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View metadata, citation and similar papers at core.ac.ukbrought to you byCOREprovided by RERO DOC Digital LibraryEthik auf der Grundlage von Gefühloder Vernunft?Zur Rolle moralischer Gefühle beiHume und KantDagmar FennerSummary: This article pursues the question of the significance of moral emotions by exhibiting the similarities and differences of ethical approaches as diverse asKant’s and Hume’s. What will be shown through thiscontrast are aspects often overlooked in these approaches. So, one must agree that on the one hand Kant’sidea of the force of moral law as being (necessarily) intertwined with the feeling of respect for others suffersfrom a lacking support by experience, whereas his ideasabout the formation and cultivation of a moral sense“”undoubtedly have such a support. Hume’s theory on theother hand appeals to emotions in order to make explainable our having moral evaluations but falls shortwhen it comes to account for the content of emotionssaid to be responsible for evaluative judgments. Bothaccounts therefore can be said to suffer from an unsatisfying explanation of the motivational aspect of moralnorms that is due to an unsatisfying conceptualizationof the difference between reason and emotions.1EinleitungDer Kampf zwischen Gefühl und Vernunft in der philosophischen Ethik ist alt. Auf der einen Seite wird von Philosophenbehauptet, altruistisches Handeln gehe aus moralischen Gefühlenhervor. Rein vernunftmäßig begründete ethische Prinzipien seien dagegen für die Praxis unbedeutend. Auf der anderen Seiteräumen ihre Kontrahenten allenfalls ein, solche moralpsychologischen Überlegungen hätten ihre Berechtigung hinsichtlich der

Ethik auf der Grundlage von Gefühl oder Vernunft?147Handlungsmotivation. Für die Begründung ethischer Urteile oderPrinzipien seien sie aber gänzlich ungeeignet. Denn Gefühle seienin höchstem Maße subjektiv und parteiisch. Moralisches Urteilenund Handeln erfordere aber gerade die Überwindung des subjektiven Standpunktes. Handeln wir also ethisch aufgrund unmittelbarfremdbezogener Gefühle oder dank einer Kette von vernünftigenArgumenten?Bei dieser Kontroverse über die Rolle von Gefühl und Vernunftim Bereich der Ethik gilt es grundsätzlich drei Aspekte systematisch auseinander zu halten: Zum ersten die Frage nach derGenese, also der Entstehung moralischer Handlungen oder Urteile. So nimmt man etwa an, Gefühle seien für das Zustandekommen moralischer Handlungen allein verantwortlich, sie seien wenigstens daran beteiligt oder auch gänzlich irrelevant. Zumzweiten kann man sich für den moralischen Wert einer Handlung interessieren. Entweder macht man den Wert einer Handlungvon bestimmten Gefühlen gegenüber den Mitmenschen abhängigoder begründet moralische Verbindlichkeit allein in der praktischen Vernunft. Drittens schließlich sind sich viele Philosophenbezüglich der Motivation darin einig, dass reine Vernunftgründenicht ausreichen, einen einsichtigen Menschen zum entsprechenden Handeln zu bewegen. Während die Rationalisten eher daranglauben, die Menschen könnten in ihrem Wollen allein durch Vorstellungen der Vernunft motiviert werden, halten Empiristen dieVernunft ohne begleitende Gefühle der Billigung oder Missbilligung für kraftlos.Stellvertretend für diese zwei Kontrastpositionen möchte ich inmeinem Beitrag die beiden bedeutenden AufklärungsphilosophenDavid Hume und Immanuel Kant zu Wort kommen lassen. ImZeitalter der Aufklärung war man bemüht, die Ethik zu befreien von den Autoritäten der Kirche und des traditionell Gültigen. Man wollte Ethik nicht länger begründen, indem man sieauf etwas Äußeres, die göttliche Offenbarung oder die überlieferten Sittenkodexe zurückführte, sondern auf etwas Inneres: auf diemenschliche Natur; sei es auf ein eigenständiges Gefühlsvermögenwie bei den moral- sense“-Theoretikern, sei es auf die Fähigkeit”

148Dagmar Fennerzum autonomen Denken wie bei Kant. Beide Ansätze betonen dieautonome Stellung des Menschen in der Natur. Darin sehe ich diebis heute anhaltende Aktualität dieser ethischen Konzepte.Bevor ich auf die beiden exemplarisch ausgewählten Vertreternäher eintrete, will ich noch einen kurzen Blick auf die Strukturvon Gefühlen werfen, um die es hier hauptsächlich gehen soll:In der Psychologie wird ein Gefühl definiert als psychophysischesGrundphänomen des subjektiven Erlebens einer Erregung oderBeruhigung, die immer von Lust bzw. Unlust begleitet sind. Neuere kognitivistische Ansätze streichen darüber hinaus die Intentionalität von Gefühlen als wesentliches Charakteristikum hervor,d. h. ihr Ausgerichtetsein auf Sachverhalte. Im Unterschied zuSinnesempfindungen, die kausalmechanisch durch sinnliche Reizeim oder außerhalb des Körpers ausgelöst werden, sollen Gefühledurch bewertende Stellungnahmen zu den intendierten Sachverhalten konstituiert werden. So basierte beispielsweise das positiveGefühl der Freude über eine Person oder ein Objekt auf der Überzeugung, dass sie oder es für uns persönlich von großer Bedeutungsei. Solchen kognitiven“ oder Evaluationstheorien“ stehen die””physiologischen“ oder Feeling-“ Theorien entgegen. Ihre Ver””treter leugnen den intentionalen und repräsentationalen Inhaltvon Gefühlen. Berühmt geworden ist William James’ Diktum:Wir weinen nicht, weil wir traurig sind (über etwas Vorgefallenes), sondern wir sind traurig, weil wir weinen! Gefühle wärendann nichts anderes als das subjektive Erleben von physiologischen Reaktionen auf unsere Umwelt wie etwa Tränen, Schweißausbrüche oder Herzklopfen. Die sie verursachenden Objekte, seies ein Stier, eine Spinne oder ein öffentlicher Auftritt, wären dabeiaustauschbar.2David HumeHume zählt neben Shaftesbury, Hutcheson und Smith zu denHauptvertretern der klassischen Gefühlsethik. Diese britischeStrömung der sogenannten moral sense“-Theorie steht in der”Tradition des englischen Empirismus. Mit den Methoden des Be-

Ethik auf der Grundlage von Gefühl oder Vernunft?149obachtens und der Erfahrung wollen seine Vertreter die Gesamtwirklichkeit des Menschen vorurteilsfrei beschreiben. Das ethische Handeln soll allein aus der menschlichen Natur erklärt werden. Sie alle machen Front gegen eine rationalistische Ethikauffassung. Denn ethische Entscheidungen, Urteile und Handlungen seien nicht Sache der Vernunft, sondern des Gefühls. DieBegründerväter Shaftesbury und Hutcheson nahmen einen mo”ralischen Sinn“ an, mit dem man analog zu den Wahrnehmungssinnen ethisch richtiges Handeln erkennen kann und dank desGefühls der Billigung zugleich zu seiner Ausführung motiviert ist.Er soll also zugleich Erkenntnisorgan und Motivationskraft sein.Hume distanziert sich zwar von dieser Konzeption eines selbstnicht empirisch beobachtbaren moralischen Sinns“ und spricht”lieber von moralischen Gefühlen“. Auch Hume gibt im Kampf”zwischen Gefühl und Vernunft diesen moralischen Gefühlen dezidiert den Vorzug. Trotz seines eingängigen Plädoyers entwickelter aber letztlich eine differenzierte Zwischenposition eines notwendigen Zusammenspiels von Vernunft und Gefühl, wie ich imFolgenden zu zeigen versuche. Beginnen wir zu diesem Zweck mitder Genese ethischer Urteile, Entscheidungen oder Handlungen,also dem ersten Punkt der drei in Abschnitt 1 genannten, systematisch aufgefächerten Fragestellungen.2.1Genese: AffekttheorieUnstreitig vertritt Hume die Konstitutionsthese, derzufolgeGefühle wesentlich an der Genese ethischer Urteile oder Handlungen beteiligt sind.1 Gefühle“, von Hume alternierend als passi””ons“, affections“, emotions“ oder sentiments“ bezeichnet,2 de”””finiert er als impressions“. Dies sind Eindrücke“ oder Bewusst””seinsinhalte, die entweder in innerer oder äusserer Wahrnehmungunmittelbar gegeben sind.3 Zu Beginn seiner Affekttheorie im 2.Teil des Traktates über die menschliche Natur“ untergliedert er”123Vgl. Steinfath (2002: 119).Vgl. Hume (1978: 3 und 103).Vgl. Hume (1978: 3ff.).

150Dagmar Fennerdiese Eindrücke“ weiter in primäre ( original impressions“) und””sekundäre Eindrücke ( secondary“ or reflective impressions“).””Die primären Eindrücke sind die Sinnesempfindungen pleasure“”und pain“, also Lust und Unlust. Sie verursachen die sekundären”Affekte entweder als alleinige Ursache oder zusammen mit Vor”stellungen“ ( ideas“). Entsprechend dieser unterschiedlichen Ver”ursachung unterteilt Hume die sekundären Eindrücke nochmalsin direkte“ und indirekte Affekte“. Die direkten Affekte“ wer”””den unmittelbar durch ein Gut oder Übel hervorgerufen, das mitLust oder Unlust verbunden ist. Konkret stellen sich Freude bzw.Kummer ein, wenn das Gut oder Übel bereits Realität ist, undHoffnung oder Furcht, wenn sein Eintreffen noch ungewiss ist. ImKontrast zu allen anderen Gefühlsklassen sollen lediglich die in”direkten Affekte“ intentionalen Charakter aufweisen. Denn hierwerden die Objekte oder Eigenschaften, die mit Lust bzw. Unlustverbunden sind, bezogen auf die Personen, denen sie zuzuschreiben sind. Handelt es sich um Qualitäten der eigenen Person, ruftdiese Vorstellung Stolz oder Demut hervor. Wenn sie fremden Personen zugehören, entwickeln wir Liebe oder Hass. Stolz empfindenwir also beispielsweise, wenn wir aufgrund eines erfolgreichen Romans eine günstige Meinung von uns gewinnen: Die Ursache desStolzes wäre der schriftstellerische Erfolg, das intendierte Objektsind wir selbst.Gewisse Interpreten ordnen Humes hier grob skizzierte Affekttheorie den feeling“-Theorien zu.4 An einer Stelle spricht Hume”selbst tatsächlich allen Gefühlen ihren repräsentationalen unddamit auch intentionalen Gehalt ab.5 Er suggeriert, sämtlicheGefühle seien wie arationale Sinnesempfindungen zu begreifen,zumal sie alle besondere Arten von Lust- und Unlustgefühlen darstellten.6 Andererseits kennzeichnet Hume selbst zumindest die456Vgl. Mayer (2002: 129).Vgl. Hume (1978: 153).Vgl. Hume (1978: 213). Da Hume ihnen jeden kognitiven vorstellungsmäßigen Gehalt abspricht, könne man Gefühle nicht begrifflichdefinieren, sondern nur die Begleitumstände beschreiben (vgl. ebd.,5 und 213).

Ethik auf der Grundlage von Gefühl oder Vernunft?151indirekten Affekte als intentional“, wodurch er sich in einen Wi”derspruch verwickelt. In meinen Augen sind die direkten genausowie die indirekten Affekte auf Ereignisse oder Personen in der Außenwelt gerichtet, die entweder als positiv oder negativ, als Güteroder Übel eingestuft werden. Bei einer positiven Einschätzungder Außenweltereignisse werden wir von Freude erfüllt, bei einernegativen von Kummer. Solche affektive Wertungen sind zwargrundsätzlich kognitiv, müssen uns aber keineswegs bewusst sein.In der neueren Emotionspsychologie spricht man von emotio”nalen Wertbindungen“ als Bestandteilen von Gefühlsschemata.7Hume gibt denn auch zu, dass es zwischen der Lust beim Trinkeneines köstlichen Weines, der Lust beim Hören einer musikalischenDarbietung und der Lust bei der Betrachtung ethischer Handlungen erhebliche qualitative Unterschiede gibt.8 Doch worin genauunterscheiden sich moralische Gefühle von anderen Empfindungsoder Gefühlszuständen?Moralische Gefühle entstehen nach Hume auf der Basis vonSympathiegefühlen, englisch sympathy“, wohl am adäquatesten”übersetzt mit Mitgefühl“. Es ist die Fähigkeit, sich in die Af”fekte anderer Menschen einzufühlen, sich in andere Menschenhineinzuversetzen. Hume illustriert dies mit dem Bild gleichgespannter Saiten eines Musikinstrumentes, die einander leicht zumMitschwingen bewegen.9 So versetzt ein gut gelaunter Witzboldseine Mitmenschen in gute Stimmung, er erregt ihre Zuneigungund ihr Wohlwollen. Menschliches Elend hingegen ruft bei denUmstehenden Kummer über die Ursache des Unglücks hervor,die sie beseitigen möchten.10 Dabei eignet man sich zunächst eine Vorstellung von den fremden Affekten und den ihnen zugrundeliegenden emotionalen Wertbindungen an. Bei ausreichender Intensität und Lebhaftigkeit kann eine solche Vorstellung“ nach”Hume in einen Eindruck“ und damit in einen indirekten, weil”durch Vorstellung verursachten eigenen Affekt umgewandelt wer78910Vgl.Vgl.Vgl.Vgl.Ulich/Mayring (1992: 99f.).Hume (1978: 213f.).Hume (1978: 329.).Hume (1984: 142f.).

152Dagmar Fennerden. Denn Vorstellungen“ und Eindrücke“ unterscheiden sich””nur quantitativ nach ihrer Stärke.11 Die gefühlsmäßigen Reaktionen haben aber immer Auswirkungen auf die Entscheidungenund Handlungen. So ist Liebe nichts anderes als der Wunsch, dieandere Person möge glücklich sein, und führt zu wohlwollendemHandeln. Hass hingegen ist notwendig mit Übelwollen verbunden.12Die Neigung zu solchem Mitfühlen mit anderen soll in der menschlichen Natur genauso verankert sein wie das egoistische Streben nach dem eigenen Vorteil. In wenigstens geringem Ausmassfehle es bei keinem Menschen ganz.13 Begünstigt wird das Mitgefühl nach Hume 1. durch eine grosse Ähnlichkeit der Natur derGeschöpfe. Gemeint ist sowohl der Körperbau als auch die Funktionsweise des Geistes. 2. kommen zusätzliche Übereinstimmungendurch soziokulturelle Gemeinsamkeiten hinzu wie eine Sprache,bestimmte Sitten oder das Vaterland. 3. nimmt die Stärke undLebhaftigkeit des Mitgefühls zu, je näher uns Verwandte oderFreunde persönlich stehen. Diese drei Ähnlichkeitsbeziehungenerklären aber nach Hume die Genese von Mitgefühlen noch nichtausreichend. Dazu sei vielmehr ein Blick auf die indirekten Affekte, auf Stolz und Demut erforderlich. Alle Menschen seien nämlichstets daran interessiert, dass die Qualitäten, auf die sie selbst stolzsind, mit den positiven Einstellungen ihrer Mitmenschen korrespondieren. Man denke etwa an Eigenschaften wie Schönheit,Fleiss oder Großzügigkeit. Auch sehr kluge und eigenständigeMenschen werden ihre Lebensziele und Ideale nicht verwirklichenund auf sich selbst stolz sein können, wenn sie nicht auf Zustimmung in ihrem näheren sozialen Umfeld stossen.14 Stolz undSelbstliebe setzen also Liebe und Anerkennung durch andere voraus. Diese Beobachtungen Humes sind zweifellos richtig und wurden durch neuere Anerkennungstheorien bestätigt.15 Da es von1112131415Vgl.Vgl.Vgl.Vgl.Vgl.Hume (1978: 48ff.).Hume (1978: 101 und 345).Hume (1978: 48 und 329).Hume (1978: 48).Honneth (1996: 278f.).

Ethik auf der Grundlage von Gefühl oder Vernunft?153der Interpretation durch eine bestimmte Gemeinschaft abhängigist, was als Schönheit, Reichtum oder Tugend gilt, unterliegen dieUrsachen des Stolzes einem historisch-kulturellen Wandel.16 DerStolz als indirekter Affekt ist damit kommunikativ vermittelt.17An dieser Argumentationsweise Humes zum Beweis der Existenz mitmenschlicher Sympathiegefühle mag einiges irritieren.Während wir erstens beim Stolz ganz auf uns selbst zentriertsind, versetzen wir uns beim Mitfühlen doch gerade in die Affekte und Wertschemata anderer Menschen hinein.18 Das Interesse an uns selbst kann aber die Anteilnahme an den fremdenGefühlen intensivieren. Fast schon ein Topos in der philosophischen Ethik ist zum zweiten der Vorwurf der limitierten Reichweite an die Adresse einer jeden Gefühlsethik. Handlungswirksamemoralische Gefühle scheint man nur gegenüber Personen ausbilden zu können, mit denen man in einem direkten Handlungszusammenhang steht. Denn ausreichende Ähnlichkeit zwischen denMenschen setzt nach Hume soziale Nähe voraus. Auch Liebe oderBeifall anderer Personen lösen in uns nur Stolz und Wohlbefindenaus, wenn diese uns nahe stehen oder uns viel bedeuten. Sobaldman diesen Nahbereich verlässt, dürften sich die stets vorhandenen egoistischen Antriebe durchsetzen, also Neid, Rachsucht oderBosheit.19 Während die Schönheit des Freundes uns äußerst angenehm ist, erregt die Schönheit der Nebenbuhlerin leicht Neidund Eifersucht. Das Unglück der Schwester wird in uns Mitleiderwecken, das Unglück des Feindes nur Spott und Verachtung.20Allerdings trifft diese Kritik nur die Mitgefühle im Allgemeinen,nicht die ausgezeichneten moralischen Gefühle als Spezialfall vonMitgefühl. Hier gewinnen kognitive Prozesse nämlich nochmalsan Bedeutung, auch wenn Hume selbst dies nicht explizit eingesteht.1617181920Vgl.Vgl.Vgl.Vgl.Vgl.Hume 1978: 47f.Anzensbacher 1992: 27.Hume 1978: 72 und Schrader 1984: 165.Hume (1984: 150).Hume (1978: 121).

154Dagmar FennerHume erläutert das Phänomen moralischer Gefühle mittels einerAnalogie aus dem musikalischen Bereich: Es geschieht nicht leicht,dass man die Stimme eines Feindes angenehm findet und zugibt,dass er musikalisch ist: Aber jemand, der ein feines Gehör und”Selbstbeherrschung hat, kann diese Gefühle auseinanderhaltenund das loben, was Lob verdient.“ 21 Das zweite Beispiel stammtaus der Sinneswahrnehmung: Alle Dinge erscheinen uns bekanntlich umso kleiner, je größer die Distanz zu ihnen ist. Niemandwürde aber aufgrund dieser Wahrnehmung behaupten, der Gegenstand sei kleiner geworden. Vielmehr korrigieren wir die Erscheinung durch Überlegung und gelangen so zu einem stetigeren”und konstanteren Urteil über sie.“ 22 Genauso seien die Mitgefühlefür einen Menschen zwar umso schwächer, je ferner er uns stehe.So empfinden wir mehr Lust beim Betrachten der Wohltaten einesnahe stehenden Freundes als derjenigen eines bereits verstorbenen berühmten Wohltäters. Ein urteilsfähiger und charaktervollerMensch könne aber sehr wohl von dieser zufälligen Nähe oder Ferne der handelnden Person abstrahieren. Auch seine persönlichenInteressen oder Aversionen gegenüber anderen Personen vermögeer einzuklammern. Stattdessen nimmt er in Humes eigenen Worten bestimmte feste und allgemeine Standpunkte“ ( steady and””general point of view“) ein.23 Schnell berichtigt er seine Gefühle,weil er weiß, dass die verstorbene Berühmtheit mehr Beifall verdient als sein bester Freund. Hume bestreitet durchaus nicht,dass die Affekte nicht immer willig“ diesen Korrekturen fol”gen,24 und dass die durch solche Überlegungen hervorgerufenenMitgefühle weit schwächer ausfallen können. Aber die Einnah21222324Hume (1978: 215).Hume 1978: 357.Hume (1978: 335). Vgl. Park (1995: 8ff. und 183ff.).Hume berichtet von einem regelrechten Konflikt zwischen den faktischen Gefühlen (dem Herz“) und den Urteilen: Das Herz hat””zuweilen keinen Anteil an diesen allgemeinen Urteilen und richtetsich in seinem Hass und in seiner Liebe nicht nach denselben; aberdieselben genügen für den Verkehr und dienen unseren Zwecken inder Gesellschaft, auf der Kanzel, auf dem Theater und in der Schule.“ (Hume 1978: 357f.)

Ethik auf der Grundlage von Gefühl oder Vernunft?155me eines objektiven Standpunktes entspreche dem Bedürfnis unserer Vernunft nach einer ruhigen und allgemeinen gleichmäßi”gen Beurteilung“.25 Und nur eine solche erzeuge ein Bewusstseinoder Gefühl, aus dem heraus wir moralisch urteilen und handelnkönnten. Grundsätzlich gilt dabei: Je stärkere positive moralischeGefühle der Billigung vorliegen und je mehr Lust sie erwecken, desto ethisch höherstehender ist die zu begutachtende Person oderHandlung. Gefühle moralischer Lust erzeugen aber Liebe, welchewiederum Wohlwollen hervorruft.26 Doch haben sich moralischeGefühle hier nicht plötzlich zu moralischen Urteilen verwandelt?Wie sollen vernünftige Überlegungen faktische Gefühle berichtigen können, wenn Hume nicht zu einer rationalistischen Positionhinüberwechseln will? Was kann uns überhaupt dazu bewegen,den persönlichen Interessenstandpunkt aufzugeben zugunsten einer unparteiischen ethischen Betrachtung?Obwohl Hume selbst an der strikten Trennung von Vernunft- undGefühlsvermögen festhalten möchte, treten in meinen Augen hierUrteile und Gefühle in Wechselwirkung miteinander. Wenn moralische Gefühle Distanz, kritische Beurteilung und eventuelle Korrektur hinsichtlich der faktischen Mitgefühle voraussetzen, kanndies keine Leistung des Gefühlsvermögens selbst sein. Allerdingsmuss man die fraglichen kognitiven Berichtigungsprozesse nichtzwangsläufig in Analogie zum Musikbeispiel begreifen. Denn beidiesem kann man gleichsam zwei Höreindrücke miteinander vergleichen: das Missfallen der Stimme der Konkurrentin und dasGefallen an derselben Stimme als solcher. Demgegenüber könnte man es sich einfach im Laufe einer professionellen musikalischen Ausbildung zur Gewohnheit gemacht haben, sich nie vonpersönlichen Vorurteilen zu inadäquaten Gefühlen hinreißen zulassen, sondern sich immer an dieselben allgemein anerkanntenKriterien für eine gute Gesangsstimme zu halten. Beim wiederholten Sprechen über unsere Gefühle formen wir laut Hume nämlicheinen allgemeinen, unveränderlichen Maßstab, nach welchem wir2526Hume (1978: 337).Vgl. Hume (1978: 345).

156Dagmar FennerKunstgebilde oder Handlungen gutheißen bzw. ablehnen.27 Manlöst sich also vom privaten Wertstandpunkt, um an einem intersubjektiven moralischen Diskurs über die Kriterien zur moralischen Beurteilung teilzunehmen.28 Hume kann dann tatsächlichsagen, dass wir fühlen, was ethisch richtig oder falsch ist. DieseGefühle sind aber nicht Ausdruck bloß subjektiver Befindlichkeiten des Urteilenden, sondern dürfen allgemeine Zustimmungbeanspruchen.29 Es handelt sich um ruhige Affekte“, die leicht””für Nötigungen der Vernunft angesehen werden“, wie Hume beklagt.30 Anders als bei basaleren, heftigeren Gefühlen wie Lust,Furcht oder Hass ist der Empfindungsanteil hier klein, der Anteilkomplexer vernunftmäßiger Reflexionen dagegen sehr groß. Damit sind wir zweifellos in die Nähe einer kognitivistischen Emotionstheorie gerückt.Auf die Frage, was uns dazu bewegt, einen solchen unpersönlichenobjektiven Standpunkt der Moral einzunehmen, erhalten wir vonHume eine merkwürdige Antwort: Wir könnten [.] gar nicht”einigermaßen vernünftig miteinander verkehren, wenn jeder vonuns Charaktere und Personen immer nur so betrachtete, wie sievon seinem besonderen Standpunkt aus erscheinen.“ 31 Ja er gehtnoch weiter und behauptet, es wäre dann gar keine Verständigungunter Menschen mehr möglich.32 Wieder stellt er eine Analogiezur Sinneswahrnehmung her: Wir könnten uns nicht über denTisch unterhalten, der vor uns steht, wenn nicht alle von den jewechselnden Beziehungen zu ihm und ihren jeweiligen Perspektiven abstrahieren würden.33 Desgleichen müssten alle Menschenim ethischen Bereich ein universelles Mitfühlen entwickeln, das27282930313233Vgl. Hume 1984: 152.Vgl. Gräfrath 1991: 33f.Vgl. Gräfrath 1991: 34/Schrader 1984: 194.Vgl. Hume (1984: 155) sowie auch Park (1995: 74f.).Hume 1978: 335.Hume (1978: 357). Vgl. auch Hume (1984: 152).Und tatsächlich könnte man ohne eine solche Korrektur der Er”scheinungen, sowohl bei inneren als auch bei äusseren Wahrnehmungen, niemals über irgendeinen Gegenstand gleichmässig denken odersprechen, solange ihre wechselseitigen Beziehungen eine beständige

Ethik auf der Grundlage von Gefühl oder Vernunft?157auf die persönlichen Interessen und Beziehungen keine Rücksichtnimmt. Sonst könnten wir uns nicht miteinander über ethischeFragen unterhalten oder kooperieren. Ein Blick in die Realitätwiderlegt allerdings Humes These. Denn überall treffen wir aufheftige Kontroversen darüber, welche Handlung in einer bestimmten Situation ethisch richtig sei. Man denke nur an die medizinethischen Debatten über Sterbehilfe oder Gentechnik. Währendes sich bei einem Tisch um eine rohe Tatsache“ handelt, bei”der viele Eigenschaften mit objektiven Messverfahren intersubjektiv überprüft werden können, sind Tugenden wie Fleiss oderHilfsbereitschaft soziale Tatsachen“. Diese existieren nicht un”abhängig von menschlichen Institutionen und der Sprache34 –zumindest wenn man keinen Wertintuitionismus vertritt.35 Esist aber tatsächlich eine Forderung der Sprache, dass wir Gegenstände, Personen oder Handlungen, denen die gleichen Eigenschaften zukommen, gleich bezeichnen: also alle grünen Tischenennen wir grün, alle hilfsbereiten Menschen hilfsbereit – auchwenn es unsere Feinde sind!36 Welche Kriterien aber erfüllt seinmüssen, um jemanden hilfsbereit“ oder gerecht“ zu nennen, ist””anders als bei der Farbe grün alles andere als natürlicherwei”se“ klar. Lediglich auf der Kanzel, im Theater und in Schulenkann Hume eine weitgehende Übereinstimmung bezüglich solcherabstrakter ethischer Unterscheidungen registrieren.372.2Wert: Emotivismus oder Utilitarismus?Nach der Untersuchung der Genese moralischer Urteile sehen wiruns bezüglich des Werts von moralisch gebilligtem Verhalten vor34353637Veränderung der Objekte hervorrufen und dieselben in so verschiedene Beleuchtungen und Perspektiven rücken.“ Hume 1984: 151.Vgl. Searle (1997: 19ff. und 37.)Vgl. zur Nähe der moral-sense-Theorien zu einem apriorischen Wertintuitionismus, wie ihn im 20. Jahrhundert Scheler und Ross vertraten, Forschner (1997: 96).Vgl. das Argument der semantischen Universalisierbarkeit bei Hare(1983: 107-131).Vgl. Hume (1984: 152f).

158Dagmar Fennerfolgendes Problem gestellt: Hume will gar nicht begründen, wiesobestimmte Eigenschaften oder Handlungen als ethisch wertvolloder verwerflich angesehen werden sollen. Er will in erster Linie beschreiben, wie wir zu moralischen Urteilen gelangen undwas tatsächlich als moralisch geschätzt wird. Sein Ethikansatzist also ein deskriptiver, beschreibender, nicht ein normativer,vorschreibender. Vom metaethischen Standpunkt aus wird Humegerne zu den Emotivisten gerechnet.38 Die Emotivisten gehenals Vertreter eines ethischen Nonkognitivismus davon aus, dassethische Aussagen weder wahrheitsfähig noch begründbar sind.Der Urteilende macht strenggenommen keine Aussagen über dieethische Qualität von Handlungen oder Charakteren. Vielmehrbringt er lediglich zum Ausdruck, dass er selbst beim Betrachtendieser Sachverhalte oder Ereignisse bestimmte Gefühle der Billigung bzw. Missbilligung empfindet.39 So schreibt Hume: Erklärt”ihr eine Handlung oder einen Charakter für lasterhaft, so meintihr nichts anderes, als dass ihr zufolge der Beschaffenheit eurerNatur ein unmittelbares Bewusstsein oder Gefühl des Tadels beider Betrachtung dieser Handlung oder dieses Charakters habt.“ 40Hume ist allerdings kein radikaler Emotivist, weil er nicht unterschiedslos jedes Gefühl als Ausdruck moralischer Einstellungengelten lässt. Vielmehr müssen zufällige, faktische Gefühle ihrerseits bewertet werden41 oder doch aus einer vernunftorientiertenausgewogenen Gefühlslage hervorgehen. Nur dann sind Gefühleder Zustimmung oder Ablehnung ethisch relevant, wenn sie nichtdurch eine besondere Nähe oder eine persönliche Gefühlsbindungzur beurteilten Person beeinflusst sind. Sie müssen auf der Basis unvoreingenommenen und unparteiischen Mitfühlens zustande gekommen sein. Die Artikulation solcher moralischer Gefühle38394041Gräfrath (1991: 7ff.) verweist auf die entsprechenden Einschätzungen von Ayer und Flew.Vgl. Park (1995: 75).Hume (1978: 211.)Dass Gefühle ihrerseits bewertet und kritisiert werden können,gilt vielen Philosophen als Einwand gegen den nonkognitivistischenEmotivismus. Vgl. Steinfath (2001: 110).

Ethik auf der Grundlage von Gefühl oder Vernunft?159ist dann nicht nur Ausdruck zufälliger privater Befindlichkeiten,sondern erhebt einen Anspruch auf intersubjektive Übereinstimmung.Auf der anderen Seite wird Humes Ethik immer wieder als utilitaristischer und hedonistischer Ansatz einer normativen Ethiktheorie gelesen.42 Man muss dann allerdings utilitaristisch“”in einem weiten Sinn von nützlich“ verstehen. Hume hält es”tatsächlich für eine weithin anerkannte Tatsache, dass ein Handeln deswegen ethisch ist, weil es nützlich ist. Die meisten Men”schen“, ist Hume überzeugt, werden bereitwillig zugeben, dass”die nützlichen Eigenschaften des Geistes tugendhaft sind, weil sienützlich sind.“ 43 Neben das Wohlgefallen an moralischen Handlungen tritt also der Nutzenaspekt. Bei diesem Nutzen hat erprimär die Lust oder das Angenehme der Einzelnen sowie dasÜberleben der Gattung im Auge. Entweder sind ethisch zu billigende Eigenschaften von Handlungen dem Handelnden selbstnützlich oder aber den vom Handeln Betroffenen. Dem Trägerselbst nützlich sind etwa die Qualitäten Fleiss“, Besonnenheit“,””Klugheit“ oder Sparsamkeit“.44””Noch viel mehr geschätzt würden aber Eigenschaften, die derGemeinschaft nützen, wie Treue, Verlässlichkeit, Wohlwollenund Gerechtigkeit.45 Alle diese schätzenswerten Charakterzügeoder Persönlichkeitseigenschaften nennt Hume Tugenden“.46”Während das Mitgefühl eine Erklärung liefert für die Genesemoralischer Gefühle sowie für die Handlungsmotivation, soll dieNützlichkeit den ethischen Wert einer Handlung rechtfertigen. Sieist das inhaltliche Kriterium oder der Prüfstein dafür, was alsethisch wertvoll bzw. als Tugend gelten darf.47 Das Mitgefühl424344454647Vgl. Lüthe (1991: 67f.) oder Gräfrath (1991: 45-59).Hume (1978: 372.) Vgl. auch Hume (1984: 160).Vgl. Hume (1984: 161-166).Vgl. Hume (1984: 154) sowie Kulenkampff (1989: 106f.)Vgl. zu diesem weiten Tugendbegriff Kulenkampff (1989: 96).Ich stimme hier überein mit der Interpretation von Schrader (1984:195). Hingegen meint Park, es folge mit diesem utilitaristischen Gedanken so etwas wie eine Rechtfertigung der Naturanlagen durch”ihre Nützlichkeit“ (1995: 76).

160Dagmar Fennerwäre aus dieser Sicht lediglich Mittel zum Zweck eines privatenGlücks oder des gesellschaftlichen Wohls.48 Es handelte sich dannum einen konsequentialistischen Ethiktypus, bei dem der Wertethischer Qualitäten allein durch ihre Folgen bestimmt wird.49Hume ist aber keineswegs ein reiner Konsequentialist, weil neben den nützlichen Folgen durchaus auch die innere Motivationoder Gesinnung stimmen muss: Wir sehen, wenn wir Handlun”gen loben, nur auf die Motive, die sie hervorriefen; wir betrachten die Handlungen als Anzeichen gewisser Geistes- und Charaktereigenschaften. Das äussere Tun an sich hat keinen Wert. Wirmüssen das Sittliche im Inneren suchen.“ 50 Von den sogenanntennatürlichen Tugenden“ schreibt Hume daher, der Nutzen mache”hier nur einen Teil ihres Wertes

Ethik auf der Grundlage von Gef uhl oder Vernunft? Zur Rolle moralischer Gefuhle bei Hume und Kant Dagmar Fenner Summary: This article pursues the question of the si-gnificance of moral emotions by exhibiting the similari-ties and differences of ethical approaches as dive