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APProduktion von Tabletten: Meinungsbildner sollen für hohe Verschreibungszahlen sorgenMEDIZINSeelsorge für die IndustrieDie Elite der Nervenheilkunde ist eng mit Pharmakonzernen verflochten:Psychiater, Neurologen, aber auch Psychologen arbeiten als bezahlte Berater für die Unternehmen.Nun fordert ein Professor seine Kollegen auf, ihre Nebeneinkünfte offenzulegen.Wer den Nervenarzt Matthias Riepe fragt, ob er Geld von Pharmafirmen annehme, erlebt einkurzes Gespräch. „Das finde ich jetzt uninteressant“, sagt der Professor von derUniversität Ulm. Und schweigt.In seiner Funktion als Mitverfasser einer Leitlinie für Demenzerkrankungenhält sich Riepe ebenfalls bedeckt. Weildie Leitlinie die Gabe bestimmter Medikamente empfiehlt, wäre es aufschlussreich zu erfahren, ob die Verfasser finanzielle Verbindungen zu Herstellern von116Medikamenten haben. Riepe hat der Leitlinie zufolge erklärt, er habe keinen Interessenkonflikt.Diese Auskunft erstaunt: Zusätzlich zuseinem Gehalt als Professor für Gerontopsychiatrie hat Riepe durchaus finanzielleZuwendungen aus der Industrie angenommen – von AstraZeneca, JanssenCilag, Eisai, Pfizer und Lundbeck. Im Gegenzug hat er die Firmen beraten oderfür sie Vorträge gehalten. So hat Riepeein umstrittenes Alzheimer-Mittel („Donepezil“) öffentlich gepriesen – auf einerD E RS P I E G E L2 0 / 2 0 1 1Veranstaltung, welche just die Herstellerfirma sponserte. Dass die Demenz-Leitlinie die besagte Substanz ebenfalls positiv erwähnt, verwundert nicht.Zahlungen von Pharmafirmen an Ärztegibt es in vielen Bereichen der Medizin. Innur wenigen sind sie derart selbstverständlich geworden wie in der Nervenheilkunde.Es sind die Psychiater, die einer Studie ausMinnesota zufolge die höchsten Zuwendungen aus der Industrie kassieren. Von 37 Leitern der Kliniken für Psychiatrie an deutschen Universitätskliniken haben nach

WissenschaftMAURICE WEISS / DER SPIEGELMICHAEL TIMMASTRID SCHMIDHUBER / IMAGOSPIEGEL-Recherchen offenbar mindestens35 auf ihrem Berufsweg finanzielle Zuwendungen von Pharmafirmen angenommen.Auch Klaus Lieb, 45, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapiein Mainz, gehörte zu den Seelsorgern derIndustrie. Er sitzt in seinem Chefzimmer,die Abendsonne leuchtet in den Raum,und Lieb erzählt von seinen PharmaNeurologe Dienereinkünften. Zusätzlich 10 000 Euro undmehr habe er früher jedes Jahr gemacht –völlig legal, weil er diese Nebeneinkünftestets vom Arbeitgeber absegnen ließ.Doch je mehr Geld die Pharmaleuteauf sein Konto überwiesen, desto klarererkannte Lieb, in welche Abhängigkeiter sich da begab. „Ich machte mich plötzlich für ein Medikament stark, obwohlich das eigentlich gar nicht so gut fand“,Psychologe Wittchensagt er. „Ich stellte fest, dass ich nicht Psychiater Möllermehr frei und unabhängig bin.“Deshalb ist Lieb ausgestiegen: Als erster Direktor einer Klinik für Psychiatriein Deutschland hat er öffentlich erklärt,er werde keinen Cent mehr von pharmazeutischen Firmen annehmen. Mehr noch:Lieb engagiert sich als Vorstandsmitgliedin dem Verein Mezis. Die Abkürzungsteht für „Mein Essen zahl’ ich selbst“.Die Mezis-Mitglieder kämpfen gegen Korruption in der Medizin. Sie lassen Pharmavertreter erst gar nicht an sich heran –ganz zu schweigen davon, dass sie sichvon ihnen zum Essen einladen ließen.Peter Falkai, 49, Leiter der AbteilungPsychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen, dagegen hat schon aufKosten von Pharmaunternehmen gespeist – und nicht nur das: Bereits als junger Assistent begann Falkai damit, per- Psychiater Falkaisönliche Honorare aus der Industrie an- Professoren mit Kontakten zur Pharmaindustrie: Nicht mehr frei und unabhängig?zunehmen. 2010 war Falkai Firmen wieAstraZeneca, Bristol-Myers Squibb, Eli nimmt Falkai derzeit zwar vorüberge- und für hohe Verschreibungszahlen sorLilly, Janssen-Cilag, Lundbeck und Pfizer hend keine Beraterhonorare an, aber er gen. In der Psychiatrie sind Meinungsbildzu Diensten – neben seinem Job als Uni- behält sich vor, nach seiner Amtszeit wie- ner wichtig. Psychopharmaka gehören zuder einzusteigen. Den Schritt seines Main- den umsatzstärksten MedikamentengrupProfessor wohlgemerkt.Seine Kontakte in die Pharmawelt ha- zer Kollegen Lieb, prinzipiell auf Hono- pen überhaupt (siehe Grafik Seite 118).Nur ungern verraten die Meinungsbildben Falkai nicht geschadet. Im Gegenteil: rare von pharmazeutischen Firmen zuSeit Anfang des Jahres ist der Mann sogar verzichten, hält er für das falsche Signal: ner, welche Summen für sie abfallen. JePräsident der Deutschen Gesellschaft für „Das wäre ein Bruch“, findet Falkai. „Zu des Mal, wenn sie für eine PharmafirmaPsychiatrie, Psychotherapie und Nerven- sagen: Ich steige da komplett aus – warum auftreten, bekommen sie, wie Insider beheilkunde (DGPPN), eines Verbands mit sollte ich das tun? Ich finde, eine Bera- richten, mindestens 1000 Euro – oderdeutlich mehr.mehr als 5500 Mitgliedern – der seiner- tungstätigkeit sollte bezahlt werden.“Psychiater Falkai am KonferenztischMitarbeiter von Pharmafirmen sehenseits enge Verbindungen zur Industriepflegt: Arzneimittelhersteller sponsern es genauso. Systematisch rekrutieren sie bezeichnet sich als „kleines Licht“; er seiden Jahreskongress der DGPPN in Berlin; Nervenärzte. Diese verdingen sich dann „nicht jemand, der mit diesen pharmadas Geld in Höhe von etwa einer Million als Berater (Mitglieder des „advisory zeutischen Produkten primär groß geworboard“) und als bezahlte Redner (Mitglie- den ist“. Im Jahr habe er zwischen 10 000Euro fließt an eine Agentur.Für einen Interviewtermin sitzt Falkai der des „speakers’ bureau“). Alles läuft und 15 000 Euro zusätzlich verdient,schätzt Falkai.im dunklen Anzug an einem Konferenz- gegen Bezahlung.Der Psychiater Hans-Jürgen Möller vonSobald die Hochschulmediziner auf dentisch in der Berliner DGPPN-Zentrale,zum Treffen hat er seinen Geschäftsfüh- Lohnlisten pharmazeutischer Firmen er- der Universität München dürfte ein grörer und die Leiterin seiner Stabsstelle mit- fasst sind, ist deren Unabhängigkeit ge- ßeres Licht sein: Laut einer Auskunft ausgebracht. Seine Einsätze für pharmazeu- fährdet. Ober- und Chefärzte fungieren dem vorigen Jahr fand er neben seinentische Firmen will Falkai nicht nur als nunmehr als „Meinungsbildner“ – spötti- Verpflichtungen als Klinikdirektor nochMöglichkeit verstanden wissen, „ein biss- sche Ärzte halten die Bezeichnung „Miet- Zeit, gleich 13 verschiedenen Pharmafirchen Beibrot zu kriegen“, sondern auch mäuler“ für treffender: Sie sollen den In- men als Berater oder Redner zu dienen.Hans-Christoph Diener, 60, im Brotals Gelegenheit, über „interessante The- teressen ihrer Auftraggeber dienen, sprich:men zu reden“. Als DGPPN-Präsident den Firmen Glaubwürdigkeit verleihen beruf Direktor der Klinik für NeurologieD E RS P I E G E L2 0 / 2 0 1 1117

Wissenschaftdes Universitätsklinikums Essen und Außerordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft,arbeitet nebenher für 28 verschiedenePharmafirmen und andere Unternehmen.Rund 95 000 Euro brutto hat Diener nacheigenen Angaben an Industriehonorarenerhalten – allein im Jahr 2010.Von diesen Zahlungen hat die Öffentlichkeit kaum eine Vorstellung – undauch nicht von den Nachteilen, die sichdaraus für sie ergeben könnten. Ein Arztist dem Patienten verpflichtet, ein Meinungsbildner seinem Auftraggeber; dasist ein Interessenkonflikt, der zu einerschlechteren Versorgung führen kann:Der von der Industrie alimentierte Mediziner lobt und verschreibt womöglichMedikamente, für die er sich sonst niemals eingesetzt hätte.Pharmafirmen setzen Meinungsbildnernicht nur ein, um Werbung für ihre Pillenzu machen, sondern auch, um Krankheiten zu vermarkten, die es oft gar nichtgibt. Mitarbeiter der Firma SmithKlineBeecham in München etwa kamen aufdie Idee, das Sisi-Syndrom zu erfinden:eine angebliche Depression, an der schondie österreichische Kaiserin Elisabeth(„Sisi“, 1837 bis 1898) gelitten habe. Nursei das Leiden sehr schwer zu diagnostizieren, weil die betroffenen Frauen es mitFrohsinn und Zufriedenheit überspielten.Praktischerweise hatten die Krankheitserfinder ein passendes Mittel im Angebotgegen das Leiden, eine Tablette namensSeroxat. Jetzt musste bloß noch die Nachfrage geweckt werden – nur wer sollte dasSisi-Syndrom im Volk bekannt machen?Anke Rohde, Leiterin des Bereichs Gynäkologische Psychosomatik des Universitätsklinikums Bonn, erklärte sich bereit,behilflich zu sein. Im August 1998 flog sievon Frankfurt nach Mallorca und sprachauf einem „Forum“ zum Sisi-Syndrom,das SmithKline Beecham im Castillo Hotel Son Vida in Palma veranstaltete.Gegen ein stattliches Honorar berichtete Rohde von psychopathologischen Untersuchungen des angeblichen Syndroms.Ihre Auftraggeber waren angetan, zweiMonate später durfte sie wieder ran. Aufeiner von der Pharmafirma veranstalteten Pressekonferenz im Hotel SacherWien sprach Rohde über „Kaiserin Elisabeth (Sisi) als Prototyp eines verkanntenPatientenbildes“.Nach Rohde trat ein weiterer Meinungsbildner auf, ein Psychologe namensHans-Ulrich Wittchen. Allein in Deutschland seien etwa drei Millionen Menschenvom Sisi-Syndrom betroffen.Die Pressekonferenz war ein vollerErfolg. Tatsächlich gelang es, das Sisi-Syndrom der Öffentlichkeit als neues Leidenzu ngenerschreibungen* in DeutschlandUmsatz* 2009Mio. EuEuroin Miouro10106767AngAngabenaben in definierdefiniertenten aSteigerung800757522 1153 % 153600400NeuroleptikaNeuroleptikagegen 0020022004* zu Lasten der GKV89Quelle: AOK20062008 09In der Folge äußerte Rohde sich auf Veranstaltungen und in Pressemitteilungenüber menopausale und prämenstruelle Störungen, und zwar für GlaxoSmithKlineund Wyeth. Auch Wittchen blieb der Industrie treu und fuhr gut damit. Er leitet

BERT BOSTELMAN / BILDFOLIOanderen Grund lieb und teuer. Er arbeitet haben wollen. Ein Hinweis, inwiefern dieam „Diagnostischen und Statistischen Verfasser finanzielle Zuwendungen vonManual Psychischer Störungen“ mit. Was pharmazeutischen Firmen angenommenin dem Werk steht, kann den Markt der haben, fehlt darin.Psychopharmaka beeinflussen. SchonDoch genau das ist der Fall: Der beteikleine Veränderungen der Diagnosekri- ligte Psychologe Manfred Döpfner vonterien können große Auswirkungen auf der Uni-Klinik Köln hat als Berater oderdie Verschreibungszahlen haben.Redner von Medice, Eli Lilly, Janssen-CiGegenwärtig arbeitet eine Kernmann- lag und Shire persönliche Honorare anschaft von etwa 160 Experten an einer genommen – das sind Firmen, die Mittelneuen Fassung des Handbuchs, die sie gegen ADHS vermarkten.Ein anderes Beispiel ist die Leitlinie für2013 vorlegen will. Doch dabei sitzenpharmazeutische Firmen gleichsam mit Demenzen. Matthias Riepe von der Uniin den Beratungen: Mehr als die Hälfte versität Ulm hat sie mit 67 anderen Experder beteiligten Mediziner und Psycholo- ten ausgearbeitet; keiner von ihnen gibtgen haben finanzielle Verbindungen mit einen Interessenkonflikt an. Dabei ist Riepe nicht der einzige Leitlinienexperte, derder Industrie eingeräumt.Eine weitere Chance zur Manipulation finanziell mit der Industrie verbandelt ist.bieten die medizinischen Leitlinien, die Hans-Christoph Diener, der Essener Neuvon Fachgesellschaften herausgegeben wer- rologe mit Einkünften von 28 Firmen, geden. Ärzte lesen darin nach, wie bestimm- hört ebenso zu ihnen wie etliche Psychiate Erkrankungen zu behandeln sind. Wird ter, die bekanntermaßen für die Industrieein bestimmter Wirkstoff in einer Leitlinie gearbeitet haben.Die Betroffenen spielen die finanzielempfohlen, bürgt das für gute Umsätze.Deshalb ist pharmazeutischen Firmen dar- len Zuwendungen herunter. Sie fühltenPsychiater Lieb: „Mein Essen zahl ich selbst“ an gelegen, Leitlinienverfasser finanziell sich durch die Honorare nicht beeinflusst;deshalb gebe es keine Interessenkonflikte.an sich zu binden.heute das Institut für Klinische PsycholoDoch in vielen Leitlinien werden diese „Das Geld ist eigentlich sekundär“, sagtgie und Psychotherapie der Technischen Verbindungen unterschlagen. Die Leitlinie Diener, der sich dank seiner IndustrieeinUniversität Dresden und arbeitete zuletzt „Hyperkinetische Störungen“ etwa emp- künfte sogar einen eigenen Angestelltenfür sechs Pharmafirmen als Berater.fiehlt Wirkstoffe für Kinder, bei denen leisten kann.Auch die Bonnerin Anke Rohde ist sichProfessor Wittchen ist seinen Geschäfts- Ärzte die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperpartnern in der Industrie auch aus einem aktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert keiner Schuld bewusst: „Es gibt Medizi-

Wissenschaftner, die trotz Honoraren völlig unabhängige Vorträge halten, aber sicher auch diejenigen, die dann eher die gewünschteMeinung vertreten. Da ich glaube, zu derersten Kategorie zu gehören, hatte ichselbst nie das Gefühl eines Interessenkonfliktes.“So wie Rohde erliegen viele Medizinerdem Glauben, sie selbst seien wenigerleicht zu manipulieren als der Rest derProfession. Das ergab auch eine Befragung von 208 deutschen Fachärzten zumEinfluss von Pharmavertretern. Nur sechsProzent der Mediziner hielten sich fürhäufig und immer beeinflussbar – zugleich glaubten aber 21 Prozent, das treffeauf ihre Kollegen sehr wohl zu.In der Tat ist das Geld der Pharmafirmen nicht zum Fenster hinausgeschmissen, wie wissenschaftliche Studien offenbaren: Ärzte, die Geschenke bestimmterFirmen annehmen, bevorzugen derenProdukte. „Es hat wenig Sinn, der Industrie Machenschaften vorzuwerfen. Vielmehr müssen wir als Ärzte eine klarePosition dazu entwickeln“, sagt KlausLieb, der Aussteiger aus Mainz. „Wennein Arzt persönliche Honorare aus derIndustrie annimmt, muss das offengelegtwerden. Dann können andere entscheiden, ob das einen Einfluss hat oder nicht.“Um das Vertrauen in die Ärzteschaftzu bewahren, hat inzwischen auch dieArbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaftenumgedacht: Ärzte, die an Leitlinien mitschreiben, sollten Zuwendungen aus derIndustrie prinzipiell offenlegen. Ob undwann diese Empfehlung aufgegriffenwird, liegt jedoch im Ermessen der jeweiligen medizinischen Fachverbände. Unddie sind, wie die DGPPN, oftmals mit derIndustrie verbandelt und tun sich schwermit Transparenz.Allerdings könnte ihnen die Politikbald Beine machen. Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) bereitet derzeit einen Entwurf für ein Antikorruptionsgesetz in der Medizin vor, das Transparenz vorschreiben soll. „Ärzte müsstenverpflichtet sein zu veröffentlichen, welche Zuwendung von pharmazeutischenFirmen sie bekommen haben“, fordertLauterbach. „Und andererseits müsstenpharmazeutische Firmen verpflichtet seinzu veröffentlichen, an welche Ärzte sieHonorare gezahlt haben.“Letzteres hat der US-amerikanischeKongress bereits beschlossen, und zwarim Physician Payment Sunshine Act: Von2013 an müssen Pharmaunternehmen undandere Firmen alle Zahlungen an Ärzteim Netz veröffentlichen. Sofern sie Zuwendungen US-amerikanischer Unternehmen kassiert haben, wird dieseDatenbank auch Meinungsbildner ausDeutschland enttarnen: mit vollem Namen und unter Angabe der einzelnen Honorare.JÖRG BLECH120D E RS P I E G E L2 0 / 2 0 1 1

näkologische Psychosomatik des Univer-sitätsklinikums Bonn, erklärte sich bereit, behilflich zu sein. Im August 1998 flog sie von Frankfurt nach Mallorca und sprach auf einem „Forum“ zum Sisi-Syndrom, das SmithKline Beecham im Castillo Ho-tel Son Vida in P