses Lernen« und »Geschlechtergerechte Theologie im Islam«, Imamin der MGR (Muslimische Gemeinde Rheinland).Dorit Schleinitz, geboren 1950 in Tel Aviv, seit 1974 in Deutschland lebend, drei Kinder, 1. Vorsitzendeder Jüdischen Gemeinde Celle, Lehrerin für Hebräisch in Celle und Hannover, religionspädagogischeArbeit in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover sowie tätig als Übersetzerin und Dolmetscherin.Heike Wedig, geboren 1962 in Heidenheim an der Brenz, evangelische Theologin, 1992–1996 Dozentinin der Ausbildung von Erzieher/-innen für Evangelische Religion und Pastorin in einer diakonischenEinrichtung in Hannover, seit 1996 Training und Beratung im Bereich Qualitätsmanagement, seit 2007Lead Auditorin für DIN EN ISO 9001 und AZWV/AZAV und Geschäftsführerin seit 2011 der »bag certgmbh«, Zertifizierungsstelle im Bereich Bildung, Arbeit, Gesundheit und Soziales in Bremen.

»Biblisches Bodenbild« in Begegnung mit Judentum und IslamVorwort»In den Gleichnissen begegnet uns Jesus als unverwechselbarer Mensch« hatder Theologe Eberhard Jüngel einmal in einem Vortrag gesagt. Er drückte damiteine grundlegende christliche Glaubenserkenntnis aus: Jesus bietet die NäheGottes dar als ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit seinen Vorstellungen, seinen Visionen, seiner Darstellungs- und Überzeugungskraft. Der Satz von Jüngel ließe sich auch so akzentuieren: In Jesus begegnet uns ein unverwechselbarer Erzähler. Damit ist das Motto dieses Buches getroffen: Jesus erzählt wiekein anderer Mensch, er hat seinen eigenen Stil, er predigt mit eindrücklichenBildern, mit denen er seine Zuhörer in ihrer Lebenssituation und mit ihren Vorstellungen und Fragen abholt und diese in das Licht des Heilswillens Gottesstellt. Zentral ist dabei: Bei Jesus gehören immer Wort und Tat zusammen.Was bisher theologisch und pädagogisch vor allem in praktischer Hinsichtviel zu wenig ausgelotet ist, ist die interreligiöse Perspektive, die Jesus als Erzähler eröffnet. Denn Jesus debattiert als Erzähler in der Tradition rabbinischerErörterungen, als Jude aus Galiläa, der mit den Traditionen seines Volkes großgeworden ist und sie kreativ für seine Zeit und Umwelt entfaltet. Und auch imIslam wird sein Auftreten und Reden, seine Demut und Liebe – im Koran wiein der muslimischen Legendentradition – hoch geachtet. Dass für christlichenGlauben Gott in Jesus in einzigartiger Weise präsent ist, dass »Jesus Gott ereignet« (Willi Marxsen), geht über den Rahmen dieser Anerkennung hinaus, sollteJuden und Muslime aber nicht davon fernhalten, die Schätze des ErzählersJesus mit Christen gemeinsam zu heben.Helgard Jamal hat sich der Aufgabe gewidmet, unter dieser Perspektive mitKolleginnen und Kollegen aus Judentum, Christentum und Islam ein Buch fürdie Elementar- und Primarerziehung herauszugeben, in dem ein praktischpädagogischer Zugang zu Jesu Erzählungen einen Schwerpunkt bildet, dazuaber bereichert wird durch grundlegende Reflexionen zu den Aufgaben interreligiösen Lernens und die Beschreibung von Lernwegen in den Feldern jüdischerund muslimischer Erziehung. Dass das vielfältig und kreativ geschieht, machtder Untertitel des Werkes sichtbar: »Mit Kindern Gott entdecken / Mit Naturgestalten / Mit Figuren erzählen.«In ihrem einführenden Beitrag »Biblisches Bodenbild interreligiös – Grundla-7

8Vorwortgen und Praxis« beschreibt Helgard Jamal den Gestaltungsweg, der ihrer Buchreihe »Biblische Geschichten in Begegnung mit Judentum und Islam« zugrundeliegt. Diese von Franz Kett begründete Gestaltungsform wird in Verbindunggebracht mit dem Ansatz der themenzentrierten Interaktion von Ruth Cohnund den Intentionen, die in meiner »Evangelischen Religionspädagogik ininterreligiöser Perspektive« entfaltet sind. Es ergibt sich ein anspruchsvollerLernweg, der Übung und »Achtsamkeit« von der Lehrkraft erfordert. Er ermöglicht aber eine Projektarbeit, in der die Beschäftigung mit den wichtigen undso lebendigen Erzählungen Jesu hinführen kann zu Ansätzen eines deutendenVerstehens schon in Kindertagesstätte und Grundschule, in dem sonst eindirektes Schließen »vom Gesagten auf das Gemeinte« noch schwierig ist. Indem Beitrag von Urte Heuß-Rumler werden die möglichen Lernprozesse undLernergebnisse auf der Grundlage des nach dieser Methode durchgeführtenUnterrichts ehrlich und aufschlussreich dargestellt.Die Grundlagenbeiträge »Interreligiöse Religionspädagogik im Elementarund Primarbereich« von Thorsten Knauth und von Heike Wedig »Qualitätsmanagement in der interreligiösen Bildung« stellen die konzeptionelle Entwicklung in diesem Lernbereich so vor, dass einerseits sichtbar wird, wie Kinderin den gegenwärtig so pluralen Kontexten mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten wahrgenommen werden sollten und andererseits auch die Lehrkräftevor der Aufgabe stehen, ihre eigenen Kompetenzen zu prüfen und weiter zuentwickeln.Die den Band abschließenden Beiträge zur Religionspädagogik aus Judentum, Christentum und Islam machen den noch unterschiedlichen Entwicklungsstand dieser Disziplin in den drei Religionen deutlich, lassen dabei aberdie je spezifischen Lerntraditionen erkennen. Sie markieren damit die Herausforderungen zu einem Miteinander und Übereinander-Lernen in interreligiöser Perspektive, das hinsichtlich der authentischen Wahrnehmung der jeweilsanderen Religionen und ihrer Einbeziehung in Kindertagesstätte und Schulenoch in den Anfängen steht, für das dieses Buch aber wertvolle Ansätze zeigtund damit letztlich auch für den Religionsfrieden wichtige Impulse gibt.Goslar, 23. Juni 2016Prof. Dr. Johannes Lähnemann

Biblisches Bodenbild in Begegnung mit Judentum und IslamI. Biblisches Bodenbild interreligiös –Grundlagen und PraxisHelgard JamalBiblisches Bodenbild in Begegnung mitJudentum und IslamReligiosität und SäkularitätIn unserer pluralistischen Gesellschaft sind Kinder unterschiedlich religiös undsäkular geprägt. Im Alltag hat jedes Kind ganzheitlich mit religiösen Zeichen zutun. Es hantiert mit einem Stern, mit einem Osterei, mit einem Engel, es hörtGlockengeläut und (im Urlaub) den Muezzin, sieht Frauen mit Kopftüchernoder Männer mit Kippa und es riecht und isst zu Hause Schweinemedaillonoder Kebab oder beides. Die unterschiedlichen Einflüsse prägen das Kind undes bedarf Orientierungshilfen, um zu lernen, angemessen mit Pluralität umzugehen.Die Wurzeln der Religionen, die Geschichten in Judentum, Christentumund Islam, das gemeinsame Erbe, die gemeinsamen Vorbilder wie Adam undEva, Noah, Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob, Lea und Rahel, Josef,Mose, David, Maria und Josef, Jesus können Gespräche anregen, Wissen erweitern, die Identität bilden und den gegenseitigen Respekt voreinander vertiefen.Kinder hören zum Beispiel von Fluchtgeschichten: Abraham zieht wegeneiner Hungersnot nach Ägypten (1. Mose 12,10), Isaak hört nach der Fluchtden Zuspruch Gottes: Sei ein Fremdling in diesem Lande und ich will mit dir sein(1. Mose 26,3a), Jakob flieht vor seinem Bruder und zieht als alter Mann zuseinem Sohn Josef nach Ägypten, er hört: Fürchte dich nicht, nach Ägypten hinabzuziehen, denn daselbst will ich dich zum großen Volk machen (1. Mose 46,3),und Mose flüchtet mit dem großen Volk Generationen später aus dem Sklavendienst (2. Mose 12). Jesus flieht vor Herodes, dem Kindermörder, mitden Eltern Maria und Josef nach Ägypten (Matthäus 2,14). Diese Geschichten pointieren die Menschenwürde von Flüchtlingen. Die Heiligen SchriftenThora, Bibel und Koran betonen die Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.9

10Helgard JamalFür diese gemeinsamen Grundlagen können Kinder sensibilisiert werden unddas Ziel des Religionsfriedens verstehen lernen, Unterschiede begreifen und dieeigene Identität bilden.Die Religiosität der Juden, Christen und Muslime und die interreligiöse Bildung in Kita und Schule beziehen sich heute noch zu wenig auf diese gemeinsamen Wurzeln, sondern vornehmlich auf das Feiern der religiösen Feste und beiJuden und Muslimen auch auf die Einhaltung von Speisevorschriften.50% der Christen und Muslime bezeichnen sich als »eher gläubig« und 36%als »sehr stark gläubig«, das heißt muslimische Kinder sind durch Eltern nichtreligiöser geprägt als christliche Kinder oder umgekehrt (Kuhl 2009). EineKenntnis der gemeinsamen Geschichten stärkt die interreligiöse Kompetenz.Kinder brauchen die Geschichten der Heiligen Schriften, auch, um den historischen Bezugsrahmen zu verstehen.Biblisches Bodenbild interreligiösIn meiner Buchreihe »Biblische Geschichten in Begegnung mit Judentum undIslam« habe ich die Praxis des Bodenbildes mehrfach beschrieben. 2006 ist daserste Buch der Buchreihe erschienen und meine Methode »Biblische Bodenbildgestaltung« wurde ausführlich erläutert. Die Bezeichnung der Methode habeich 2014 im sechsten Buch der Buchreihe in die einfache Form »BiblischesBodenbild« geändert. In dem hier vorliegenden achten Buch der zwölfbändigenBuchreihe erweitere ich die Bezeichnung der Methode in »Biblisches Bodenbild interreligiös«. Denn das Ziel der Methode ist, die biblischen Geschichten zuerzählen, um das Kulturgut der Christenheit zu erhalten und den Religionsfrieden zwischen Juden, Christen und Muslimen zu fördern, in dem das Verstehenfür die gemeinsamen Wurzeln fortschreitet.Meine Methode »Biblisches Bodenbild interreligiös« baut auf der »Sinnorientierten ganzheitlichen Pädagogik« von Franz Kett, auf der »ThemenzentriertenInteraktion« von Ruth Cohn und auf einer »Religionspädagogik in interreligiöser Perspektive« von Johannes Lähnemann auf. Diese Quellen werden hierkurz skizziert:Franz Kett ist für das Bodenbild bekannt – er arbeitet wie ich seit vielen Jahren mit einem Mittebild. Franz Kett betont in der »Sinnorientierten ganzheitlichen Pädagogik« die Harmonie eines Bodenbildes, das die Ordnung Gottes

Biblisches Bodenbild in Begegnung mit Judentum und Islamwiderspiegelt. »Anschauung« ist ein Schlüsselbegriff dieser Pädagogik. Es werden alle Sinne angesprochen, das Hören einer Geschichte oder eines Liedes, dasRiechen und Fühlen von Materialien, das Sehen (Anschauen) des Bodenbildes,das Schmecken von zum Beispiel Brot. Es wird ein Gemeinschaftsbodenbild aufTüchern gelegt. Dort können die Kinder das Schöpfungswerk Gottes symbolisch fortsetzen. Das Kind kniet sich hin, arbeitet »demütig«, »kommt auf dieErde« und kann »Ehrfurcht vor dem Geschaffenen« ausdrücken und verinnerlichen. Für dieses Gemeinschaftsbodenbild und auch für das Einzelbodenbild,bei dem das Kind auf einem Tuch alleine gestaltet, werden viele verschiedeneMaterialien zum Kauf angeboten. Themen sind neben biblischen Geschichtenverschiedene Symbole, Märchen, Geschichten und Gestaltungen für Feste.Im Wissen um diese Methode von Franz Kett wird in meiner Methode»Biblisches Bodenbild interreligiös« ausschließlich mit biblischen Geschichtenund ausschließlich mit Naturmaterialien und Erzählfiguren gearbeitet (sieheunten). Hinzu kommt der Ansatz der interreligiösen Bildung.Ruth Cohn hat in ihrer Methode der »Themenzentrierten Interaktion« daslebendige und innovative Lernen betont und insbesondere friedenspolitischeund ökologische Themen angeregt sowie die Versöhnung der Völker untereinander und die Versöhnung des Menschen mit der Natur gefördert. Das interaktionelle Lernfeld enthält nach dieser Methode die »Ich-Ebene«, die »Wir-Ebene«und die »Es-Ebene«. Das Kind (ICH) und eine Gruppe/Klasse (WIR) bearbeitenein Sach-Thema (ES) in einem Umfeld (der Globe). Dieses System ist vernetztund beeinflusst sich gegenseitig. Die einzelnen Ebenen sind bei Ruth Cohn vongleichem Gewicht und gleicher Bedeutung. Sie begründet, dass Lernprozesseam effektivsten sind, wenn die Ebenen (ES-ICH-WIR) ausbalanciert sind.Für das »Biblische Bodenbild interreligiös« werden diese Ebenen aufgenommen: Die Erzählung der biblischen Geschichte mit theologischen Deutungenund interreligiösen Inhalten entspricht der »Es-Ebene«. Die Praxis des Gemeinschaftsbodenbildes entspricht der »Wir-Ebene«, da die Gruppe/Klasse dasBodenbild gemeinsam entstehen lässt. Die Praxis des Gemeinschaftsbodenbildes und des Einzelbodenbildes entspricht der »Ich-Ebene«, denn jedes einzelneKind ist beteiligt und gestaltet individuell.Johannes Lähnemann benennt das christliche Fundament: Gott ist in JesusMensch geworden, der radikal Einstellungen hinterfragt, »die der Liebe Gottes11

12Helgard Jamalkeinen Raum lassen«. Diese Verkündigung beschreibt die Position der christlichen Religionslehrer/-innen, aus der sich kein »Herrschaftsweg«, sonderneine interreligiöse Dimension im Unterricht ergibt. Die Grundaufgaben derErziehung und in der Religionspädagogik beziehen sich auf das Lernen für einebewohnbare Erde, auf die Wahrung der Menschenrechte, eine »Sinn-volle«Lebensgestaltung und ein solidarisches Miteinander. Johannes Lähnemannsieht die Religionen Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus als »verantwortungsfähige Sinnsysteme«, die Menschen in der pluralenLebenswelt Orientierung geben können. Er hat eine konzeptionell-systematische Diskussion zum Thema Weltreligionen im Unterricht angeführt. Die Religionen sollen in der Schule nicht separat besprochen werden, sondern in interreligiöser Perspektive.Meine Methode »Biblisches Bodenbild interreligiös« baut auf ein christlichesFundament mit biblischen Erzählungen auf, es bezieht sich wegen des Glaubens an den gemeinsamen Schöpfergott insbesondere auf die Abraham-Religionen Judentum, Christentum und Islam. Neben Grundschule wird ausdrücklichdie Kita als erste öffentliche Bildungseinrichtung einbezogen. Diese interreligiöse Methode löst das Bedürfnis nach Orientierungshilfen in der Pluralität fürKinder.Die Praxis der Methode »Biblisches Bodenbild interreligiös«Für das Bodenbild sollte es eine möglichst große freie Mitte innerhalb einesStuhl- oder Sitzkissenkreises geben. Dort werden Himmel und Erde gelegt. BlaueStoffe zeigen den Himmel. Braune Stoffe die Erdlandschaft, grüne Stoffe dasWeideland, gelbe Stoffe die Wüstenlandschaft und blaue Stoffe das Wasser desMeeres, der Seen und Flüsse (siehe Seite 43). Es hat sich bewährt, zwischen Himmel und Erde Platz für einen Durchgang zu lassen, da möglichst nicht auf dieStoffe getreten werden soll. In ausgesuchten Holzkörben und Holzschalen liegenhinter dem Sitzkreis die Figuren und Naturmaterialien bereit (siehe Seite 42).Gemeinschaftsbodenbild - AnfangsritualBevor eine biblische Geschichte erzählt wird, hat sich ein gleichbleibender Einstieg bewährt: Alle Kinder sitzen im Kreis. Der/die Erzähler/-in beginnt mit eigenen Worten sinngemäß: »Juden, Christen und Muslime glauben, dass Gott die

Biblisches Bodenbild in Begegnung mit Judentum und IslamWelt erschaffen hat. Er ist der Schöpfer aller Pflanzen, Tiere und Menschen. Erliebt jeden Menschen – Dich und mich und sagt: Behandele den anderen Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest! Das ist die Goldene Regel,die in allen Religionen – in den Abraham-Religionen Judentum, Christentumund Islam und in den Religionen Hinduismus und Buddhismus – erzählt wird.Gott hat uns den Himmel mit Sonne, Mond und den Sternen geschenkt unddie Erde mit Acker, Wiesen, Flüssen, Wüste, Bergen und dem Meer. Wir gestalten jetzt den Himmel und bebauen die Erde. Zunächst legen wir auf diesenblauen Stoff Sonne, Mond und Sterne.«Der/die Erzähler/-in verteilt reihum Strohhalme. Jedes Kind legt einenStern. Zwei Kinder legen Sonne und Mond (siehe Seite 43).»Gott hat uns Kräuter, Pflanzen und Bäume geschenkt«, symbolisch kannein Zweig gelegt werden. »Auf der Erde leben Tiere und Menschen.« Die Kinderbekommen Wassertiere, Tiere, die in der Luft fliegen, Landtiere und zwei Menschen (Adam und Eva) reihum angereicht. Jedes Kind kann ein Tier wählen. DieKinder stellen die Tiere auf die Erde, in die Wüste, auf das Weideland oder insWasser und können die Tiere benennen (siehe Seite 44).Mit dieser kurzen (Rück-)Besinnung auf die Schöpfungsgeschichte werdendie Kinder durch das Anfangsritual immer wieder vor jeder biblischen Erzählung für den Religionsfrieden sensibilisiert: Juden, Christen und Muslimesehen Gott als Schöpfer, dem Menschen liebevoll zugewandt, und die GoldeneRegel findet sich in allen Religionen.Gemeinschaftsbodenbild – Biblische GeschichteDer/die Erzähler/-in erzählt nun die Geschichte. Die Figuren der zu erzählenden Geschichte liegen für den/die Erzähler/-in bereit. Wenn eine Person/Figur in der Geschichte in Aktion tritt, wird sie auf das Bodenbild gestellt. Eskönnen die Figuren auch vorher an einzelne Kinder verteilt werden. Das kanndie Konzentration besonders des Kindes fördern, das die Figur in den Händenhält. Dieses Kind wird die Figur dann während der Erzählung entsprechend aufdas Bodenbild platzieren. Durch die Figuren wird für die Kinder die Zuordnungvon Personen und Handlung vereinfacht. Es können auch Hinweise zu Judentum und Islam gegeben werden – zum Beispiel, dass Jesus im Judentum alsLehrer und Bruder gesehen wird, im Islam als Prophet und wichtiger Gesandter13

14Helgard JamalGottes – oder, die interreligiöse Dimension kann in einem weiteren Gesprächzu anderer Zeit Inhalt sein.Die sieben Erzählregeln sollen beachtet werden: 1. Bilden Sie kurze Sätze! 2.Erzählen Sie in Gegenwart! 3. Benutzen Sie oft »wörtliche Rede«! 4. SprechenSie je nach Textstelle langsam, schnell, laut oder leise! 5. Denken Sie daran:Erzählen ist »Kino im Kopf« – schmücken Sie die Geschichte aus! (In diesemBuch, Seite 18–41, finden Sie nur das »Skelett« der einzelnen Geschichten.) 6.Erzählen Sie mit Begeisterung, einer Haltung, die ausdrückt: Ich freue mich,euch Kindern jetzt diese Geschichte zu erzählen! 7. Erzählen Sie unbedingt freiund schauen Sie die Kinder an! (Sie können einen Stichwortzettel benutzen,aber keinen Text.)In den Erzählpausen können die Kinder unter Anleitung mit Naturmaterialien die Inhalte der Geschichte vertiefen. Es stehen in Schalen Kastanien,Blüten, Holzscheiben, Eicheln, Muscheln, Samen, Tannenzapfen, Blätter,Steine, Dornen, Ähren, Blumen, Zweige, Nüsse, Körner, Schafwolle, Sand etc.bereit.Alles, was gelegt wird, ist gut und darf nicht verändert werden! Jedes Bildwird wertgeschätzt im Sinne der Schöpfungsgeschichte: Und Gott sah, dass esgut war. Das Kind erfährt: Mein Tun und Handeln und das Tun und Handelndes anderen Kindes sind wertvoll, die Erfahrung von Unterschiedlichkeit istbereichernd und führt zu einem gelungenen, gemeinsam gelegten und harmonischen Bodenbild. Das Naturmaterial führt zum Ursprung der Schöpfung. Inder »Medienkindheit« können Naturphänomene zum Staunen anregen und dasBewusstsein für die Bewahrung der Schöpfung wecken.EinzelbodenbildEs können zur individuellen Vertiefung Einzelbodenbilder gelegt werden,gegebenenfalls an einem anderen Tag. Aufgaben der Einzelbodenbilder zu denzwölf Szenen »Jesus erzählt«, können entsprechend der Szenen-Aufteilung imBilderbuch (Seite 18-41) zum Beispiel sein: 1. Szene – Lege: Der Hirte findetdas Schaf. 2. Szene – Lege: Die Welt ist schön. 3. Szene – Lege: Jeder bekommtetwas Schönes! 4. Szene – Lege: Ich helfe im Garten. 5. Szene – Lege: Ein harmonisches Bild! 6. Szene – Lege: »König« / »Verwalter« (siehe Seite 48). 7.Szene – Lege: Ich helfe. 8. Szene – Lege: Freude. 9. Szene – Lege: Jesus erzählt.

II.Jesus erzähltHelgard Jamal

18191 Das verlorene SchafJesus sagt: »Passt auf! Verachtet keinen Menschen. Kein Mensch istunbedeutend. Ich will den retten, der sich verloren fühlt.«Jesus erzählt:»Was meint ihr? Jemand hat 100 Schafe. Ein Schaf verirrt sich.Sucht er es?Der Hirte lässt 99 Schafe zurück und sucht das verirrte. Wenn er esfindet, freut er sich. Dieser Hirte freut sich mehr über das eine Schafals über die 99 Schafe.«Gott will nicht, dass ein Mensch verloren geht. Gott liebt jedenMenschen, er sucht jeden Menschen. Gott will, dass jeder Menschbeschützt wird.nach Matthäus 18,10–14

20212 Sorgt euch nichtJesus sagt: »Macht euch keine Sorgen. Denkt nicht ständig daran,was ihr esst und trinkt. Denkt nicht ständig daran, welche Kleidung ihrbraucht. Ist das Leben nicht mehr als das Essen? Ist der Körper nichtmehr als die Kleidung? Seht die Vögel des Himmels an! Sie säen, erntenund sammeln nicht, doch Gott ernährt sie. Ihr seid wertvoller!Wer lebt länger, weil er sich Sorgen macht? Warum sorgt ihr euchum eure Kleidung? Seht die Lilien des Feldes an, wie sie wachsen! Siearbeiten nicht auf dem Feld oder im Hause. Salomo in all seiner Prachtwar nicht so schön wie eine Lilie.Gott lässt heute das Gras grünen, das morgen abgemäht wird. Meint ihr,er hat den Menschen vergessen? Macht euch keine Sorgen. Fragt nicht:Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir unskleiden? Gott will euch versorgen. Er weiß, was ihr braucht.«Sucht Gott, sucht seine Gerechtigkeit, dann bekommt ihr all das anderedazu. Sorgt euch nicht um den nächsten Tag! Lebt im ›Hier und Jetzt‹.Gott sorgt für euch.nach Matthäus 6,25–34

22233 Die Arbeiter im WeinbergGottes Güte zeigt sich wie bei einem Weinbergbesitzer,der großherzig handelt.Jesus erzählt:»Der Weinbergbesitzer geht morgens auf dem Marktplatz. Er suchtMänner, die für ihn arbeiten. Er vereinbart mit ihnen einen Lohn:Sie bekommen für einen Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergangein Silberstück. Davon kann eine Familie einen Tag satt werden.Die Männer arbeiten für diesen Lohn im Weinberg.Gegen 09.00 Uhr sucht der Weinbergbesitzer weitere Arbeiter. Er findetsie auf dem Marktplatz. Sie arbeiten auch im Weinberg. Gegen Mittag,am frühen Nachmittag und am frühen Abend braucht er weitere Arbeiter.Er sagt: ›Arbeitet für mich, ich bezahle euch!‹ Alle arbeiten im Weinberg.Kurz vor Sonnenuntergang ruft der Weinbergbesitzer seinen Verwalter.Zu diesem sagt er: ›Rufe die Arbeiter und zahle den Lohn aus. Fang’ beidenen an, die zuletzt gekommen sind. Gib’ jedem Arbeiter ein Silberstück.‹Jeder bekommt ein Silberstück. Mehrere Arbeiter beschweren sich. EinMann sagt: ›Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, dieser nur eine Stunde.Warum bekommt er genauso viel Lohn wie ich?‹ Der Weinbergbesitzersagt: ›Freund, ich habe dir das gegeben, was wir besprochen haben. Dirgeschieht kein Unrecht. Ich will dem anderen so viel geben wir dir. Es sindmeine Silberstücke. Ich kann sie verteilen, wie ich will. Bist du neidisch,weil ich gütig bin? Bist du lieblos und hartherzig? Freue dich mit allen,die heute gearbeitet haben. Freue dich mit allen, die ein Silberstückerhalten haben!‹«Aus Güte werden Letzte Erste und aus Lieblosigkeit Erste Letzte.nach Matthäus 20,1–16

24254 Die zwei SöhneJesus erzählt:»Ein Mann hat einen Weinberg. Er hat zwei Söhne.Er sagt zu dem ersten Sohn: ›Bitte geh’ in den Weinberg und arbeite!‹›Ja‹, sagt der Sohn. Doch er geht nicht in den Weinberg. Er arbeitet nicht.Der Mann sagt zu dem zweiten Sohn: ›Bitte geh’ in den Weinberg undarbeite!‹ ›Ich will nicht‹, sagt der Sohn. Doch nach einer Weile besinnt ersich. Er geht in den Weinberg und arbeitet.«Jesus fragt: »Wer hat dem Vater eine Freude gemacht?Der erste oder der zweite Sohn?«»Der zweite Sohn«, antworten die Zuhörer.»Ja, das Tun ist wichtiger als das Reden«, sagt Jesus.nach Matthäus 21,28–32

26275 Die anvertrauten SilberstückeJesus erzählt:»Ein Mann will verreisen. Er ruft seine Diener. Er gibt ihnen sein Geld.Er gibt es jedem nach seinen Fähigkeiten. Dem einen gibt er fünf ZentnerSilbergeld. Dem anderen gibt er zwei Zentner Silbergeld. Dem dritten gibter einen Zentner Silbergeld.Der Mann reist ab.Der die fünf Zentner Silbergeld bekommen hat, handelt mit dem Geld.Er gewinnt fünf Zentner Silbergeld dazu. Der die zwei Zentner Silbergeldbekommen hat, handelt mit dem Geld. Er gewinnt zwei Zentner Silbergelddazu. Der den einen Zentner Silbergeld bekommen hat, vergräb

Der Religionsunterricht in der »Theodor-Heuss-Schule« und die . das gemeinsame Erbe, die gemeinsamen Vorbilder wie Adam und Eva, Noah, Abraham und Sara, Isaak und Rebekka,