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Die Versorgung chronischpsychisch kranker Menschen imhohen LebensalterFRANZISKA VON DER AHE & ANGELA BEHRENS

Gliederung1.STATIONÄRE WOHNHEIME DER EINGLIEDERUNGSHILFE2. DAS HOHE LEBENSALTER3. ALTERSVERÄNDERUNGEN UND ALTERSERSCHEINUNGEN4. PSYCHISCHE KRANKHEIT IM HOHEN LEBENSALTER5. LEBENSERWARTUNG PSYCHISCH KRANKER MENSCHEN6. VERSORGUNGSBEDARF7.DIE MITARBEITER IN DEN WOHNHEIMEN DEREINGLIEDERUNGSHILFE8. DAS HEINRICH- HELD- HAUS

Wohnheime derEingliederungshilfeEingliederungshilfe verfolgt die Aufgabe:„eine drohende Behinderung zu verhüten oder eine Behinderung oderderen Folgen zu beseitigen oder zu mildern und die behinderten Menschenin die Gesellschaft zu einzugliedern. Hierzu gehört insbesondere, denbehinderten Menschen die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zuermöglichen oder zu erleichtern, ihnen die Ausübung eines angemessenenBerufs oder einer sonstigen angemessenen Tätigkeit zu ermöglichen odersie so weit wie möglich unabhängig von Pflege zu machen“§ 53 SGB XII

Wohnheime der Eingliederungshilfe Erbracht wird die Eingliederungshilfe „durch die örtlichen Träger derSozialhilfe (Kreise und kreisfreie Städte) oder durch überörtlicheTräger der Sozialhilfe“ (Dieckmann et. al., 2011, S.15) Die Finanzierung der stationären Wohnheimplätze wird über dieEinstufung in Leistungstypen vergütet (Landschaftsverband WestfalenLippe) Dabei wird differenziert zwischen „Wohnen“ und„Tagesstrukturierende Maßnahmen“

Wohnheime der Eingliederungshilfe Liegt bei einem Bewohner eine Pflegebedürftigkeit vor, so wird diesemit einem Pauschalbetrag von 266 monatlich durch diePflegeversicherung abgegolten- egal welche Pflegestufe vorliegt! Stellt der Träger einer Einrichtung fest, dass er der Pflegebedürftigkeiteines Bewohners nicht gerecht wird, muss dieser in eine Einrichtungwechseln, die seinem Bedürfnissen gerecht wird (§ 43a SGB XI) Die finanzielle Situation ist nicht zufriedenstellend, denn derPauschalbetrag von 266 entspricht nicht dem tatsächlichemPflegeaufwand

Wohnheime der EingliederungshilfeSchon jetzt leben Menschen hohen Alters und mit Pflegebedarf in denEinrichtungen der Eingliederungshilfeund der Anteil alter Menschen in den Einrichtungen der Behindertenhilfe„wird in den kommenden Jahren rasch zunehmen“(Dinger- Greiner & Kruse, 2010, S. 45)

Das hohe Lebensalter Alterungsprozesse sind irreversibel, da sie biologisch genetischvorherbestimmt sind und führen zu einer vermindertenAnpassungsfähigkeit Einfluss durch exogene Einflüsse Negative Einflüsse wie Rauchen und einseitige Ernährung Positive Einflüsse wie Bewegung und Gedächtnistraining Das biologische Alter lässt sich nicht an Zahlen ausmachen, sondern ander Belastbarkeit und der Gesundheit eines Menschen Dies gilt für Menschen mit, als auch ohne BehinderungMenche , 2007; Dieckmann et. al. 2011

Das hohe Lebensalter Hohen Lebensalter bedeutet keineswegs das auchPflegebedürftigkeit eintritt Die Mehrzahl alter Menschen führen auch im hohen Alter noch einselbstständiges und aktives Leben Mit Zunahme des Alters steigt das Risiko pflegebedürftig zu werdenStruwe, Weritz- Hanf & Wojnar, 2011; Dieckmann et. al., 2011

Andreae, von Heyek & Weniger, 2006

Andreae, von Heyek & Weniger, 2006

Psychische Krankheit im hohenLebensalter Im Alter kann sich der Verlauf bzw. die Ausprägung dieser Symptomeverändern Positive Symptome nehmen eher ab Negative Symptome können zunehmen, sich aber auch verbessern imAlter( Berry et. al., 2009; zitiert nach Dinger Greiner & Kruse, 2010) Menschen „die in einer stationären Einrichtung leben, zeigen deutlichausgeprägte kognitive Verluste“(Kurtz, 2005; zitiert nach Dinger- Greiner & Kruse, 2010 , S. 41)

Lebenserwartung psychischkranker Menschen Exogene Einflüsse: Rauchen Ungesunder Lebensstil Wenig Bewegung Übergewicht Geringere somatisch Behandlung (nicht erkannte Krankheiten) Nebenwirkungen von Psychopharmaka Das durchschnittliche Lebensalter ist um etwa 20 % kürzer als in derGesamtbevölkerung Das Mortalitätsrisiko für die Personengruppe ist generell erhöhtDinger- Greiner & Kruse, 2010

Lebenserwartung psychisch kranker MenschenAber: Auch diese Personengruppe wird älter und die Anzahl der„alten psychisch kranken Menschen“ steigt! Die Gesundheitsversorgung hat sich auch für Menschen mitpsychischen Erkrankungen verbessert (aufgrund mangelhaftersomatischer Behandlung in den alten psychiatrischen Anstalten wardie Mortalität dieser Personengruppe deutlich höher) Die Baby- Boom Genration kommt ins hohe Lebensalter Ausgleich der Altersverteilung psychisch kranker Menschen(Euthanasie)Crome, 2007

Versorgung dieserPersonengruppeWas bedeutet das für die Versorgungdieser Personengruppe?

Versorgung dieser PersonengruppeDas bedeutet für die Versorgung: Zunahme der Pflegebedürftigkeit und vermehrte Unterstützung bei derVerrichtung alltäglicher Angelegenheiten Erhöhter Zeitaufwand aufgrund der verlangsamten Bewegung Versorgung mit Hilfsmittel und Rehabilitationsmaßnahmen Anpassung des räumlichen Umfeldes (Barrierefreiheit/Milieugestaltung) Auftreten von Urin- und Stuhlinkontinenz Prophylaktische Arbeit: Obstipation, Dekubitus, Kontrakturen

Versorgung dieser Personengruppe Sturzprophylaxe:„von gesunden, über 65- jährigen Menschen stürzt die Hälfte mindestenseinmal im Jahr, davon ca. 27 % mehr als dreimal jährlich, was bei 6% vonihnen zu schweren Verletzungen führt“ (Struwe, Weitz- Hanf, Wojnar, 2001, S.12) Exsikkoseprophylaxe:Von großer Bedeutung um Folgeschäden vorzubeugen, wieVerwirrtheitszustände, Delir usw. Spezielle Ernährung im Alter Vermehrte behandlungspflegerische Aufgaben (Wundversorgung,Katheterversorgung, usw.) Wissen über altersbedingte Krankheiten ist gefordertSauter & Needham,2011

Versorgung dieser Personengruppe Der Alterungsprozess ist für psychischkranke Menschen eine Zeit, einesSchwer zu bewältigenden Umbruch Es fällt ihnen schwer, altersbedingteVeränderungen anzunehmen und es isthäufig ein langwieriger Prozess, bis sieangenommen werden können Für Menschen mit einer psychischenBeeinträchtigung ist es noch schwierig,„das ohnehin labile Gleichgewichtaufrechtzuerhalten“ (Dinger- Greiner &Kruse, 2010, S. 32), wenn zusätzlicheBelastungen auftreten Vertraute Dinge und Aktivitätengewinnen an Bedeutung „Die eigene Vergangenheit rückt wiedermehr in den Vordergrund, Bekanntesgibt Sicherheit“ (ebd., S. 34) „Zwischenmenschliche Beziehungengewinnen an Bedeutung, denn sievermitteln in dieser Phase Sicherheitund Schutz“ (ebd., S.34) Die Veränderungen im Rahmen desAltersprozess führen zuVerunsicherungenDinger- Greiner & Kruse, 2010

Versorgung dieser Personengruppe Psychisch kranke Menschen Der Hilfebedarf bei der Ausführung Zunahme von Einsamkeit und Isolation Unterstützung beim Erhalt sozialervernachlässigen im hohen Lebensalterdie körperliche Hygieneund häufige Einschränkungen in derverbalen Kommunikation Die psychiatrische Erkrankung stehthäufig im Vordergrund, körperlicheund altersbedingte Veränderungenwerden vom Betroffenen selbst nichtwahrgenommen, was ihn selbst inGefahr bringen kannalltäglicher Angelegenheiten steigtKontakte Gute Kommunikation undBeziehungsarbeit Die Versorgung/ Behandlungsomatischer Beschwerden wird häufigabgelehnt und therapeutischeMaßnahmen nur bedingt umgesetztDinger- Greiner & Kruse, 2010

Versorgung dieser PersonengruppeAlter Steigender PflegebedarfPsyche Eine gelungene verbale und Erhöhter Zeitaufwand Versorgung mit Hilfsmitteln Rehabilitationsmaßnahmen Räumliches Umfeld anpassen Prophylaxen Behandlungspflege Ernährung Inkontinenz Wissen über altersbedingteErkrankungen nonverbale KommunikationBeziehungsarbeitVertrauen und SicherheitvermittelnBiografiearbeitÄrztliche BehandlungUnterstützung und Motivation beider Umsetzung angeordneterTherapien und einesgesundheitsfördernden Lebensstil

Die Mitarbeiter in denWohnheimen derEingliederungshilfe In der Behindertenhilfe arbeiten überwiegend Mitarbeiter mit einerAusbildung im pädagogischen Bereich, deren Kenntnisse über denAlterungsprozess und Alterskrankheiten sind nur gering Es bestehen Unsicherheiten im Rahmen der pflegerischen undbehandlungspflegerischen Versorgung alter Menschen Es besteht ein Bedarf an Fort- und WeiterbildungenDinger- Greiner & Kruse, 2010

Die Mitarbeiter in den Wohnheimen derEingliederungshilfe Der psychosozialen Betreuung gerecht werdenIndividuelle Ansprache und MotivationBegleitung im Rahmen der BezugspflegeEin hohes Maß an Flexibilität ist gefordert Begleitung im hohen LebensalterZunahme des Pflege- und UnterstützungsbedarfVerlangsamung in der Ausführung alltäglicher AngelegegenheitenSchnelle Ermüdung „Die Qualität der Betreuung nimmt mit immer knapper werdendenzeitlichen Ressourcen ab (Dinger- Greiner & Kruse, 2010, S.54)Dinger- Greiner & Kruse, 2010

ModellprojektDas Heinrich- Held- HausWas ist das Heinrich- Held- Haus? Eine spezialisierte Pflegeeinrichtung (SGBXI) Alte pflegebedürftige Menschen mit chronischpsychischen Erkrankungen und geistigenBehinderungen werden mit einem innovativenBetreuungskonzept unterstützt

Der Anfang Das Heinrich Held Haus wurde 2005 gegründet Da das Diakoniewerk Essen in den Wohneinrichtungen derEingliederungshilfe erkannt hat, dass die Pflege der Bewohner zunimmtund die Wohneinrichtungen diesen Bewohnern nicht mehr gerechtwerden konnte - Alterserscheinungen traten in den Vordergrund Das Heinrich Held Haus ist zehn Jahre später im Bundesgebiet immernoch die einzige Pflegeeinrichtung für diese besondere Personengruppe Das die Pflegebedürftigkeit und Alterserscheinungen von altenbehinderten Menschen konzeptionell umgesetzt hat Es gab sehr zähe Verhandlungen mit dem Landschaftsverband Rheinland(LVR), bezüglich eines Zuschlages für zusätzliche und notwendige sozialeBetreuung

Die Finanzierungsgrundlagen richten sich nach dem SGBXI der Pflegeversicherung Pflegekassen zahlen, an den Pflegestufen orientierte Pauschalen Des weiteren ist ein Zuschlag pro Bewohner von 7,85 / Tagfür die soziale Betreuung, mit dem LVR (SGB XII)ausgehandelt worden Diesen Zuschlag zahlen die Kommunen und wird vom LVR erstattet

Was sind die Besonderheiten im Pflege undBetreuungssetting 3 volle Kräfte konnten mit dem Zuschlag, für den sozialenBetreuungsdienst eingestellt werden der Pflege/Betreuungsbedarf richtet sich nach keinen vorgeschriebenenzeitlichen Rahmen es wird individuell nach einem ganzheitlichem Betreuungs/Pflegeplangearbeitet Arztbesuche die einen großen Zeitrahmen in Anspruch nehmen werdendurch Fachpersonal begleitet bei Krankenhaus Aufenthalten den Bewohnern beistehenund pflegerisch unterstützen Palliative Care mit fachlich geschulten Personal

Multiprofessionelles Team / Mitarbeiter Sozialpädagogen, Heilerziehungspfleger, Alten-und Krankenpfleger Musiktherapeutin ( halbe Stelle)§ 87b Kräfte und PräsenzkräfteHeilpädagogen ( Entspannungstherapeut )Teilzeitstellen von 15 – 90 %der Mitarbeiteranteil ist prozentual in : Pflege und sozialer DienstaufgeteiltFlexible Dienstplangestaltung Frühdienste 26/ Spätdienste 20Spezifische Fort/Weiterbildungen werden fortlaufend angeboten zwei Nachtwachen, zusätzlich kommt eine Nachtwache vom sozialenDienst 3 mal in der Woche für ein Nachtcafé (21-00 Uhr) und 4 malwöchentlich vom sozialen Dienst eine Nachtwache von (00-06 )

Die besonderenPersonengruppen

Wie wird die besondere Versorgung umgesetzt ? persönliche Vorstellungen/ Rituale werden im Tagesablauf berücksichtigtumfassende Biografiearbeit wie z.B. Vorlieben, Hobbys,Gewohnheiten .dem neuen Lebensabschnitt angepasstkeiner wird geformt und dem Arbeitsablauf derMitarbeiter angepasstSelbstbestimmung wird gelebt und auch im Altergefördert solange der Bewohner sich keinerEigen/Fremdgefährdung aussetzt

Wie wird die besondere Versorgung umgesetzt ? Bewohner werden mit ihren Besonderheiten/Alterserscheinungenernst genommen und begleitet Sicherheit und Individualität wird in kleinen familiärenWohngemeinschaften gefördert. Milieugestaltung um einen alters gerechten Lebensrhythmus zu gestalten/entwickeln der Geborgen/ Zufriedenheit schafft und die Lebensqualität der Bewohner fördern soll

Angebote/ Psychosoziale Begleitung Werden individuell (Biografiearbeit) im Rahmen des BezugspflegsystementwickeltEin Bild erstellt von den Bewohnern des Heinrich- Held- Hauses

SchlussfolgerungAm Modellprojekt Heinrich Held Haus wurde deutlich, dass esMöglichkeiten gibt, dem individuellen Betreuungsbedarf dieserPersonengruppe gerecht zu werden.Für die Zukunft sollten weitere Modelle und Konzepte von derEingliederungshilfe (SGB XII) und der Pflegeversicherung (SGB XI)gemeinsam getragen werden, um dem Bedarf und den Bedürfnissendieser Personengruppe im hohen Lebensalter gerecht zu werden.

Danke für IhreAufmerksamkeit!FRANZISKA VON DER AHE &ANGELA BEHRENS

LiteraturAndreae, S.; Weniger, J. & Hayek, D. v. (2006). Krankheitslehre. Stuttgart: Thieme (Altenpflege professionell).Crome, A. (2007). Alt werdende psychisch kranke und geistig behinderte Menschen. Unsere Zukunftgestalten. Hilfen für alte Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Demenz. (S. 298- 305). (1.Aufl.). Bonn: Psychiatrie Verlag.Dieckmann, F.; Giovis, C.; Schäper, S.; Schüller, S.; Greving, H. (2011). Arbeitsmaterial. HerausforderungMenschen mit Behinderung im Alter. Detmold: Merkur, 01. Februar.Ding-Greiner, Christina; Kruse, Andreas (Hrsg.) (2010). Betreuung und Pflege geistig behinderter und chronischpsychisch kranker Menschen im Alter. Beiträge aus der Praxis. 1. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.Menche, N. & Engelhardt, S. (2007). Biologie, Anatomie, Physiologie. Kompaktes Lehrbuch für Pflegeberufe. 6.,überarb. Aufl. München [u.a.]: Elsevier, Urban & Fischer (Pflege heute).Sauter, D. & Needham I. (2011). Gerontopsychiatrie. In Sauter, Dorothea; Abderhalden, Chris; Needeham, Ian;Wolff, Stephan (Hrsg.) Lehrbuch psychiatrische Pflege. (S. 1146-1153). 3., vollst. überarb. u. erw. Aufl. Bern:Huber.Sozialgesetzbuch. Mit den besonderen Bestimmungen für das Beitrittsgebiet ; Textausgabe mit ausführlichemSachregister. 43.Aufl., Sonderausg. Bonn: Bundesmin. für Arbeit u. Sozialordnung.Struwe,B.; Weritz- Hanf, P. & Wojnar, J. (2001). Psychische Störungen im Alter. In Besselmann, K.; Glitschmann,P.; Goerlich, C.; Klie, T.; Reinschmidt, H.; Burkhard, S. et al. Aspekte der Versorgung psychisch veränderterälterer Menschen. 2. Aufl. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer (Kleinere Schriften des Deutschen Vereins fürÖffentliche und Private Fürsorge, H. 70).

Der Alterungsprozess ist für psychisch kranke Menschen eine Zeit, eines Schwer zu bewältigenden Umbruch Es fällt ihnen schwer, altersbedingte Veränderungen anzunehmen und es ist häufig ein langwieriger Prozess, bis sie angenommen werden können Für Menschen mit