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„[.] erbau ich täglich euch den allerjüngsten Tag.“Spuren der Apokalypse in expressionistischer Lyrik.Inaugural-DissertationzurErlangung des Doktorgradesder Philosophischen Fakultätder Universität zu Kölnvorgelegt vonAngelika Zawodnyaus KölnKöln, 1999

-1-INHALT1.EINLEITUNG . 41.1.Apokalypse und Expressionismus im Zeichen der Moderne . 41.2.Das Thema 'Weltende' in der Literatur des Expressionismus: Positionen der Forschung. 101.3.Zielsetzungen und methodisches Vorgehen der vorliegenden Arbeit. 252.TRADITIONELLE UND NEGATIVE APOKALYPTIK . 342.1.Der unterschiedliche Gebrauch der Begriffsfelder . 342.2.Jüdische und christliche Apokalyptik . 372.2.1.Die wissenschaftliche Terminologie: 'Apokalypse' und 'Apokalyptik' . 372.2.2.Strukturelle und inhaltliche Merkmale apokalpytischer Texte . 382.2.3.Die Textbasis der Apokalyptik . 432.2.3.1.Das Buch Daniel . 452.2.3.2.Die Offenbarung des Johannes. 542.3.Apokalyptik - ein Krisenphänomen mit Trostfunktion. 642.4.Apokalyptik als Teil einer universalgeschichtlichen Eschatologie . 672.5.Die archetypische Disposition apokalyptischer Muster und ihre besondere Eignung fürAdaptationen . 692.6.Die Variante der Moderne: negative Apokalyptik. 723.DIE SÄKULARISIERUNG DER APOKALYPTIK . 763.1.Spuren der säkularisierten Apokalypse . 763.2.Mittelalter und frühe Neuzeit . 783.3.Die Wende der Aufklärung. 843.4.3.4.1.3.4.2.3.4.3.3.4.4.Vom 19. ins 20. Jahrhundert . 89Die marxistische Apokalypse . 93Erlösung vom Untergang durch Wagners "Kunstwerk der Zukunft" . 97Nietzsches Beitrag zu modernen Untergangsvisionen . 102Kulminationspunkt Jahrhundertwende. 1123.5.Die Eigenarten der säkularisierten Apokalyptik in der Moderne . 114

-2-4.STILELEMENTE DER APOKALYPSE IN EXPRESSIONISTISCHERÄSTHETIK. 1214.1.Die Ähnlichkeit der Stilmittel in traditionellen apokalyptischen und expressionistischenTexten . 1214.2.Abkehr von der konventionellen Grammatik . 1234.3.Abstraktion durch ungewöhnliche Bildersprache . 1314.4.Die Bedeutung der visionären Schau . 1394.5.Theorie und Praxis: Der mit den stilistischen Innovationen verbundeneWirkungsanspruch . 1435.MOTIVGRUPPEN DER APOKALYPSE UND IHREERSCHEINUNGSFORMEN IN EXPRESSIONISTISCHEN GEDICHTEN . 1515.1.Die Zusammenstellung der Motivgruppen. 1515.2.Singuläre biblische Apokalypsemotive . 1585.3.Naturkatastrophen . 1795.4.Kosmisches Inferno . 1945.5.5.5.1.5.5.2.Dämonische Gestalten. 215Tiere . 217Dämonen . 2305.6.Aggression und Krieg. 2445.7.Zerstörung des Lebensraums. 2565.8.5.8.1.5.8.2.Siechtum und Tod . 270Physische und psychische Deformationen . 271Sterben, Tod und Todessehnsucht . 2815.9.5.9.1.5.9.2.5.9.3.5.9.4.Verfremdungen der Kategorien Raum und Zeit . 292Raumerfahrung. 295Zeiterfahrung . 301Erstarrung und Auflösung. 304Kreislauf und zielloses Umherirren. 3185.10.5.10.1.5.10.2.5.10.3.Atmosphärische Elemente . 322Licht- und Farbmetaphern. 323Tages- und Jahreszeiten. 336Akustische Eindrücke. 3455.11.5.11.1.Die expressionistischen Modifikationen des apokalyptischen Motivrepertoires . 355Die Anreicherung traditioneller Motivgruppen durch historisch neueErfahrungen. 356Zusätzliche Motivgruppen . 360Stilistische Besonderheiten der apokalyptischen Motive des Expressionismus . 362Innovationen der Moderne als Elemente eines apokalyptischen Synkretismus. 3665.11.2.5.11.3.5.11.4.

-3-6.DIE ZENTRALEN INHALTSELEMENTE DEREXPRESSIONISTISCHEN APOKALYPSEN . 3686.1.Basisstrukturen traditioneller apokalyptischer Vorstellungswelt und inhaltlicheNeuerungen. emente apokalyptischer Vorstellungswelt in expressionistischen Gedichten. 369Degenerationserscheinungen als Krisensymptome . 369Determinismus und Naherwartung . 376Universalismus . 380Dualismus. 387Trostaspekt . 396Individualismus. 4006.3.6.3.1.6.3.2.6.3.3.6.3.4.Inhaltliche Neuerungen in den expressionistischen Apokalypsen . 405Die Apokalypse ohne Gott. 405Negative Apokalyptik . 419Der säkularisierte neue Äon . 425Inhaltliche Füllungen des Topos vom Weltuntergang . 4357.INTERPRETATIONEN NEGATIVER APOKALYPSEN . 4437.1.Ausgangspunkt der expressionistischen Untergangsvisionen:Jakob van Hoddis' "Weltende". Ein Fall für die Psychoanalyse? . 4437.2.Die Sehnsucht nach dem Ende dieser Welt:Georg Heyms "Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen ." . 4607.3.Eine Spiegelung des erlebten Weltuntergangs:Georg Trakls "Grodek". 4807.4.Weltuntergang als Auslöschen der göttlichen Schöpfung:Franz Werfels "Zweifel" . 4988.INTERPRETATIONEN ZWEIPHASIGER APOKALYPSEN . 5078.1.Ein Aufruf, das unsagbare Andere zu erschaffen:Walter Rheiners "Wehe! Auf!" . 5078.2.Der paradiesische Staat der Zukunft als eine Schöpfung des apokalyptischen Dichters:Johannes R. Bechers "Die neue Welt" . 5219.SCHLUSSBETRACHTUNG: DIE GEFÄHRLICHKEITAPOKALYPTISCHER VISIONEN. 54210.QUELLENNACHWEISE DER GEDICHTE. 54611.LITERATURVERZEICHNIS . 55911.1.Quellen. 55911.2.Darstellungen . 563

-4-1.EINLEITUNG*1.1.Apokalypse und Expressionismus im Zeichen der ModerneDie Apokalypse "gehört zu unserem ideologischenHandgepäck. Sie ist ein Aphrodisiakum. Sie ist einAngsttraum. Sie ist eine Ware wie jede andere. [.]Sie tritt uns in allen möglichen Gestalten und Verkleidungen entgegen, als warnender Zeigefinger undals wissenschaftliche Prognose, als kollektive Fiktionund als sektiererischer Weckruf, als Produkt derUnterhaltungsindustrie, als Aberglauben, als Trivialmythos, als Vexierbild, als Kick, als Jux, als Projektion. Sie ist allgegenwärtig, aber nicht 'wirklich': einezweite Realität, ein Bild, das wir uns machen, eineunaufhörliche Produktion unserer Phantasie, dieKatastrophe im Kopf." (Hans Magnus Enzensberger:Apokalypse heute, S. 85.)Die Welt geht unter - es lebe der Weltuntergang! Wieder einmal stehen wir, kurzvor der Jahrtausendwende, vor dem obskuren Phänomen, daß eine äußerst bedrohliche Prognose an Bedeutung gewinnt, indem sie als fesselndes Medienspektakel zelebriert und kollektiv mit einer zwischen resignativem Fatalismus und aufgeregter Sensationslust schwankenden Haltung goutiert wird. Der numerischeUmbruch im kalendarischen System verheißt weithin den Untergang eines altenÄons.1 Dementsprechend werden in den Medien seit nahezu zwei Dekaden gehäuftAnzeichen für ein bevorstehendes Ende registriert: 'Tschernobyl' lautet in diesemZusammenhang der moderne Name des Sterns "Wermut"2 aus der Johannesoffenbarung; Ozonloch, globale Umweltverseuchung oder die Wetterphänomene des 'ElNiño' deuten auf einen ökologischen Supergau; in Zeiten vermeintlicher Beherrschung der Krankheiten durch die Medizin lassen Seuchen wie AIDS oder BSE* Das Zitat im Titel der vorl. Arbeit stammt aus Paul Zechs Gedicht „Die neue Bergpredigt“. (- In: Pinthus (Hrsg.): Menschheitsdämmerung, S. 230-233, hier S. 232.)1 Zu der Eigenart von Datumsgrenzen, Endzeitgefühle auszulösen, vgl. Schwartz: Zeitenwende - Weltenende?2 Vgl. Off. 8,10f.

-5-den vierten apokalyptischen Reiter3 auferstehen; die Fernsehsender werben umEinschaltquoten mit der Verbreitung astronomischer Spekulationen zum wahrscheinlichen Ende dieses Planeten durch eine Kollision mit Kometen aus dem All;und politische Katastrophen wie der Golfkrieg oder die Jugoslawien-Krise scheinen als modernes "Harmagedon"4 die in der Bibel angekündigten Endschlachten zuerfüllen. Überdies ist die Vernichtung der Erde für den Menschen längst machbar und dies nicht mehr einzig durch atomare Techniken.5 So traf "Der Spiegel" denNerv der Zeit, als er seine erste Ausgabe von 1996 gewinnträchtig "Countdownzur Jahrtausendwende. Endzeit-Angst"6 betitelte. Ein stimulierendes Entsetzenüber Medienbotschaften, die man auch schnell wieder vergessen kann, hat längstUnterhaltungswert gewonnen. Kein Wunder, daß auch das traditionelle Mediumder Apokalypsen, der literarische Text - als solcher seien hier auch Theaterstückemitbezeichnet -, nicht unberührt von dem drohenden Unheil blieb. Weltendeszenarien häuften sich in der Literatur seit den achtziger Jahren in einemderartigen Ausmaß, daß sie dieser geradezu den Stempel einer literarischen Epoche aufdrückten.7 Der gesamte Kulturmarkt wurde seitdem von einer Flut an Apokalypsen überschwemmt.Nun ist diese immmer noch aktuelle Krisenstimmung mit dem Ausfluß variantenreicher Visionen vom Ende keineswegs neu. Apokalyptisches Denken erlebtin der westlichen Welt seit nahezu zwei Jahrtausenden, einer wellenförmigen Bewegung gleich, immer wieder Konjunkturen und Flauten. Einen bemerkenswertenHöhepunkt erreichte die Weltuntergangshysterie und -euphorie dabei zu Beginndieses Jahrhunderts - hier im Umfeld des magischen Zeitpunkts der Jahrhundertwende, der, großzügig bis in die zwanziger Jahre ausgedehnt, weithin das ultimative Ende einer verbrauchten Zivilisation markierte. Von den Untergangsszenariendes Fin-de-siècle vorbereitet, gelangte die Apokalypse im Expressionismus zurHochkonjunktur, und insbesondere die Lyrik der Epoche wurde von dem Thema'Weltende' beherrscht. Dies geschah in einer ganz markanten Weise, die manche34567Vgl. Off. 6,7f.Vgl. Off. 16,16.Zur Zerstörung der Erde durch den Menschen und zu den geistigen Voraussetzungendafür siehe Drewermann: Der tödliche Fortschritt; Brooks: Technology-relatedCatastrophes.DER SPIEGEL Nr. 1 / 1.1.96.Vgl. dazu Weltuntergänge (1984); Schneider: Das Gespenst der Apokalypse, insbes.S. 354f.; Kurz: Apokalyptische Zeit; Vondung: Apokalypse in Deutschland, insbes.S. 9f.; Körtner: Weltangst und Weltende, S. 14-18; Lilienthal: Irrlichter aus dem Dunkelder Zukunft; Kniesche: Genealogie der Post-Apokalypse, S. 33-36; Kuschel: Vor uns dieSintflut, insbes. S. 243-251. Eine ähnliche Dominanz des Apokalyptischen ist auch inder bildenden Kunst der achtziger Jahr zu beobachten. Vgl. dazu Gärtner: Apokalypse;Lang: Der Tod und das Bild, S. 228.

-6-Eigenarten, die gemeinhin erst der jüngsten Apokalypsewelle zugeschrieben werden, vorwegnimmt. In welcher Dominanz und in welchen spezifischen Ausprägungen das Endzeitthema in den expressionistischen Gedichten gestaltet wird, möchtedie vorliegende Arbeit genauer untersuchen.Dazu seien vorab zwei Schlagworte angeführt, die - bei allen grundsätzlichen Problemen, mit denen sie behaftet sein mögen - als unverzichtbare Etikettendes Untersuchungsgegenstands vorausgesetzt werden. Das erste lautet 'Expressionismus'. Es kann schon längst ein grundsätzlicher Konsens darüber unterstelltwerden, daß eine literaturgeschichtliche 'Epoche'8 - genauer gesagt: eine Strömungneben zeitgleichen anderen - mit dem Namen 'Expressionismus'9 existiert und wiediese, zumindest in groben Umrissen, konturiert ist. Schließlich sind die Versuche,den immer wieder umstrittenen Epochenbegriff 'Expressionismus' abzuschaffen,10in der germanistischen Forschung unfruchtbar geblieben.11 Als notwendige Hilfskonstruktion ist dagegen eine lockere Eingrenzung der Epoche auf das sogenannte'Expressionistische Jahrzehnt'12 spätestens seit dem Ende der siebziger Jahre1389101112Zur Problematik der Epochenbegriffe, die als Ordnungsprinzipien letztlich unverzichtbar sind, siehe Rosenberg: Epochen.Zur Kunstepoche 'Expressionismus' siehe Newton: Form in the Menschheitsdämmerung,bes. S. 56-67; Vietta: Expressionismus. Entstehungsbedingungen und Strukturmerkmale.Seit der Anzweiflung des Epochenbegriffs 'Expressionismus' durch Gottfried Benns berühmte Provokation "Also was ist der Expressionismus? Ein Konglomerat, eine Seeschlange, das Ungeheuer von Loch Ness, eine Art Ku-Klux-Klan?" (Benn: Einleitung,S. 10) gab es immer wieder Gegner des Epochenkonzepts. Vgl. dazu Falk: Kafka unddie Expressionisten, S. 86-89. Studien, die sich vom Epochenbegriff 'Expressionismus'abwenden, sind in den Bibliographien verzeichnet. Vgl. Brinkmann: Expressionismus.Forschungsprobleme; ders.: Expressionismus. Internationale Forschung; Korte: Abhandlungen und Studien. Als auffälligste Ansätze der neueren Forschung sind die Arbeiten von Walter Falk und Manfred Gehrke zu nennen. Falk wollte das epochale Sinnsystem über das von ihm entwickelte Verfahren der "Komponentenanalyse" erfassen undals Resultat den Epochenbegriff der bisher als 'Expressionismus' bezeichneten Umbruchsperiode durch "Äternistik" ersetzen. (Siehe Falk: Franz Kafka; insbes. S. 92, 261266.) Gehrke stellte den Expressionismus als eigenständige literarhistorische Epochezur Disposition, um ihn durch "epochenübergreifende Gruppierungskategorien homogener Positionszusammenhänge" zu substituieren. Dazu benutzt er die Kategorien desUtopischen, Quasi-Utopischen, Nicht-Utopischen und Anti-Utopischen. (Siehe Gehrke:Probleme der Epochenkonstituierung; Zitat auf S. 8.)Ein zutreffendes Urteil fällten Thomas Anz und Michael Stark über solche Versuche:"Um es mit Nachdruck zu sagen: den analytischen Gewinn, den sich mancher vom Verzicht auf den nicht eben schlecht belegten und von der Forschung fraglos bevorzugtenhistorischen Eigennamen 'Expressionismus' versprechen mag, sucht man in der interpretatorischen Praxis vergeblich." (Thomas Anz und Michael Stark: Vorwort. - In: Anz,Stark (Hrsg.): Expressionismus, S. XV-XXIII; hier S. XVII.)Diese Fixierung des Expressionismus auf die Jahre 1910-1920 hatte schon Benn inseiner Einleitung zu der Anthologie "Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts"akzeptiert - auch wenn er die inhaltliche und formale Füllung des Epochenbegriffsproblematisierte. Vgl. Benn: Einleitung, S. 6f., 11, 15, 19.

-7-grundsätzlich akzeptiert,14 wobei sich überdies eine Binnengliederung der Periodisierung als sinnvoll erwiesen hat: So sind der Frühexpressionismus (1910 - 1914),eine mittlere Phase zur Zeit des Weltkriegs (1914 - 1918) und der Spätexpressionismus (1918 - ca. 1922) zu unterscheiden.15 Neben dem zeitlichen Rahmen istinzwischen eine Schar von rund 350 Autoren nachweislich als Gruppe der literarischen Expressionisten anerkannt.16 In ihren Werken lassen sich trotz aller teilweise beträchtlichen - Unterschiedlichkeit zahlreiche inhaltlich-thematische undauch einige formal-stilistische Gemeinsamkeiten sowie eine gleiche ethische Gesinnung erkennen, die zumindest die markanten Hauptlinien der expressionistischenLiteratur abstecken.17 Diese Verständigungen über den zeitlichen Rahmen, das1314151617Einen entsprechenden Konsens verzeichnete Brinkmann 1980 in seinem Forschungsbericht: "Man sieht aus alledem: Da ist durchaus von Expressionismus die Rede, voneinem Spezifikum dieses Namens, keineswegs nur von nominalistischer Begrifflichkeit."(Brinkmann: Expressionismus. Internationale Forschung, S. 108.)Hierbei ist der Beginn "1910" relativ eindeutig dadurch markiert, daß junge literarischeAußenseiter die literarische Bühne durch Publikationen in bewußt avantgardistischenZeitschriften betraten. Schon Zeitgenossen betonten den "scharfen Gegensatz" ihrerLiteratur "zu der Epoche, die 1910 abschloß." (Jacob: Zur Geschichte der deutschenLyrik, S. 6.) Schwieriger festzulegen ist dagegen das Datum um 1920, das sich aus programmatischen Äußerungen ehemaliger Expressionisten und aus dem Rückgang entsprechender Publikationen ergab; hier sollte man die Grenze durchlässiger ziehen. (Vgl.Thomas Anz und Michael Stark: Vorwort. - In: Anz, Stark (Hrsg.): Expressionismus,S. XV-XXIII; hier S. XVIf.; dieselben: Verabschiedung vom Expressionismus um 1920.- In: ebd. S. 98f. ) So hat es sich grundsätzlich "eingebürgert, in der Periodisierung das expressionistische Jahrzehnt von 1910-1920 nicht exakt zu begrenzen, sondern dieAusläufer der expressionistischen Bewegung bis 1923/24 zu akzeptieren." (Raabe:Vorwort zur 1. Auflage.- In: Ders.: Autoren und Bücher, S. IX-XIV, hier S. XI.)Vgl. Raabe: Einleitung. - In: Ders.: Autoren und Bücher, S. 3-20; hier S. 4. Vgl. auchdie Beschreibung dieser Phasen bei Allen: German Expressionist Poetry, S. 74f., und beiSchmidt: Expressionismus und Literatur, S. 40f.Siehe Raabe: Expressionismus und Barock, S. 677; vgl. dazu Index Expressionismus(1972) und Raabe: Autoren und Bücher.Diese Merkmale, die sich nicht nur aus den Dichtungen, sondern auch aus programmatischen Äußerungen der Expressionisten entnehmen lassen, wurden in der Forschungausführlich besprochen. Dabei hat es sich gezeigt, daß die inhaltlichen Übereinstimmungen leicht zu bezeichnen sind. Es dominieren Themenfelder, die, grob skizziert,dem Spannungsfeld von Orientierungsverlust und Dissoziationserfahrung versus Erlösungshoffnung und Menschheitserneuerung, von Protest gegen das vermeintlich Objektive oder Etablierte versus dynamischer Hinwendung des Subjekts zum Neuen zuzuordnen sind. Dabei fließen stets Erfahrungsbereiche der modernen Lebenswelt mit ein.Die sprachlichen Gestaltungsprinzipien sind dagegen wesentlich heterogener, denn vorallem in der Lyrik finden sich neben innovativen Sprachneuschöpfungen vielfach relativkonventionelle Textformen. Dennoch lassen sich auch hier grundsätzliche Gemeinsamkeiten erkennen: eine Abkehr vom der Mimesis hin zum Assoziativen und zurParataxe, eine Klitterung heterogener Bilderschichten, Typisierungs- undAbstraktionstendenzen sowie Visionshaftigkeit und Pathos des Stils. BeideMerkmalsgruppen erweisen sich bei näherer Untersuchung deutlich als Reaktionen aufvorausgegangene geistesgeschichtliche Prozesse sowie auf historisch-soziologischeVoraussetzungen, und ihnen liegt in den meisten Fällen eine gleiche ethische Gesinnung zugrunde, die das Entfremdende zerstören und das Echte und wahrhaftMenschliche befördern möchte.

-8-Autorenkorpus und gemeinsame Textmerkmale bilden auch eine Prämisse für dievorliegende Arbeit.18Das zweite Schlagwort bezeichnet einen Bereich, der eng mit dem Komplex 'Expressionismus' verzahnt ist; es lautet: 'Moderne'. Trotz aller Kontroversen nicht nur über die genaue zeitliche Fixierung - existiert ein weitreichender Konsensüber die Grundzüge dessen, was wir unter 'Moderne' als Epoche der Gesellschafts, Kultur-, Literatur- oder Geistesgeschichte verstehen.19 Dabei ist zu unterscheidenzwischen der zivilisatorischen Moderne, mit der die Modernisierung inWissenschaft und Technik sowie gesellschaftliche Reaktionen darauf - alsosoziokulturelle Entwicklungsprozesse - bezeichnet werden, sowie der ästhetischenModerne, die in den Bereichen der Literatur, der bildenden Kunst und der Musikinhaltlich wie formal auf die zivilisatorischen Modernisierungsprozesse reagiert.20Weitgehende Einigkeit besteht in der Forschung über den Beginn der literarischenModerne, der im Zusammenhang mit der Hochphase der Industrialisierung sowieder Reichsgründung um 1880 datiert wird: "Als eine Literatur der Moderne werden jene literarischen Bewegungen verstanden, die seit den achtziger Jahrendes 19. Jahrhunderts ihre Aktivität in den Kontext dieser gesamtgesellschaftlichenTransformationsprozesse integrierten".21 Neben dem zeitlichen wird einpoetologisches Kriterium angeführt, um den Beginn der literarischen Modernefestzulegen. Dieses siedelt Uwe Japp "im Übergang von einer normativen zu einerexperimentellen Poetik" an: "Im Zeichen dieser experimentellen Poetik, diegenauer als eine Poetik des Experiments mit der Sprache zu bezeichnen ist [.],'beginnt' die sogenannte literarische Moderne."22 Nach der opinio communisbeginnt dieser Umbruch im Bereich der Lyrik mit den französischen Symbolisten,23so daß gilt: "Als modern sind alle lyrischen Gedichte seit dem ausgehenden 19.181920212223Zumal hier eine weitere Diskussion der Epochenproblematik schon dadurch überflüssigist, daß fast ausschließlich Anthologien als Textbasis gewählt wurden, die allgemein alsexpressionistische gelten.Ausführlich informieren darüber Schönert: Gesellschaftliche Modernisierung;Gumbrecht: [Artikel] Modern. Modernität. Moderne.Vgl. Segeberg: Literatur im technischen Zeitalter, S. 203-324; Werner: Das Wilhelminische Zeitalter, insbes. S. 220-228; Anz: Berlin, Hauptstadt der Moderne, S. 96f.; ders.: Modérn wird módern , S. 182; Müller-Seidel: Wissenschaftskritik und literarischeModerne, S. 21.Becker: Urbanität und Moderne, S. 16. Vgl. zu diesem Komplex auch Rauh: Epoche sozialgeschichtlicher Abriß.Japp: Kontroverse Daten der Modernität, S. 130.Diese Einschätzung geht zurück auf Friedrich: Struktur der modernen Lyrik. Den heutigen Konsens über die Symbolisten als erste Lyriker der Moderne bestätigen beispielsweise Japp: Kontroverse Daten der Modernität, S. 128f.; Lamping: Das lyrische Gedicht, S. 132f.

-9-Jahrhundert zu betrachten, die zumindest von der traditionellen deutschen Lyrikabweichen"24, also strukturell, formal und inhaltlich Innovationen aufweisen.Diesen Festlegungen gemäß ist die expressionistische Literatur - trotz auchvorhandener traditioneller Elemente, die vor allem auf der formalen Seite vielerGedichte durchscheinen - der literarischen Moderne zuzuordnen:25Die expressionistische Moderne stand in einem für sie charakteristischen Spannungsverhältnis zu den sozialgeschichtlichen und psychohistorischen Modernisierungsprozessen ihrer Zeit (Industrialisierung, Urbanisierung, Technisierung und Verwissenschaftlichung der Lebenswelt, Bürokratisierung, Expansion der Massenkommunikation, Disziplinierung und Rationalisierung der Innenwelt). Die ästhetische Modernität des E[xpressionismus] bestand u.a. darin, daß er [.] diese Modernisierungsprozesse thematisch wie formal in sich aufnahm undgleichzeitig vehement gegen sie opponierte.26Inhaltlich wendet sich der literarische Expressionismus gleichermaßen gegen diegründerzeitliche Kultur und einen epigonalen Historismus wie gegen die Entfremdungserscheinungen der zivilisatorischen Moderne; formal rebelliert er mit Auflösungen von Referenzverhältnissen gegen die mimetische Tradition.Beiden Anliegen kommt in besonderem Maße das literarische Modell derApokalypse entgegen. Denn diese ursprünglich religiöse Textgattung macht eineumfassende Zerstörung des degenerierten Alten sowie den Ausblick auf eine bessere Welt, die den bekannten Referenzverhältnissen nicht mehr entspricht, zumThema und unterstützt diese Aussage sprachlich durch stilistische Eigenheiten, diedeutlich von der Alltagssprache abweichen, wie etwa Techniken der Abstraktionund der Verrätselung. Dadurch bietet sich die Apokalypse zur avantgardistischenZivilisationskritik geradezu an. Daß diese Möglichkeit ausgiebig genutzt wurde,zeigt sich in der Einschätzung der literaturwissenschaftlichen Forschung, die nichtnur die Quelle der literarischen Moderne, sondern auch den Ursprung dermodernen Apokalypse im zivilisatorischen Prozeß verortet.27 Von theologischerSeite wurde festgestellt, daß "apokalyptische Texte der Gegenwartsliteratur [.]die mit sich selbst konfrontierte Moderne [zeigen], die Opfer der ihrem eigenenBemächtigungsprozeß immanenten Zerstörungsgewalt wird,"28 so daß die2425262728Lamping: Das lyrische Gedicht, S. 140.Vgl. Silvio Vietta: Einige Bemerkungen zu These und Methode der problemgeschichtlichen Darstellung des literarischen Expressionismus. - In: Vietta, Kemper: Expressionismus, S. 21-29; ders.: Das expressionistische Drama; Meixner: Drama im technischenZeitalter; Müller-Seidel: Wissenschaftskritik und literarische Moderne; Mathy: Avantgarde; Scheuer: Expressionismus und 'Moderne'; Erhart: Facing Modernism.Anz: [Artikel] Expressionismus, S. 150f.Vgl. Kaiser: Apokalypsedrohung, S. 9; Kesting: Warten auf das Ende, S. 169-171.Kuschel: Vor uns die Sintflut? S. 258.

- 10 -Apokalypse geradezu als eine Essenz der Moderne angesehen werden kann.29Insbesondere die Expressionisten haben das Thema 'Weltende' auffällig häufig benutzt, um sich erstmals in der Literatur intensiv mit der zivilisatorischen Moderneauseinanderzusetzen.1.2.Das Thema 'Weltende' in der Literatur desExpressionismus: Positionen der ForschungDie auffällige Dominanz des Topos vom Weltuntergang in der expressionistischenLiteratur wurde von der literaturwissenschaftlichen und später auch von der theologischen Forschung immer wieder betont. Um so mehr fällt auf, daß in den

nen als modernes "Harmagedon"4 die in der Bibel angekündigten Endschlachten zu erfüllen. Überdies ist die Vernichtung der Erde für den Menschen längst machbar - und dies nicht mehr einzig durch atomare Techniken.5 So traf "Der Spiegel" den Nerv der Zeit, als er seine erste Ausgabe