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Linguistische Grundlagen2. Phonetik: Die SprachlauteGereon MüllerInstitut für LinguistikUniversität LeipzigLit.: Grewendorf et al. (1987, Kap. 2), O’Grady et al. (1996, Kap. 2)www.uni-leipzig.de/ muellergGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20061 / 30

Gegenstand und Probleme der PhonetikWorum es gehtZiel:Es geht nicht darum, alle beliebigen Laute zu erfassen, die bei der lautlichenProduktion menschlicher Sprache auftreten (husten, räuspern, aehs,unwillkürliche Schnalzlaute, etc).Es geht darum, solche Laute einer Sprache zu erfassen und zu beschreiben,die systematisch vorkommen – idealerweise solche Laute, die von der Spracheim Prinzip benutzt werden können, um Bedeutungsunterscheidungenauszudrücken.Die Klasse der möglichen Sprachlaute (oder Phone) ist endlich und universell;d.h., jedes Kind kann alle Phone menschlicher Sprache (inkl. z.B. vonSchnalzlauten (‘clicks’)) ohne Probleme erwerben.Beispiel:Tor wird mit aspiriertem t gesprochen (th ); Stein wird nur mit t gesprochen.Dieser Unterschied zwischen aspiriertem und nicht-aspiriertem t wird imDeutschen allerdings nicht benutzt, um Wörter zu unterscheiden.Im Thai dagegen ist Aspiration bedeutungsunterscheidend: tam mitAspiration von t bedeutet tun; tam ohne Aspiration von t bedeutetzerstampfen.Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20062 / 30

Gegenstand und Probleme der PhonetikPhonetik: TeilgebieteDrei Arten der Phonetik:1Artikulatorische Phonetik: Erforschung der physiologischen Mechanismen derSprachproduktion2Akustische Phonetik: Erforschung der physikalischen Eigenschaften derLautereignisse (Schallwellen)3Auditive Phonetik: Erforschung der physiologischen Mechanismen derSprachperzeption (d.h., des Hörens)Im Folgenden geht es hauptsächlich um die artikulatorische Phonetik; denn diesesTeilgebiet bildet die Grundlage für das grammatische Regelsystem der Phonologie(die Phonetik ist kein Regelsystem).Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20063 / 30

Gegenstand und Probleme der PhonetikSchwierigkeiten bei der AnalyseGrundschwierigkeiten der Phonetik:Jede lautliche Äußerung stellt ein Kontinuum dar: Die Kontraktionszuständeder Muskeln des Sprechapparats weisen ein kontinuierliches Auf- undAbnehmen auf. Es ist daher zunächst einmal überhaupt nicht trivial, auf derBasis einer gehörten Äußerung die einzelnen Laute zu isolieren.Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20064 / 30

Gegenstand und Probleme der PhonetikSchwierigkeiten bei der AnalyseGrundschwierigkeiten der Phonetik:Jede lautliche Äußerung stellt ein Kontinuum dar: Die Kontraktionszuständeder Muskeln des Sprechapparats weisen ein kontinuierliches Auf- undAbnehmen auf. Es ist daher zunächst einmal überhaupt nicht trivial, auf derBasis einer gehörten Äußerung die einzelnen Laute zu isolieren.Die Lautproduktion variiert von Sprecher zu Sprecher stark, und letztlichauch bei einem Sprecher von Äußerung zu Äußerung. Also: Wann dürfen zweiLaute als gleich gelten?In beiden Fällen hat ein native speaker einer Sprache kaum Schwierigkeiten:Sowohl die Segmentierung in Laute, als auch die Unterscheidung vonverschiedenen Lauten kann im Großen und Ganzen zuverlässig beimuttersprachlichen Äußerungen durchgeführt werden. Der Grund dafür liegt in derkategorialen Wahrnehmung von Lauten, die offenbar mit dem natürlichen Erwerbeiner Sprache in der Kindheit verbunden ist.(1) Minimale Bedingung für die Verschiedenheit von Lauten:Zwei Laute sind dann verschieden, wenn es eine Sprache gibt, in der dieÄußerung dieser Laute bedeutungsdifferenzierend ist.Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20064 / 30

Gegenstand und Probleme der PhonetikIPAEinzelsprachliche Orthographien sind nicht geeignet, um alle Phone natürlicherSprachen zu erfassen; man braucht ein System, das es erlaubt, jede Äußerungeiner beliebigen Sprache so zu transkribieren, dass ihre linguistisch relevantenLaut-Aspekte erfasst werden. Ein solches sprachunabhängigesTranskriptionssystem ist das International Phonetic Alphabet (IPA), das seit 1888entwickelt wird. Ein Beispiel (phonetische Symbole, die die Phone kodieren,werden immer in eckige Klammern gesetzt):(2) Gebrauch vonSpracheEnglischSpanischTurkmenischim IPASchrift IPA this[ s]boda b a]adak [a ak]Bedeutung‘dies’‘Hochzeit’‘Fuß’Die Symbole des IPA kodieren lautliche Äußerungen auf der Ebene der Segmente;grundsätzlich könnte man auch die nächsthöhere oder die nächsttiefere Ebenekodieren (nämlich Silben oder Merkmale).Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20065 / 30

Ein vereinfachtes phonetisches Alphabet für das DeutscheEin phonetisches Alphabet für das Deutsche: Vokale undGleitlauteVokale[a] Fall[ ] Dame[ ] Fabrik[ ] stellen[ ] stählen[e ] stehlen[e] steril[ ] Hexe[ ] Winter[ ] Rotte[o ] rot[o] Monolog[œ] Hölle[ø ] Höhle[ø] Ökonom[fal][d m ] [f b k][ t l n][ t l n][ te l n][ te i l][h ks ] [v nt ][ t ][ o t][monolo k][hœl ][hø l ][ økono m]Gereon Müller (Institut für Linguistik) (nicht-nativ)(nicht-nativ)(nicht-nativ)[][i ][i][ ][u ][ ][y ][y]:SchiffschiefSchikaneRumRuhmdünnDünePhysik [ f][ i f][ ika n ] (nicht-nativ)[ m][ u m][d n][dy n ] [fyz k] (nicht-nativ)Gleitlaute[j] jung [j ][w] blau [blaw]/[bla ](nicht-nativ)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20066 / 30

Ein vereinfachtes phonetisches Alphabet für das DeutscheEin phonetisches Alphabet für das Deutsche: KonsonantenKonsonanten [p] Pein[pa n] [b] Bein[ba n] [f] fein[fa n] [v] Wein [va n] [m] mein [ma n] [t] Teich [ta ç] [d] Seide [za d ] [s] reißen [ a sn] [z] reisen [ a zn] [n] nein[na n] [ ] rein[ a n] (Zäpfchen-r)[r](gerolltes r) [l] Leinen [la n n][ ] Tasche [ta ][ ] Loge [lo ]Gereon Müller (Institut für Linguistik)[ç][x][k][g][ ]reichRauchKönigGanssingenkonkret[h] Haus[ ] inFür[ ][ ][ ][ ajç](ich-Laut)[ a x](ach-Laut) [kø n k][gans] [z n][k k e t][ha s] [ n](Knacklaut)das Englische:through [ u ] this[ s]but[b t]04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20067 / 30

Klassifizierung von LautenWarum klassifiziert man Laute?Die ähnliche Artikulation verschiedener Laute spielt für phonologische Regeln (alsoRegeln der Grammatik) eine wichtige Rolle. Ein Beispiel: Englisch erwerbendeKinder wissen bereits im Alter von 2-3 Jahren (also ohne Bezug auf dieSchreibung nehmen zu können), wie man den regulären Plural von Substantivenaus dem Singular bildet.(3) Pluralbildung im Englischen:a. Füge ein [s] an alle Wörter, die auf [p], [t], [k], [ ] oder [f] enden:caps, cats, sacks, myths, muffsb. Füge ein [z] an alle Wörter, die auf [b], [d], [g], [v], [ ], [l], [ ], [y], [w],[m], [n], [ ] oder einen Vokal enden:cabs, cads, bags, dives, lathes, mills, cars, boys, cows, cans, rams, things,zoos.c. Füge ein [ z] an alle Wörter, die auf [s], [z], [ ], [ ], [t ] oder [d ] enden:buses, causes, bushes, garages, beaches, badges.Ist die Zugehörigkeit eines Lautes zu einer der drei Regeln vom Zufall bestimmt?Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20068 / 30

Klassifizierung von LautenHin zu natürlichen Klassen von Lauten(4) Präteritumsbildung im Englischen:a. Füge ein [t] an Verben, die auf [p], [k], [ ], [f], [s], [ ] enden:reaped, peeked, unearthed, huffed, kissed, wished, pitched.b. Füge ein [d] an Verben, die auf [b], [g], [ ], [v], [z], [ ], [n], [m], [ ], [l],[ ], [y], [w] oder einen Vokal enden:grabbed, hugged, seethed, loved, judged, manned, named, longed, killed,cared, tied.c. Füge ein [ d] an Verben, die auf [t] oder [d] enden:stated, clouded.Die Klassen von Lauten, über die die beiden Regeln im Englischen (Pluralbildung,Präteritumsbildung) reden, sind sehr ähnlich. Das Kind muss gar nicht die Lauteeinzeln für jede Regel lernen; es lernt nur allgemeine Merkmale, die jeweils einerKlasse von Lauten gemein sind. Im vorliegenden Fall: stimmlos gegenüberstimmhaft.Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 20069 / 30

Klassifizierung von LautenEinfache Regeln(5) Erste Variante:a. Füge ein [s] im Plural und ein [t] im Präteritum an alle Wörter, die aufeinen stimmlosen Laut enden.b. Füge ein [z] im Plural und ein [d] im Präteritum an alle Wörter, die aufeinen stimmhaften Laut enden.(6) Zweite Variante:a. Füge den passenden stimmlosen Laut an alle Wörter, die stimmlos enden.b. Füge den passenden stimmhaften Laut an alle Wörter, die stimmhaftenden.(7) Dritte Regel:a. Füge ein Schwa ein, wenn die ersten beiden Regeln zu einer Verdopplungvon [t], [d], [s] oder [z] führen.b. Ändere einen stimmlosen Konsonanten hinter einem Vokal in einenstimmhaften Konsonanten.Nebenbemerkung: Diese Regelinteraktion ist auf sehr einfache Weise in einemoptimalitätstheoretischen System mit verletzbaren und zueinander geordneten Beschränkungendarstellbar (vgl. die Phonologie-Vorlesung im Modul 04-006-1002).Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200610 / 30

Klassifizierung von LautenOptimalitätstheoretische Analyse der englischenPräteritumsbildung 1Annahme: zwei Präteritum-Suffixe: [t], [d]; [ ] kann davor eingefügt werden.(8) Beschränkungen (verletzbar und geordnet):a. Ident-Stimm/Prät:Ein Präteritum-Suffix ist bzgl. [ stimmhaft] identisch mit demvorangehenden Laut.b. NonIdent-Stamm/Prät:Ein Präteritum-Suffix ist nicht mit dem vorangehenden Laut identisch.c. Silbenzahl/Prät:Präteritumsbildung verändert nicht die Silbenzahl.(9) Ordnung:a. Ident-Stimm/Prät NonIdent-Stamm/PrätSilbenzahl/PrätGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200611 / 30

Klassifizierung von LautenOptimalitätstheoretische Analyse der englischenPräteritumsbildung 2kiss Prät Id-Stimm/Prät NonId-Stamm/Prät Silb/Prät [k s]-[t][k s]-[d]*![k s]-[ t]*!*[k s]-[ d]*!kill Prät Id-Stimm/Prät NonId-Stamm/Prät Silb/Prät[k l]-[t]*! [k l]-[d][k l]-[ t]*!*[k l]-[ d]*!state Prät Id-Stimm/Prät NonId-Stamm/Prät Silb/Prät[ste t]-[t]*![ste t]-[d]*![ste t]-[ t]*!* [ste t]-[ d]*Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200612 / 30

Klassifizierung von LautenWie klassifiziert man Laute? – Phonetische MerkmaleDie Bildung eines Lautes geht immer einher mit der Modifikation einesLuftstroms. Dieser Luftstrom kommt im einfachsten Fall aus der Lunge (er istpulmonisch); im Prinzip kann er aber auch eine andere Quelle haben (glottalischoder velarisch). Die Bewegung des Luftstroms ist im einfachsten Fall nachdraußen, also egressiv; sie kann aber auch nach innen gehen, dann ist sie ingressiv.Ingressive Laute sind z.B. Implosive (wie in [ a e ] (‘entfremden’) vs. [ba be](‘Heuschrecke’) aus dem Hausa) oder Clicks (wie in [ ! a ! a] ‘klettern’ im Zulu).Standardsituation: Die Luft geht bei der exspiratorischen Lautbildung aus derLunge durch die Glottis (Stimmritze) und entweicht dann durch den Mund oderdie Nase.(10) Kriterien für die Klassifikation von Lauten:a. Zustand der Stimmbänderb. Weg des Luftstroms (Mund/Nase)c. Artikulationsort bzw. artikulierendes Organd. ArtikulationsartGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200613 / 30

Klassifizierung von LautenZustand der StimmbänderDer Luftstrom passiert die durch die Stimmbänder gebildete Glottis.Sind die Stimmbänder weit auseinander, passiert der Luftstrom die Öffnungungehindert: stimmlose Laute.Sind die Stimmbänder zusammen, werden sie von der durchströmenden Luftzum Schwingen gebracht: stimmhafte Laute, inkl. alle Vokale.Merkmal: [ stimmhaft] vs. [–stimmhaft](11) Minimalpaare:a. packen – backenb. Torf – Dorfc. Pein – Beind. platt – Blatte. Teich – Deichf. Kreis – Greisg. Fall – Wallh. finden – windenGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200614 / 30

Klassifizierung von LautenWeg des LuftstromsWir wissen, was Pein von Bein unterscheidet, aber was unterscheidet mein vonBein? (Beide Konsonanten sind [ stimmhaft].)Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200615 / 30

Klassifizierung von LautenWeg des LuftstromsWir wissen, was Pein von Bein unterscheidet, aber was unterscheidet mein vonBein? (Beide Konsonanten sind [ stimmhaft].)[m] ist ein nasaler Laut (die Luft entweicht nicht durch den Mund, sondern durchdie Nase); [b] ist das nicht.Wie kommt ein nasaler Laut zustande? Das Velum (Gaumensegel, weicherGaumen) ist beweglich. Ist es gehoben, geht keine Luft in die Nase: orale Laute.Ist es gesenkt, geht der Luftstrom nicht durch den Mund, sondern durch die Nase:nasale Laute. Merkmal: [ nasal] vs. [–nasal]Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200615 / 30

Klassifizierung von LautenBezeichnungen (vgl. Abbildung)(12) a.b.c.d.e.f.g.h.i.j.k.l.m.n.o.p.bilabial (labium – Lippe)labiodental (dentes – Zähne)dental (dentes – Zähne)alveolar (alveoli – Zahntaschen, Zahndamm)palatoalveolar (palatum – Gaumen)palatal (palatum – Gaumen)velar (velum – Gaumensegel, weicher Gaumen)uvular (uvula – Zäpfchen)pharyngal (pharynx – Rachen)laryngal (larynx – Kehlkopf)apikal (apex – Zungenspitze)koronol (corona – Zungenkranz)dorsal (dorsum – Zungenrücken)glottal (glottis – Stimmritze)trachea – Luftröhreoesophagus – SpeiseröhreGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200616 / 30

Klassifizierung von LautenArtikulationsstelle bzw. artikulierendes Organ[b], [d], [g] sind stimmhaft und oral. Unterschiede: Artikulationsstelle bzw.artikulierendes Organ.(13) a.b.c.d.e.f.g.h.i.j.k.Bilabiale: [p], [b], [m] (beide Lippen zusammen)Labiodentale: [f], [v] (Unterlippe an obere Zähne)Labiale: Bilabiale oder LabiodentaleInterdentale: [ ], [ ] (vorderer Zungenteil zwischen Zähne)Alveolare: [d], [t], [n], [s], [z], [l], [r] (Zungenspitze an Zahntaschen; auchDentale)Palatoalveolare: [ ], [ ] (vorderer Teil der Zunge an vorderen Teil desGaumens)Palatale: [ç], [j] (vorderer Teil der Zunge an harten Gaumen)Velare: [k], [g], [x], [ ] (Zungenrücken (dorsum) an hinteren Gaumen(velum))Uvulare: [ ] (inspiratorisch beim Schnarchen)Pharyngale: – (Deutsch; solche Rachenlaute gibt es z.B. im Arabischen)Laryngale (Glottale): [h], [ ] (vor jedem Vokal am Silbenanlaut)Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200617 / 30

Klassifizierung von LautenArtikulationsstelle und artikulierendes Organ: ÜberblickbilabialArt.-stelle Oberlippe(labium)Art.-organ Unterlippe(labium)labiodental alveolarOberzähne oberer(dentes)Zahndamm(Alveolen)Unterlippe Zungenkranz(labium)(corona)[p], [b], [m] [f], [v]Gereon Müller (Institut für Linguistik)[t], [d], [s],[z], [n], [l], [r]palatoalveolar r TeilZungender Zungerücken(dorsum)[" ], [ # ][ç], [j]04-006-1001: Linguistische dorsum)[k], [g],[x], [ % ]uvularZäpfchen(uvula)Zungenrücken(dorsum)[ ]30. Oktober 200618 / 30

Klassifizierung von LautenArtikulationsart 1Verschlusslaute (Plosive):Unterschied von [d] und [z]? [d] ist ein Verschlusslaut (Plosiv); hier wird derLuftstrom vollkommen gestoppt. Alle Nicht-Plosive heißen dauernde Laute, weildie Luft ohne vollständige Unterbrechung entweicht. Es gibt nasale und oraleVerschlusslaute. Zu letzteren zählen: [p], [t], [k] (stimmlos) und [b], [d], [g](stimmhaft). Der glottal stop (Knacklaut) ist ein glottaler Verschlusslaut.Frikative (Reibelaute, Spiranten):Der Luftstrom wird nicht vollkommen unterbrochen; es gibt aber eineartikulatorische Enge, bei der durch Reibung ein Geräusch entsteht.Unterlippe und Zähne: [f], [v]Zungenkranz und Alveolen: [s], [z]alveopalatal bzw. palatal: [ ], [ ], [ç]velar: [x]uvular: ([ & ])laryngal: [h]Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200619 / 30

Klassifizierung von LautenArtikulationsart 2Affrikaten:Laute, die durch einen Verschluss erzeugt werden, der sofort wieder zu einemFrikativ gelockert wird. Umstritten ist, ob es sich um einen oder um zwei Lautehandelt.[t] [t ], [ts] (Latschen, Zaun)[d] [d ] (Loggia)[p] [pf] (Apfel)[k] [kx] (Kind, schweizerdeutsch)Liquide:Dies sind r- und l-Laute. Der Luftstrom wird behindert, aber nicht so stark, dassdas für Frikative typische Reibegeräusch entsteht.[l] ist ein Lateral. Zungenspitze Alveolen, Zungenseiten gesenkt Luftkann vorbei.[ ] Vibrieren des Zäpfchens; nicht-lateraler Liquid.[r] Zungenspitze an Alveolen.Liquide sind eine natürliche Klasse, auf die Regeln sich beziehen können.Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200620 / 30

Klassifizierung von LautenEine Regel mit Liquiden (Artikulationsart 3)(14) Eine Regel für den Silbenanlaut im Deutschen:Nach anlautendem [k], [g], [p], [b], [f], [pf] kann nur ein Liquid kommen.(15) Bestätigungen:a. [pr.]b. [br.]c. [fr.]d. [pfr.]e. [kr.]f. [gr.]g. [pl.]h. [bl.]i. [fl.]j. [pfl.]k. [kl.]l. [gl.]Gereon Müller (Institut für Linguistik)(16) Ausnahmen?a. [pn.]b. [ps.]c. [gn.]04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200621 / 30

Klassifizierung von LautenArtikulationsart 4Gleitlaute:Bei Gleitlauten (‘Halbvokalen’) entsteht kaum eine Behinderung des Luftstroms;die Zunge “gleitet” von einem Vokal zum nächsten hin.[j]: palataler Gleitlaut[w]: labiovelarer GleitlautGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200622 / 30

Klassifizierung von LautenVokalismus im Deutschen 1Vokale: keine orale Behinderung des Luftstroms.(17) Merkmale: [ konsonantisch], [ vokalisch] ([ silbisch])a. Konsonanten: [ konsonantisch,–vokalisch]b. Vokale: [–konsonantisch, vokalisch]c. Gleitlaute: [–konsonantisch,–vokalisch]d. –: [ konsonantisch, vokalisch](18) Klassifikation von Vokalen:a. vertikale Zungenbewegung (Höhenbewegung der Zunge):hoch, mittel, niedrigb. horizontale Zungenbewegung (Positions des höchsten Zungenteils):vorne, hintenc. Lippenrundung:rund, nicht-rund(19) Merkmale:a. [ hoch], [ niedrig]: hoch, mittel, niedrigb. [ vorn]: vorne, hintenc. [ rund]: rund, nicht-rundGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200623 / 30

Klassifizierung von LautenUmlaut und ach/ich-LautEvidenz für Regeln, die auf das Merkmal [ hoch] zugreifen: Umlaut imAlthochdeutschen. [i] ([j]), [u] der Folgesilbe bewirken Anhebung desStammvokals. Die Regel für den Umlaut kann also einfach auf das Merkmal[ hoch] Bezug nehmen.(20) a. gast gest-ib. stëlan stil-u(Terminologie: In althochdeutschen bzw. mittelhochdeutschen Grammatiken ist“Umlaut” in der Regeln für den bloßen i-Umlaut reserviert; der e/i-Wechsel wirdseparat behandelt.)(Im modernen Deutsch funktioniert Umlaut etwas anders; er ist an bestimmteSuffix-Typen gekoppelt und kein rein phonologisches Phänomen, z.B. Buch –Büch-er, Maus – Mäus-chen. Vgl. die Morphologie-Vorlesung im Modul04-006-1002).)Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200624 / 30

Klassifizierung von LautenUmlaut und ach/ich-LautEvidenz für Regeln, die auf das Merkmal [ hoch] zugreifen: Umlaut imAlthochdeutschen. [i] ([j]), [u] der Folgesilbe bewirken Anhebung desStammvokals. Die Regel für den Umlaut kann also einfach auf das Merkmal[ hoch] Bezug nehmen.(20) a. gast gest-ib. stëlan stil-u(Terminologie: In althochdeutschen bzw. mittelhochdeutschen Grammatiken ist“Umlaut” in der Regeln für den bloßen i-Umlaut reserviert; der e/i-Wechsel wirdseparat behandelt.)(Im modernen Deutsch funktioniert Umlaut etwas anders; er ist an bestimmteSuffix-Typen gekoppelt und kein rein phonologisches Phänomen, z.B. Buch –Büch-er, Maus – Mäus-chen. Vgl. die Morphologie-Vorlesung im Modul04-006-1002).)Evidenz für Regeln, die auf das Merkmal [ vorne] zugreifen: Nach hinterenVokalen kommt [x] (Bach, Buch, hoch), nach vorderen Vokalen kommt [ç] (ich,frech, riechen, Rehchen, röcheln, Früchte).Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200624 / 30

Klassifizierung von LautenWeitere Klassifizierungsmerkmale für VokaleLänge (Dauer)Gespanntheit (stärkere Muskelanspannung, geringere Mundöffnung)Zentralisierung(21) Gespanntheit und Länge gehen im Deutschen oft zusammen a. schief [i ] vs. Schiff [ ]b. Huhn [u ] vs. Hunne [ ]c. wohne [o ] vs. Wonne [ ]d. Düne [y] vs. dünne [ ]e. Höhle [ø ] vs. Hölle [œ]Ausnahme: Vokale, die [ niedrig] sind. Es gilt also: Alle nicht-niedrigenKurzvokale im Deutschen sind ungespannt.12[a], [ ]: Beide sind [ niedrig]; Kurzvokal wird weiter vorn gebildet und istgespannter.[ ], [ ], [e ]: [ ], [ ] sind [ niedrig]; [ ] ist nicht gespannt.Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200625 / 30

Klassifizierung von LautenVokalviereck[i ][y ][u ] [e ] [ø ][ ] [ ][ ][ ][ ] [œ][ ][ ] [a][ ]hoch ([ hoch,–niedrig])[o ][ ][ ]mittel ([–hoch,–niedrig])niedrig ([–hoch, niedrig])vornzentral {z hinten}[ vorn][–vorn]Alle gerundeten Vokale werden etwas hinter den ungerundeten Vokalen artikuliert.Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200626 / 30

SuprasegmentaleTonhöhe: Ton und IntonationAlle Laute haben auch suprasegmentale (oder prosodische) Eigenschaften:Tonhöhe (‘pitch’)LautstärkeLängeIm gegenwärtigen Kontext ist die Tonhöhe von besonderem Interesse. (SogarKonsonanten haben unterschiedliche Tonhöhe: [s] ist z.B. höher als [ ].)Tonhöhe spielt in natürlichen Sprachen bei zwei Phänomenen eine Rolle:12Ton (Bedeutungsunterscheidung in Wörtern)Intonation (Bedeutungsunterscheidung in Phrasen)Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200627 / 30

SuprasegmentaleTonManche Sprachen haben Ton in der Form von Registertönen: hoch, mittel, tief.(Bemerkung: [' ] ist ein ist ein stimmloser dental/alveolarer lateraler Frikativ; diesenkrechten Verbindungslinien heißen Assoziationslinien.)(22) Autosegmentale Repräsentation von Ton im Sarcee (Athapaskan):HML[mi' ] ‘Motte’[mi' ] ‘Falle’ [mi' ] SchlafEin Ton kann mit mehr als einer Silbe assoziiert sein: Mende(Niger-Kongo-Sprache; steht für ‘hoher Ton’; steht für ‘tiefer Ton’).(23) a. p l (‘Haus’)b. háwámá (‘Taille’)c. kpàkàlı̀ (‘dreifüßiger Stuhl’)(24) Autosegmentale Repräsentation von Ton im Mende:HHLplha wa maGereon Müller (Institut für Linguistik)kpa ka li04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200628 / 30

SuprasegmentaleKonturtöneIn manchen Sprachen ändert sich der Ton innerhalb einer Silbe: Konturtöne.Klassisches Beispiel: Mandarin (Sino-Tibetisch); hier gibt es Register- undKonturtöne.(25) H[ma] ‘Mutter’ high tone(26) MH[ma](27) ML‘Hanf’ mid riseH[ma](28) H‘Pferd’ fall riseL[ma]‘schimpfen’ high fallGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200629 / 30

SuprasegmentaleIntonationTonhöhenbewegung in Äußerungen, die nicht mir Unterschieden inWortbedeutungen einhergeht, heißt Intonation. Unterschiedliche Satztypen habenoft unterschiedliche Intonationsmuster (Aussagesätze, Fragesätze, Befehlssätze).(29) Ein englisches Beispiel:LHLSam bought a new va- -cuum clea- -ner bag(30) Ein deutsches Beispiel mit Unterschieden der Satzbedeutung: HutkonturAlle Politiker sind nicht korruptGereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200630 / 30

LiteraturLiteratur:Grewendorf, Günther, Fritz Hamm & Wolfgang Sternefeld (1987): SprachlichesWissen. Suhrkamp, Frankfurt.O’Grady, William, Michael Dobrovolsky & Francis Katamba (1996): ContemporaryLinguistics. An Introduction. 3 edn, Longman, Harlow, Essex.Gereon Müller (Institut für Linguistik)04-006-1001: Linguistische Grundlagen30. Oktober 200630 / 30

Ein vereinfachtes phonetisches Alphabet f ur das Deutsche Ein phonetisches Alphabet f ur das Deutsche: Konsonanten Konsonanten [p] Pein [pa n] [b] Bein [ba n] [f] fein [fa n] [v] Wein [va n] [m] mein [ma n] [t] Teich [ta c] [d] Seide [za d] [s] reiˇen [a sn] [z] reisen [a zn] [n] nein [na n] [] rein [ a n] (Z apfchen- r) [r] (gerolltes r) [l .File Size: 269KBPage Count: 34Explore further30 Sprachspiele – spielend Sprachen lernenlernox.dePhonetischer Alphabet-Übersetzerwww.mister42.deWie spricht man eigentlich „ch“? Sprache und . - LEGINDAwww.leginda.deAussprache von "ch" im Deutschen Phonetiksprachekulturkommunikation.comDeutsche Phonetik – eine Einführung - OSZKmek.oszk.huRecommended to you b