Transcription

Dr. Dieter Becker, Untermainkai 20, 60329 Frankfurt, Mail: tattung - Winkelmesse oder evangelischer Sonderritus? . 1Empirische, theologische und liturgische Beobachtungen zu Bestattungen ohne Angehörige .11 Persönlicher Zugang . 12 Empirisch-analytischer Zugang . 22.1Juristische Aspekte.22.1.1 Ökonomisierung .42.1.2 Sozialbestattungen .52.2Begriffliche Heterogenität .52.3Empirische Daten .62.3.1 Sterbe- und Bestattungsdaten .62.3.2 Daten zu evangelischen Bestattungen .82.3.3 Solitarbestattungen in Frankfurt - eine empirische Annäherung . 103 Solitarbestattung in theologischer Perspektive. 133.1Bestattung zwischen biblischen, theologischen und gesellschaftlichen Aspekten . 133.1.1 Biblischer Befund: Tote, Bestattung, Auferstehung . 133.1.2 Evangelisches Menschenbild . 153.1.3 Sterben, Tod und Bestattung als Prozess der Aus- bzw. Eingliederung . 183.1.4 Bestattung Nie-Lebend-Geborener ("Stillgeborenes Leben") . 193.1.5 Solitarbestattung - Individualrecht versus Körperschaftsrecht. 193.2Evangelische Bestattung als Gottesdienst, Winkelmesse, Barmherzigkeitsakt, gutesWerk oder private Dienstleistung?. 203.2.1 Bestattung als evangelischer Gottesdienst . 203.2.2 Evangelische Solitarbestattung - eine Winkelmesse ? . 213.2.3 Privatisierung von (evangelischen) Bestattungen? . 233.2.4 Lösungsoptionen: Barmherzigkeitsakt, gutes Werk oder seelsorgerlicher Akt stattevangelischer Gottesdienst? . 253.2.5 Lösungsvorschlag: Apodiktischer Gottesdienstanspruch bei der Beisetzungaufgeben . 263.3Pastoraltheologische Anfragen durch Solitarbestattungen. 283.3.1 "Damit der Pfarrer nicht alleine am Grab steht"? . 283.3.2 Seelsorge im Rückzug? . 293.3.3 Nicht die Toten werden verdrängt, sondern das Leben steht im Fokus derVerstorbenen . 304 Schluss . 315 Literatur. 325.1Allgemeine Literatur . 325.2Gesetze, Verordnungen, Gerichtsentscheidungen . 355.2.1 Gesetze u.a. der Länder. 355.2.2 Städtische, kommunale bzw. kirchliche Ordnungen für Friedhöfe . 355.2.3 Gerichtsentscheidungen . 365.3Statistische Daten . 365.3.1 Statistisches Bundesamt Wiesbaden . 365.3.2 Städte, Jahrbücher etc. 36Solitarbestattung 2013.03.02 - final.doc

Dr. Dieter Becker, Untermainkai 20, 60329 Frankfurt, Mail: [email protected] 1 von 37Solitarbestattung - Winkelmesse oder evangelischer Sonderritus?Empirische, theologische und liturgische Beobachtungen zu Bestattungen ohne Angehörige1 Persönlicher ZugangSelten hat mich eine Beerdigung so berührt. Ich habe keinen, überhaupt keinen Bezug zu demToten. Einen Kontakt zu Angehörigen gibt es nicht, weil keine vorhanden sind. Zudem macheich als ordinierter, wenn auch beurlaubter Pfarrer und als tätiger Betriebswirt einen Vertretungsdienst für meine Gemeindepfarrerin. Die Bestattung ist eine Urnenbeisetzung ohne Angehörige und ohne jegliche Gemeindeglieder. Ein Frankfurter Friedhofsmitarbeiter trägt würdevolldie Urne. Ich gehe hinterher, alleine. Mein Versuch, "Klageweiber- oder kerle" zu organisieren,misslang. Man stirbt nicht nur alleine, man wird in der Stadt (in ca. 25% der Bestattungen, wiesich unten zeigen wird) auch einsam 'untergescharrt'. Möglicherweise hatte Philippe Ariès dochnicht unrecht, wenn er davon sprach, dass wir nicht den Tod verdrängen, sondern die Toten.1Bei der eigentlich nicht vorhandenen, aber von mir durchgeführten Trauerfeier, die im Evangelischen ja einerseits als gottesdienstliche Handlung, andererseits als entscheidende Trauerphase, zudem als Trauerbegleitung der Gemeinde und schließlich als homiletische oder gar missionarische Evangeliumspredigt verstanden wird, fehlen mir Worte. Was soll ich auch sagen undzu wem?Nichts von dem, was evangelische Bestattung theologie-theoretisch, kirchenliturgisch oder garpastoraltheologisch sein soll, trägt hier. Soll ich Selbstgespräche führen oder - wie ein gut gemeinter Vorschlag einer Kollegin - mit dem Toten (seiner Asche) auf dem Weg zum Grab reden? Liturgisch stehe ich auf dünnem Eis. Meine Landeskirche in Hessen und Nassau (EKHN)hält in der Bestattungsagende von 1993 kein Formular für diesen Fall bereit. Die adaptierteBestattungsagende der UEK von 20042 bietet zwar - eher als Randnotiz oder Appendix - soetwas wie eine "formula solitaria". Aber diese Liturgie (Form VI) anlässlich eines "Bestattungsgottesdienstes ohne Angehörige" ist ein verkürztes Formular lediglich für die Grablegung. Obes "Gottesdienst" genannt werden kann, bleibt zweifelhaft, denn es "startet" vor der Trauerhalle (zwischen Tür und Angel) und erscheint mir keinesfalls angemessen. So entwerfe ich eineigenes liturgisches Formular wie dies viele meiner befragten Pfarrkollegen auch tun. Theologisch und liturgisch sind die evangelischen Agenden hinsichtlich dieser steigenden Zahl anstädtischen Bestattungen - vorsichtig ausgedrückt - noch unausgereift. Gesang, Wir-Anrede,Predigt, Hoffnungsverkündung und evtl. sogar gemeinsames Vater unser und der Segen (?) all das muss oder müsste eliminiert werden. Aber was bleibt dann von den Bestattungsliturgienim Evangelischen eigentlich übrig? Der Gang zum Grab, der Erdwurf, ein Vater unser oder auchnur eine große pastorale Ohnmacht, eine Irritation?Um dem jüngsten "Kind" evangelischer Bestattungskultur überhaupt einen sachgerechten Namen zu geben, rede ich im Folgenden von Solitarbestattung ; als Ableitung des Lateinischenfunus solitarium (Allein- oder einsame Bestattung). Ich verstehe darunter jegliche Art der Bestattung, bei der lediglich funktionales Personal (Bestatter, Sarg-/ Urnenträger und/oder Religionsvertreter) neben Leichnam oder humanoiden Verbrennungsresten anwesend ist. Eine Solitarbestattung könnte auch in Ablehnung an die missa solitaria (Privatmesse) im Katholischenverstanden werden, wenn man es kritisch betrachten will. Kritisch deshalb, weil eine Solitarbestattung im evangelischen Kontext nicht unproblematisch ist. Luther brandmarkte scharf 3einerseits jegliche Form der Einflussnahme in "jenseitige" Vorgänge von Verstorbenen (Stichwort: Ablass oder Totenoffizium) in seinen 95 Thesen. Fürsprache für Tote und der sich u.a.daraus entwickelte käufliche Ablass sind als "Auslöser" der Reformation, d.h. als die Abkehrvon einer römischen Theologie zu verstehen. Deshalb kann in einer heutigen Debatte umevangelische Solitarbestattungen nicht leichtfertig und theologisch unreflektiert von einem"Barmherzigkeitsakt" gesprochen werden, wenn in einem evangelischen (zwielichtigen unddennoch notwendigen) Bestattungsritus pastorale Handlungen lediglich an, für oder mit einer123Ariès (1999).Bestattung (2004), S. 157f (Form VI ‐ Bestattungsgottesdienst ohne Angehörige).Zu Martin Luthers 95 Thesen, siehe WA 1, 233‐238 sowie WA 1, 528ff oder STA 1, (173) 176‐185 oder CL 1, 3‐9.Die in diesem Artikel angegebenen Luthertexte werden nach der Weimarer Aussage ("WA") zitiert. Um auch ein "Nachlesen"ohne die Weimarer Ausgabe zu ermöglichen, werden zusätzlich als Quellen verwendet: Martin Luther Studienausgabe ("STA"),Berlin 1987‐1999, Band 1‐6; Luthers Werke in Auswahl hg. v. Otto Clemen et al. ("CL"), Bd. 1‐8, Berlin 1950‐1955. Eine digitaleAlternativ ist die Ausgabe von Kurt Aland: Martin Luther, Gesammelte Werke, die neben dem Druck auch als CD von Zeno.org,Berlin 2008, (ISBN 978‐3‐89853‐639‐4; hier zit. als "Zeno.org") herausgegeben wird.Solitarbestattung 2013.03.02 - final.doc

Dr. Dieter Becker, Untermainkai 20, 60329 Frankfurt, Mail: [email protected] 2 von 37Leiche oder deren Verbrennungsresten durchgeführt werden.4 Andererseits hat Luther in seinerInvokavitpredigt vom Dienstag, dem 11.3.1522 diese Art der "Gottesdienste" mit dem (abwertenden) Neubegriff "winckel messe"5 bezeichnet und damit die "Abscheulichkeit" von einsamenPrivat- oder Seelenmessen an den Altären in den Nischen (Winkeln) der Kirchen ohne öffentliche Evangeliumsverkündigung als evangelisches "No-Go" gebrandmarkt. Luthers Schriften unddie seiner Mitreformatoren greifen immer wieder auf diese auslösende Ablehnung der katholischen Gottesdienst-, Glaubens-, Sünden- und Buß- sowie der Barmherzigkeitslehre hinsichtlichder "guten Werke" zurück6. Gerade deshalb bleibt das pastorale Tun einer Solitarbestattungaus evangelisch-theologischer Sicht höchst kritisch; selbst wenn nicht über deren Handlungsnotwendigkeit gestritten werden braucht.Meine unbeurlaubten, bezahlten Kollegen, mit denen ich sprach und die "Solitarbestattungen"regelmäßig durchführen, hatten zwar ähnliche (Anfangs-)Irritationen wie ich. Sie unterwarfensich aber - theologisch häufig stillschweigend - einer pastoralen Handlungs- und Alltagsnotwendigkeit oder - was noch irritierender war - adaptierten die Barmherzigkeitslehre der Katholiken für das Evangelische, indem von der Totenbestattung als Barmherzigkeitsakt gesprochenwird7. Unzweifelhaft haben schon eine Fülle von Pfarrpersonen Solitarbestattungen durchgeführt oder praktizieren diese - wie aufgrund der empirischen Daten sichtbar werden wird - regelmäßig.8Der Artikel versucht, sich einer neuen pastoralen (Stadt-) Praxis zu nähern und die theologische Diskussion darüber in Gang zu setzen, die sich aus einer unzweifelhaft notwendigen, aber- aus reformatorischer Sicht - nicht minder problematischen Ritualverpflichtung ergibt.2 Empirisch-analytischer Zugang"Für die Wahrnehmung bestimmend ist jedoch der Abbruch eingelebter Gestaltungen."9Insofern versuche ich zunächst mich der pastoralen Irritation mittels empirisch-funktionalerAnalytik (Daten, Gesetze etc.) zu nähern, die seit Jahren mein Tun als Betriebswirt bestimmtund meine Theologie als Pfarrer befruchtet. Der empirische Zugang - sofern er einer theologischen Hermeneutik vorangestellt wird - eröffnet meines Erachtens für Kirche und Theologieeinen nicht nur hilfreichen, sondern heute notwendigen Erstzugang zur (kirchlichen) Wirklichkeit und ihren Veränderungsaspekten. An Beispielen der Pfarrbefragungen in verschiedenenLandeskirchen seit 2001, der pastoralen Arbeitszeitmessung als auch hinsichtlich der neuerenAnforderungen zur Kirchentheorie habe ich auf diese methodologische Herausforderung einerzukunftsgerechten evangelischen Theologie im 21. Jahrhundert hingewiesen.102.1 Juristische Aspekte11Das Friedhofs- und Bestattungswesen insgesamt ist seit Jahren in einem grundlegenden Umbruch.12 Nicht allein durch die Wiedervereinigung und die in der ehemaligen DDR praktiziertenBestattungsriten haben sich Rahmenbedingungen verändert. Auch durch bisher eher "fremde"Bestattungsarten in einer multikulturellen Gesellschaft entstehen neue bzw. erweiterte juristische Aspekte für das Bestattungswesen.13 Die Bundesländer bestimmen Rahmenbedingungen45678910111213"Der neuralgische Punkt ev. Reformmaßnahmen (betr. Messe, Kommunion, Beichte, Fastensitte, Bilder, Zölibat, Mönchswesenusw.) war für Luther weder der Sachgehalt der Änderungen noch die dazu befugte Instanz, sondern die Weise des Vollzugs(vgl. Invokavit‐Predigten 1522)." Ebeling (1960), Sp. 508.Luther erfindet diesen Begriff "Winkelmesse" für die Messfeiern wie Vigilien oder Totenoffizien, die meist allein vom Priesternals missa privata bzw. missa solitaria im Gedenken der oder als Fürsprache für die Toten im Jenseits gelesen wurden. Vgl. WA10III, 21 [STA Bd. 2, S. 538].Kurz und knapp im Artikel 20 des Augsburger Bekenntnisses (CA XX ‐ Vom Glauben und guten Werken) dargestellt."Tote zu begleiten ist eines der sieben Werke der Barmherzigkeit. In einer Gemeinschaft unterstützt man sich und dies giltauch, wenn jemand gestorben ist" wird der evangelische Pfarrer Kessner, Hoffnungsgemeinde Frankfurt, in einem Artikel derFrankfurter Rundschau (FR) vom 15.09.2012 zitiert. Zitat Sp. 2f.Prof. Dr. Karl‐Wilhelm Dahm erinnerte sich sofort an eine von ihm durchgeführte Solitarbestattung während seiner Vikarszeit1961 in Wiesbaden. Sein Lehrpfarrer habe gesagt, er solle "das" machen. Eine Reflexion sei nicht erfolgt, weil dieser Bestat‐tungsakt auch eine ‐ empirisch gesehen ‐ marginale Bedeutung hatte. Prof. Dr. Karl‐Fritz Daiber berichtet im Gespräch von ei‐nem Fall Anfang der 1970er Jahre, den er im Pastoralkolleg Hannover besprach.Fechtner (2012), S. 4.Exemplarisch für Praxis und Theorie empirischer Daten innerhalb der Theologie: Becker/Dautermann (2005), Be‐cker/Dahm/Erichsen‐Wendt (2009), DBecker (2007a 2007b).Zu meiner Kritik einer reinen "Datengläubigkeit im Betriebswirtschaftlichen" siehe: DBecker (2009).Grundlegend: Gaedke (2010). Der hier vorgenommene Abriss beschäftigt sich vordergründig mit neuste Änderungen undgesellschaftlichen Entwicklungen, die ihren Niederschlag in dem Friedhofs‐ und Bestattungsrecht finden.Vgl. auch Fechtner.Zu den "fremden" Bestattungsriten siehe die gerade erschienene und sehr lesenswerte Dissertation von Corinna Kuhnen(2012). Kuhnen dokumentiert Bestattungsabläufe bzw. Anforderungen an das Bestattungswesen in Deutschland durch musli‐Solitarbestattung 2013.03.02 - final.doc

Dr. Dieter Becker, Untermainkai 20, 60329 Frankfurt, Mail: [email protected] 3 von 37durch Friedhofs- und Bestattungsgesetze, die durch lokale Friedhofsordnungen präzisiert werden. Die Landesgesetze ähneln sich in vielen Punkten, obgleich Unterschiede im "Zugang" zuTod, Friedhof, Bestattung festzustellen sind. Hessen beispielsweise regelt zunächst in den ersten neun Paragraphen strukturell das öffentliche Friedhofswesen bevor im Gesetz die Überleitung zum toten Menschen, der Leiche, und damit der Bestattung erfolgt.14 Einen "individuellen"Erstzugang über den toten Menschen (die Leiche) findet sich dagegen im BestattungsgesetzHamburgs15, in dem - ausgehend vom Leichenwesen über Bestattungswesen zum Friedhofswesen (zuerst staatlich, dann andere Träger) - die hanseatische Form im Umgang mit dem Totenjuristisch geregelt wird. "Träger von Friedhöfen können nur juristische Personen des öffentlichen Rechts sein", legt - wie die Mehrzahl der Landesgesetze auch - das bayrische Bestattungsgesetz fest.16 Ausnahmen hiervon finden sich in Berlin, wo hoheitliches Bestattungsrechtauch nicht körperschaftlich organisierten Religionsgemeinschaften zugesprochen werdenkann17 oder in den ostdeutschen Bundesländer. Dort sind Anstaltsfriedhöfe oder private Bestattungsplätze (in Sachsen nur Urnen bzw. Asche) zulässig. Dass Friedhöfe nicht mehrheitlichkommunal in einem Bundesland sein müssen, zeigt sich an der Hansestadt Hamburg. Sie verfügt über 53 Friedhöfe, davon sind 36 in evangelischer, 15 in städtischer, einer in jüdischerund einer in mennonitischer Trägerschaft.Jüngste Gesetzesänderungen versuchen den neuen Anforderungen Rechnung zu tragen. Diefolgende Aufzählung neuerer Änderungen ist eine - nicht abschließende - Auswahl aus den Gesetzen der Bundesländer bzw. aus lokalen Friedhofsordnungen. Neu geregelt werden: Begriffs/Gewichtsbestimmungen für Tot-, Fehlgeborene oder stillgeborenes Leben18, die Bezeichnungvon Bestattungsarten19, andere Begräbnisformen wie See20-, Baumbestattung21 (in der Erdeunter einem Baum auf Friedhöfen oder in einem "Friedwald"), Ausstreu-22 oder Nischenbestattungen in Kolumbarien23, Bestattungen außerhalb von Friedhofsflächen24, rituelle Waschun-14151617181920212223mische, jüdische, buddistische, hinduistische und yezidische (kurdische) Bestattungen sowie Adaption der Bestattungsriten derReligionsgruppen in Deutschland gegenüber deren "Herkunftsländern".Hessen FBG.Hamburg Bestattungsgesetz.Bayern BestG in § 8 Abs. 2 Satz 1. Vgl. auch das Hessen FBG in § 3 Abs. 1: "Kirchen, Religions‐ und Weltanschauungsgemein‐schaften, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, können zur Bestattung ihrer Mitglieder Friedhöfe in eigener Verwal‐tung anlegen, unterhalten und erweitern."Berlin FriedG § 3 Abs 2: "1Gemeinnützige Religionsgesellschaften, die nicht als Körperschaften des öffentlichen Rechts aner‐kannt sind, können von der für das Friedhofswesen zuständigen Senatsverwaltung widerruflich mit dem hoheitlichen Bestat‐tungsrecht beliehen werden, wenn sie in der Lage sind, den sachlichen und ideellen Bedarf sowie das langfristige wirtschaftli‐che Leistungsvermögen nachzuweisen. 2Gleiches gilt für gemeinnützige Weltanschauungsgemeinschaften."Beispielsweise im BestattG des Landes Sachsen‐Anhalts im § 2 mit einer Gewichtsangabe von 500gr. Die Friedhofsordnung derStadt Frankfurt regelt den Begriff "Verstorbene oder Totgeborene" nicht nach Gewicht, sondern nach Schwangerschaftsmona‐ten (ab 6. Monat), wobei § 2 Abs 3 ausführt: "Gestattet ist ebenfalls die Bestattung eines totgeborenen Kindes, das vor Ablaufdes sechsten Schwangerschaftsmonats geboren worden ist, oder eines Fötus." Das Berliner BestG ordnet eine Bestattungs‐pflicht bei Totgeburten über 1000gr an: "§ 15 BestG: Bestattungspflicht (1) Jede Leiche muss bestattet werden. Dies gilt nichtfür Totgeborene mit einem Gewicht unter 1.000 Gramm. Diese Totgeborenen sowie Fehlgeborene sind auf Wunsch eines El‐ternteils zu bestatten." Das BestG Bayerns regelt in Artikel 6 Abs. 1: "Eine totgeborene oder während der Geburt verstorbeneLeibesfrucht mit einem Gewicht unter 500 Gramm (Fehlgeburt) kann bestattet werden."Die bayrische Stadt Starnberg [Friedhofbenutzungssatzung] hat im ihrem "Waldfriedhof" Grabstätten für stillgeborenes Leben(definiert als "unter 500g Fehlgeburten") ausgewiesen: "§ 17 Grabstätte für stillgeborenes Leben (1) In der Grabstätte für still‐geborenes Leben im Waldfriedhof werden Fehlgeburten unter 500 g anonym zur Ruhe gebettet. Für dieses Grab kann keinNutzungsrecht erworben werden. "Die Frankfurter Friedhofsordnung definiert in § 3 einerseits "Erdbestattung" (mit Leichnam in einem Sarg) und andererseits für"Feuerbestattung" zusätzlich den Begriff "Beisetzung" (Leichenasche in einer Urne).Feuerbestattung in Krematorien und damit Urnenbehältnisse entstehen in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts. In Gothaeröffnet 1878 das erste Krematorium und die erste offizielle Leichenverbrennung erfolgt am 10.12.1878. Vgl. Fischer (1996),Kap. V, S. 209. Informativ und lesenswert.Für Seebestattungen sind die jeweiligen Landesgesetze hinzuzuziehen. Von Antragsverpflichtung (Bayern BestG § 12 Abs. 1Satz 3) bis völlige Gleichstellung der Seebestattung mit Friedhofsbestattungen (Schleswig‐Holstein BestattG § 15 Abs 1) findensich entsprechende rechtliche Grundlagen. Für die Seebestattung sind spezielle Seebestatter analog zu Friedhofsbestattern zu‐gelassen und zuständig. Bestimmte Seegewässer sind als Seebestattungsgebiete ausgewiesen.Beispiel: "Rügener" Seebestattungsgebiete siehe z.B. unter: http://www.ostsee‐bestattungen.deSiehe beispielsweise das Bestattungsgesetz Sachsen (SächsBestG) in der Fassung vom 1.3.2012. Nach § 2 Abs. 3 können dieneuen Bestattungsarten nach kommunalen Satzung festgelegt werden. Exemplarisch umgesetzt in der Friedhofssatzung derStadt Dresden, Letztfassung vom 11.03.2010, in §15 Abs 1 Buchstabe "g", wo diese Art der Bestattungen als "Baumgräber" be‐zeichnet werden.Das Berliner FriedG (Letzte Fassung vom 30.11.2012) gestattet den Friedhofsbetreibern nach § 12 Abs 4 auch die Möglichkeitso genannte Aschengrabstätten anzulegen, mit der folgenden Bestattungsart: "Aschengrabstätten stehen für das Ausstreuender Asche Verstorbener zur Verfügung."Kolumbarien (aus dem Lat.: "Taubenschlag", weil die Urnenaufbewahrungsorte einem Taubenschlag ähnelten) sind spezielleMauerwände oder Gebäude auf Friedhöfen, in die ‐ meist übereinander und oberirdisch angeordnet ‐ verschiedene Urnenni‐schen (seltener Sargnischen) eingelassen sind, die als Bestattungs‐ bzw. Aufbewahrungsort für Urnen zugelassen sind. Vgl. u.a.Groß (1964). Exemplarisch: Friedhofssatzung der Stadt Dresden, § 15 Abs. 1 Buchstabe "f".Solitarbestattung 2013.03.02 - final.doc

Dr. Dieter Becker, Untermainkai 20, 60329 Frankfurt, Mail: [email protected] 4 von 37gen25, offene Aufbahrung der Leiche vor und während der Begräbnisfeier26, "sarglose" Bestattung beispielsweise im Leichentuch27, optionale Individualbestattungen von Fehlgeborenenunter 500 Gramm auf Wunsch der Eltern28, oder dass nun Särge und Urnen nicht nur aus verrottenden, sondern aus umweltgerecht abbaubaren Materialien entsprechend der ausgewiesenen "Liege- bzw. Ruhezeiten" der Gräber bestehen müssen.292.1.1ÖkonomisierungIn jüngster Zeit macht auch die Ökonomisierung vor dem Friedhofswesens nicht halt, so dassdie Beisetzungsgebühren teils erhebliche Spreizungen betragen. Aufgrund der Vielzahl vonDienstleistungen der Friedhöfe können Mindestkosten zwischen 500 bis 2.000 Euro je nachBeisetzungsart und -umfang entstehen. In vielen kommunalen oder kirchlichen Friedhöfenwurden die Gebühren in den letzten Jahren teils deutlich angehoben.30 Die Friedhofsgebührenvariieren auch deshalb stark, weil teils liegezeitabhängige Jahresgebühren erhoben werden. Sobeträgt beispielsweise in der Stadt München31 das günstigste Urnengrab (im Kolumbarium mitGitternische) 21 Euro, ein Sarggrab (ab 2. Reihe) 35 Euro, ein Familienbaum für Urnenbestattungen 205 Euro je Jahr Liegezeit32, ein anonymes Urnengrab einmalig für die Gesamtzeit 450Euro. Hinzu kommen die Kosten wie Grab öffnen/schließen mit 453 Euro, Erdbestattung mitBenutzung der allgemeinen Friedhofseinrichtungen 550 Euro, Friedhofshalle einfach 120 Euro;sodass eine einfache Urnenbestattung durchaus ca. 1.500 Euro Beisetzungskosten - ohne Aufwand für den Bestatter (Urne, Schmuck etc.) - anfallen. Selbst in ländlichen Kommunen fallenBeisetzungskosten mit mindestens 300-550 Euro an; ohne Kosten für Sarg/Urne und sonstigeLeistungen des Bestatters.33 Kirchliche Friedhöfe orientieren sich an den lokal üblichen Kostenpauschalen.3424 Bayern BestG § 12 Beisetzung außerhalb von Friedhöfen: "(1) 1 Beisetzungen außerhalb von Friedhöfen sind mit Genehmigungder zuständigen Behörde zulässig. 2 Die Genehmigung kann erteilt werden, wenn ein wichtiger Grund das rechtfertigt oderwenn es dem Herkommen entspricht, der Bestattungsplatz den nach Art. 9 Abs. 1 für Friedhöfe geltenden Anforderungen ent‐spricht, die Erhaltung des Bestattungsplatzes während der Ruhezeit gesichert ist und überwiegende Belange Dritter nicht ent‐gegenstehen." Oder siehe auch das hessische FBG § 4 Abs. 2: "Die Bestattung außerhalb öffentlicher Friedhöfe kann nur er‐laubt werden, wenn dies mit Rücksicht auf besondere persönliche oder örtliche Verhältnisse gerechtfertigt erscheint, das vor‐gesehene Grundstück zur Bestattung geeignet und die ordnungsmäßige Grabpflege mindestens für die Dauer der Ruhefrist (§ 6Abs. 2) gesichert ist. Die Erlaubnis kann mit Auflagen verbunden werden. Erlaubnisbehörde ist das Regierungspräsidium Kas‐sel."25 Berliner BestG (Ergänzung seit 29.12.2010 gültig) durch § 10a Rituelle Waschungen von Leichen: "Rituelle Waschungen vonLeichen dürfen nur in den vom Bezirksamt hierfür als geeignet anerkannten Räumen in Leichenhallen oder religiösen Einrich‐tungen unter Einhaltung geeigneter hygienischer Schutzmaßnahmen durchgeführt werden." Die Kosten für rituelle Waschun‐gen werden in der Berliner FriedGebO unter Ziffer 3.2.5.1 geregelt: "Bereitstellen eines besonderen Waschraums für die rituel‐le Waschung und Gebet, je angefangene Stunde ‐ 149,00 Euro. 3.2.5.2 Bereitstellen eines Gebetsraums ohne rituelle Wa‐schung, je angefangene Stunde ‐ 58,00 Euro.26 Sachsen SächsBestG § 16 Abs. 5. Dagegen Berliner BestG, bei dem Ausnahmen durch das Bezirksamt zugelassen werden kön‐nen. "§ 14 Öffentliches Ausstellen von Leichen (1) 1Leichen dürfen nicht öffentlich ausgestellt werden. 2Das Öffnen oder Of‐fenlassen des Sarges während der Bestattungsfeierlichkeiten ist verboten. (2) Das Bezirksamt kann Ausnahmen von den Verbo‐ten des Absatzes 1 zulassen."27 Berliner BestG § 10 Abs. 2 (seit 29.12.2010): "(2) 1Abweichend von der Pflicht nach § 10 Satz 1, in einem Sarg zu bestatten,können Leichen aus religiösen Gründen auf vom Friedhofsträger bestimmten Grabfeldern in einem Leichentuch ohne Sargerdbestattet werden. 2Die Leiche ist auf dem Friedhof bis zur Grabstätte in einem geeigneten Sarg zu transportieren."Die Möglichkeit, Leichen "sarglos" zu bestatten, wird in den letzten Jahren vor allem in Städten in die lokale Satzungen über‐nommen. Die Kölner Friedhofssatzung vom 19.10.2010 [Download über http://www.stadt‐koeln.de/ Friedhofssatzung]führt beispielsweise in § 9 "Särge und Urnen" aus: "(1) Tote sind grundsätzlich in Särgen anzuliefern, aufzubewahren und zubestatten. Ausnahmsweise kann die Friedhofsverwaltung auf Antrag die Bestattung ohne Sarg gestatten, wenn nach denGrundsätzen oder Regelungen der Glaubensgemeinschaft, der die oder der Verstorbene angehört hat, eine Bestattung ohneSarg vorgesehen ist. Bei der sarglosen Grablegung hat der Bestattungspflichtige das Bestattungspersonal in eigener Verantwor‐tung zu stellen und für anfallende Mehrkosten aufzukommen. Der Transport innerhalb des Friedhofs muss immer in einem ge‐schlossenen Sarg erfolgen."28 Sachsen SächsBestG § 18. Frankfurter Friedhofsordnung § 2 Abs 3: "Gestattet ist ebenfalls die Bestattung eines totgeborenenKindes, das vor Ablauf des sechsten Schwangerschaftsmonats geboren worden ist, oder eines Fötus."29 Exemplarisch: Sachsen SächsBestG § 16 Abs. 3; § 18b Abs. 6.30 Vgl. WAZ vom 25.1.2013 oder Focus vom 22.1.2013. Ein wichtiger Punkt der Kostenentwicklung liegt auch in der steigendenRate nach Urnengräber, die bisher deutlich günstiger angeboten wurden. Dadurch verschiebt sich auch die Kostenplanung derFriedhofsträger, wenn die "teureren" Sarggräber weniger nachgefragt werden, aber die grundsätzliche Kosten gleib bleibenoder steigen.31 Friedhofsgebührensatzung der Stadt München.32 Da die Liegezeiten auf den jeweiligen Münchner Friedhöfen durch die jeweiligen Friedhofsordnungen differieren können,werden Jahresbeträge genannt, die dann mit der jeweiligen Liegezeit zu multiplizieren sind. Die Beträge sind als "Nettobeträ‐ge" (Beispiel München, Friedhofsgebührensatzung § 1 anzusehen und werden im Voraus für die gesamte Liegezeit fällig; ebd. §4 Abs 5). Anfallende Umsatzsteuer sind ebenso zu erstatten.33 Ein Exempel meiner Heimatkommune Steffenberg, Hessen: Gebührenordnung zur Friedhofs‐ und Bestattungsordnung.34 Ein beliebiges Exempel kirchlicher Friedhofsgebühren sei hier die ev. Bremischen Kirchengemeinde St. Jacobi Seehausen. Auf‐fällig ist die Kostenverdoppelung bei Verstorbenen, wenn Sie nicht einer "ACK‐Kirche" angehört haben. Abschnitt I Abs. 5 führtaus: "War der/ die Verstorbene nicht Mitglied einer Kirche, die der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) angehört,dann verdoppeln sich die oben angegebenen Gebühren."Solitarbestattung 2013.03.02 - final.doc

Dr. Dieter Becker, Untermainkai 20, 60329 Frankfurt, Mail: [email protected] 5 von 37Zur Bestattung und damit zur Übernahme der Bestattungskosten verpflichtet sind die für die"Totensorge" gesetzlich zuständigen Personen. Das sind in der Regel Ehe-/Lebenspartner, Kinder, Eltern, Großeltern, Enkel und Geschwister, Adoptiveltern und -kinder.35 Ist keine hinreichende Vorsorge seitens des Verstorbenen beispielsweise durch Kauf einer Grabstelle oder dieRücklage von Mittel getroffen worden, müssen die Kosten der Bestattung von den sorgepflichtigen Personen übernommen werden; selbst dann, wenn sie das Erbe ausschlagen, die Beziehung zerrüttet war, kein Kontakt bestand (bei Kindern beispielsweise) oder die Bestattung (bewusst) nicht beauftragen - wie jüngst der Bundesgerichtshof wiederholt höchstrichterlich entschied.36 Die Kostenthematik hat sich deutlich verschärft, nachdem das Sterbegeld zum1.1.2004 aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkasse durch das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) vom 14. November 2003 gestrichenwurde.Je nach Gebührensatzung liest sich die Kostenaufstell

Dr. Dieter Becker, Untermainkai 20, 60329 Frankfurt, Mail: [email protected] Seite 2 von 37 Solitarbestattung 2013.03.02 - final.doc Leiche oder deren Verbrennungsresten durchgeführt werden.4 Andererseits hat Luther in seiner Invokavitpredigt vom Dienstag, de