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aktuellDA S M AG A Z I N D E R I N V E ST I T I O N S - U N D ST RU K T U R B A N K R H E I N L A N D - P FA L Z ( I S B )Ausgabe 2– 2021107aktuell VO R O R Taktuell I M F O K U SDer fliegende DachdeckerKirche wird Wohnraum16aktuell I M E X K U R SDie Suche nachder zweitbesten LösungHANDELN

2E DITORIALaktuell 2-2021aktuell I M Ü BER BLI CKEine Reise von tausend Meilenbeginnt mit dem ersten Schritt.«L AOTSE4Ganz bewusst haben wir diese Ausgabe unseres Magazins mit dem Begriff „Handeln“ überschrieben – dennHandeln ist ein Schlüssel zu den Chancen, die uns die Zukunft bietet. Wir stellen Ihnen Menschen vor, die aktivgeworden sind, die eigene Ideen entwickelt haben und diese umsetzen: Ein Projektentwickler hat eine Kirche inWohnraum umgewandelt, auch wenn das anfangs aussichtslos erschien. Ein Dachdecker bringt neues Leben undneue Technologien in seinen traditionellen Berufsstand. Ein Start-up revolutioniert das Ehrenamt, ein Unter nehmenhilft, bei Notfällen mit digitalen Lösungen Menschen zu retten. All diese Beispiele machen deutlich, wie innovativund kreativ man handeln kann.6 Digitale RettungModernes Notfall-ManagementDer fliegende Handwerker:Traditionsunternehmen ganz modernSeite 71214aktuell VOR ORTDR. ULRICH LINKMitglied des VorstandesÜbrigens: Auch diese Ausgabe der ISB aktuell erscheintdigital als E-Paper – Sie finden sie im Internet unterwww.isb-aktuell.de.810Jetzt wünschen wir Ihnen viel Spaß beim Lesen – und viele Inspirationen!Sprecher des Vorstandes7 Der fliegende HandwerkerVermessung mit Drohnenaktuell IM FOKUSDirekt auf die aktuellen Krisen geht Ministerpräsidentin Malu Dreyer ein. Sie verrät uns im Interview, in welchenSituationen sie gerne spontan handelt und was sie sich für die Nach-Corona-Zeit wünscht. Ein Psychologe sagtuns, warum man zwar handeln sollte, aber nicht zu schnell – und warum die vermeintlich zweitbeste Lösung oftdie beste ist. Und wir selbst: Wir zeigen, wie wir als ISB handeln, in Krisen wie in normalen Zeiten.ULRICH DEXHEIMERÜber alte Kirchen, moderne Drohnen und die Frage,wie man in Krisen handeln sollte5 Mission: EhrenamtHilfe per PlattformLiebe Leserinnen und Leser,es war wieder ein bewegtes und bewegendes Jahr – ein Jahr, das vielen von uns durch Corona und das Hoch wasser im Sommer eine Menge abverlangt hat. Wie geht man am besten mit solchen Krisen um? Was tun, wenndas Gewohnte wegbricht, wenn man sich neu orientieren muss? Wohl alle von uns haben sich schon einmalsolche Fragen gestellt.aktuell I M FO K USEine ehemalige Kirche:Investition mit EmotionenSeite 10161819aktuell I M I NT ER VI EW„Da war schnelles Handeln gefragt“Ministerpräsidentin Malu Dreyer im Gesprächaktuell VO R O R TDie Kirche im Dorf lassenWohnraum im ehemaligen Gotteshausaktuell NACHGEFR AGTVor Ort bei den MenschenSchnelle Hilfe durch die ISBaktuell ZUR I SBÜber Veranstaltungen von und mit der ISBaktuell I M EXK UR SMut zur zweitbesten LösungEin Psychologe über den Umgang mit Krisenaktuell K UR Z UND K NAP PAus dem Fördergeschäft der ISBaktuell AUF EI NEN BLI CKZahlen und Fakten zum Thema Handelnaktuell 2 - 2 0 2 13

4aktuell IM F O KU Saktuell 2-2021aktuell IM FOKU SThema HandelnThema Handelnaktuell 2 - 2 0 2 15MISSION: EHRENAMTDie einen möchten sich ehrenamtlich engagieren, die anderen benötigen Hilfe – nur: Wie kommen beide Seitenzusammen? Genau das ist das Wirkungs- und Geschäftsmodell von FlexHero, der digitalen Ehrenamtsplattform aus Worms.Die Hilfsbereitschaft vieler Menschen ist riesig groß– oft hat es aber an Gelegenheiten gefehlt,diese auch richtig einzusetzen.«Damian Belter, Philipp Klönhammer, Frank BlasiusFlexHero GmbHFrüher hat er ältere Menschen betreut, dann Menschen mit Beeinträchtigungen, heute kümmert sich Damian Belter nachmittags umSchulkinder. Zumindest dann, wenn Zeit bleibt: Belter ist längst nichtmehr nur selbst ehrenamtlich engagiert, sondern vermittelt Ehrenamtliche an Organisationen und Vereine, und das bundesweit.ÜBER ALTE KIRCHEN, MODERNEDROHNEN UND DIE FRAGE,WIE MAN IN KRISEN HANDELN SOLLTEEine ehemalige Kirche – nicht mehr geweiht, aber noch mitEmotionen besetzt. Was kann man daraus machen? Ja, es istschwierig, sie in Wohnraum umzuwandeln. Doch ProjektentwicklerJan H. Eitel zeigt mit seinem Team von Immprinzip, dass es möglichist. Innovativ ist auch Dachdeckermeister Jonas Dämgen: Statt mitZollstock vermisst er Dächer per Drohne. Die Vomatec InnovationsGmbH setzt ebenfalls auf digitale Lösungen: Ihr RescueWaveSystem kann bei Notfällen Leben retten. Und das Start-up FlexHerohat es geschafft, die Vermittlung von Ehrenämtern in die moderneWelt zu überführen.Spontan oder nicht? Ministerpräsidentin Malu Dreyer gibt imInterview Einblicke, wie sie wann handelt. Der Psychologe GüntherHöhfeld, der sich seit Langem intensiv mit Krisen beschäftigt, verrät uns Handlungsstrategien. Und wir von der ISB zeigen, wie wirselbst in aktuellen Krisen handeln, um die Menschen in unseremLand so gut wie möglich zu unterstützen.„Als wir angefangen haben, uns mit diesem Thema zu beschäftigen,waren wir sehr erstaunt“, erzählt der heute 36-Jährige. „Zwei Freundeund ich haben während des Studiums nach einer Business-Idee gesucht, die nicht nur geschäftlich, sondern auch inhaltlich sinnvoll ist.Und wir haben festgestellt: Es gab keine umfassenden und aktuellenPlattformen, die Ehrenämter vermitteln.“ Belter und sein KommilitonePhilipp Klönhammer studierten Business & Management, FrankBlasius Mobile Computing. Eine ideale Kombination – so konnten sievon Anfang an sowohl die geschäftliche als auch die technische Seitefür Plattform und App abdecken. Alle drei schrieben ihre Master arbeiten im Zusammenhang mit ihrer Idee und machten sich direktnach dem Abschluss selbstständig: mit der FlexHero GmbH, einerVermittlungsplattform für das Ehrenamt.Dort können sich heute sowohl Organisationen melden als auch Menschen, die sich engagieren möchten – für einen Tag, ab und zu oderauf Dauer. „Während des ersten Jahres haben wir ein Stipendiumbekommen, das war sehr hilfreich“, erzählt Belter. „Wir haben damitdas Vertriebskonzept erstellt und unsere Plattform programmiert,außerdem haben wir Investorinnen und Investoren gesucht.“ Und mitder ISB gefunden, die das junge Unternehmen zeitgleich mit einemPrivatinvestor mit Beteiligungskapital unterstützt hat. „Natürlich waram Anfang die Frage: Wie kann man mit Ehrenamtsvermittlung Geldverdienen? Aber wir haben schnell festgestellt: Organisationen wieSenioreneinrichtungen investieren viel Zeit und Geld für die Akquisevon Ehrenamtlichen, zum Beispiel für Zeitungsanzeigen – manchmalbis zu 800 Euro im Monat. Da oft die Kenntnisse im Bereich der digitalen Kommunikation fehlen, helfen wir den Organisationen dabei,Helferinnen und Helfer über moderne Wege zu finden.“ FlexHerokonnte ihnen zeigen, wie sie die Mittel deutlich effektiver investieren:„Die allermeisten sehen über unsere Plattform viel mehr und schnellere Erfolge bei deutlich geringeren Kosten.“Mittlerweile sind bei FlexHero etwa 300 Organisationen registriert,dazu kommen viele Städte, Gemeinden und Landkreise. Mehr als12.000 Menschen haben sich als Ehrenamtliche angemeldet. Unddie können über die FlexHero-App ganz gezielt nach Aufgaben inihrem Interessengebiet suchen – etwa für Natur und Umwelt, in derNachbarschaftshilfe, Bildung oder Gesundheit. Und auch wenn dieVermittlung in der Regel online läuft, haben die drei Jungunternehmerdurchaus nette persönliche Begegnungen: „Neulich kam eine Frauins Büro, der wir schon mehrere ehrenamtliche Tätigkeiten vermittelthaben, und brachte uns als Dankeschön Muffins. Über sowas freutman sich natürlich sehr.“Und so zeigen nicht nur die Vermittlungszahlen, dass die Idee vonFlexHero genau die richtige war. „Wir stellen immer wieder fest: DieHilfsbereitschaft vieler Menschen ist riesig groß – oft hat es aber anGelegenheiten gefehlt, dieseauch richtig einzusetzen. Daswar und ist unsere Mission:dem Ehrenamt einen breitenRahmen und eine Plattformzu geben.“ Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

6aktuell 2-2021aktuell IM FOKU SThema Handelnaktuell I M F O KU SThema Handelnaktuell 2 - 2 0 2 1DIGITALE RETTUNGDER FLIEGENDE HANDWERKEREin Unfall mit vielen verletzten Menschen. Wer benötigt besonders dringend Hilfe? Wer hat welche Verletzungen?Wer wurde bereits behandelt? Die Vomatec Innovations GmbH hat eine digitale Lösung entwickelt,um solche Fragen schnell zu beantworten.Filme vom Dachdecker? Kein Problem, zumindest nicht bei Jonas Dämgen. Der innovative Handwerker aus Mainzsetzt auf Hightech-Drohnen, um Dächer auszumessen – und ist auch aktiv auf Social Media.Heute arbeitet das Unternehmen aus Bad Kreuznach längst nichtmehr nur mit Feuerwehren zusammen, sondern auch mit anderenBehörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben, zum Beispiel mit Rettungsdiensten und dem Katastrophenschutz. Die Software wird auch beim Werkschutz und in den Leitstellen von zahlreichen Unternehmen aus Bereichen wie Automotive, Stahlproduktionund Luftverkehr eingesetzt. Für jedes Unternehmen passt Vomatecdie Software individuell an, um alle vorhandenen Überwachungssysteme etwa an Zugängen, Zäunen und Schranken sowie den Einbruchschutz und die Brandmeldeanlagen zu integrieren.Im Einsatz – mit digitaler UnterstützungNoch immer ist es üblich, dass nach einem Unfall grundlegendeInformationen auf Papierkarten protokolliert werden, die die Rettungskräfte den Betroffenen vor Ort umhängen. „Das ist aber etwas,das im digitalen Zeitalter natürlich viel effizienter geht“, weiß Dr.Stephan Heuer. Er ist Geschäftsführer der Vomatec InnovationsGmbH, die genau für solche Fälle digitale Lösungen entwickelt.Konkret: kleine Geräte von der Größe eines Handys. Sie werdenden Verletzten etwa bei einem größeren Unfall umgehängt. Diebeteiligten Rettungskräfte können sich damit im Zusammenspielmit einer Einsatzführungssoftware digital und in Echtzeit ein Bildder gesamten Lage machen, bekommen aber auch Informationenzu jedem einzelnen Patienten. Das RescueWave-System ist mittlerweile immer häufiger fester Bestandteil der Ausrüstung, etwa imNotarztwagen.Vomatec hat langjährige Erfahrung mit digitalem Gefahrenmanagement und Leitstellentechnologie. Angefangen hat alles mit einerVerwaltungs- und Leitstellensoftware für Feuerwehren: Sobald dortein Notruf einging, konnten die Mitarbeitenden in der Leitstelle dierelevanten Informationen in die Vomatec-Software eingeben, stattalles per Hand zu notieren. Was ist passiert? Gibt es Verletzte? Wieviele Einsatzkräfte werden wo benötigt und welches Gerät? All dieseDaten wurden – und werden bis heute – nicht nur aufgenommen,sondern können direkt verteilt werden: per Alarmierung, SMS,Handy, E-Mail. „Damit kann eine einzige Person sehr schnell alleweiteren Schritte auslösen, etwa die Einsatzfahrzeuge koordinierenund die Rettungskräfte informieren“, so Heuer. „Und neue Entwicklungen der Einsatzlage werden in Echtzeit an alle Beteiligten weitergegeben.“„Wir arbeiten ständig daran, unsere Angebote weiterzuentwickeln“,so Stephan Heuer. „Wir möchten Sicherheitssysteme und Rettungseinsätze weiter digitalisieren und so effizient wie möglich machen.“Beispielsweise mit dem Projekt RescueWave, das von der ISB überdas Programm InnoTop gefördert wurde. Mit Hilfe der digitalenRescueWave-Geräte für Verletzte können Einsatzkräfte schnellerreagieren und die Patienten besser versorgen. „Sowohl durch dieseGeräte als auch durch die dazugehörige innovative Software werdenGroßschadens- oder Bedrohungslagen besser koordinierbar, etwaGroßfeuer oder Naturkatastrophen.“ Und so dürften die Papier karten für Verletzte immer seltener werden – dank Innova tionen vonUnternehmen wie der Vomatec Innovations GmbH aus RheinlandPfalz. Wir möchten Sicherheitssysteme undRettungseinsätzeweiter digitalisierenund so effizientwie möglich machen.«Dr. Stephan HeuerGeschäftsführerVomatec Innovations GmbH7Mit den Bildern, die die Drohnegemacht hat, können wir einsehr genaues Aufmaß machen.«Jonas DämgenDachdeckermeisterEine Drohne schwebt einige Minuten über dem Dach, dreht dann zurSeite, umkreist das Gebäude, bleibt mehrfach in der Luft stehen.Nach gut zehn Minuten ist alles fertig. „Mit den Bildern, die dieDrohne gemacht hat, können wir ein sehr genaues Aufmaß machen– also die Dachfläche ganz genau berechnen“, erklärt Jonas Dämgen.„Das ist wichtig, um einen genauen Arbeits- und Materialpreis zuermitteln.“ Dämgen ist 28 Jahre alt, seit drei Jahren Dachdeckermeister. Er hat noch traditionell gelernt, wie man eine Dachfläche ausmisst, den Satz des Pythagoras kann er quasi im Schlaf, mit demZollstock umgehen sowieso. Das aber ist in den meisten Fällen garnicht mehr nötig, ein Aufmaß per Drohne geht schneller und ist vielgenauer.Die Aufnahmen werden später im Büro in eine Software gegeben, esentsteht ein 3D-Modell des Daches. „Das ist für uns ein riesigerVorteil bei der Angebotserstellung, gerade bei komplizierteren Dächern mit vielen Gauben. Das per Hand auszumessen ist ziemlichkompliziert, am Computer geht es ganz schnell.“Seine erste Drohnenaufnahme hat Dämgen eher aus der Not herausgemacht. „Ein Kunde war nicht überzeugt von meinen Berechnungen.Da habe ich mir eine einfache Drohne gekauft und bin mit ihr dasDach abgeflogen – vor den Augen des Kunden. Ich konnte ihn überzeugen und habe den Auftrag bekommen.“ Genau das erzählt derjunge Dachdecker einem befreundeten Kommunikationsdesigner, dergerade ein neues Logo für ihn entwirft. „Er war begeistert, wir habenüber verschiedene Optionen gesprochen und überlegt, wie wir Drohnen sonst noch einsetzen können.“ Heute ist der Kommunikationsdesigner fester Bestandteil des Dachdecker-Teams – er ist nicht nurfür die Drohnenaufnahmen zuständig, sondern auch für die digitaleWeiterverarbeitung. „Er kümmert sich ebenso um Social Media wieum die gesamte Vermarktung. Das hat großen Einfluss auf unserweiteres Geschäft: Wir bekommen viele Bewerbungen von jungenMenschen, die bei uns arbeiten möchten – eine Situation, von derandere Firmen nur träumen können.“Vermessung aus der LuftDer Drohnen-Fuhrpark von Dämgen ist im Laufe der Zeit deutlichgewachsen. Der neueste Erwerb: eine Drohne mit verbessertem GPSSignal. „Damit können wir die Dächer noch viel genauer ausmessenals bisher, und das mit viel weniger Aufwand.“ Diese Drohne hatdie ISB über das Programm DigiBoost gefördert, das speziell fürInvestitionen in Innovationen gedacht ist. Insgesamt gibt es mittlerweile acht Drohnen für verschiedene Zwecke – besonders schnelle,besonders präzise, besonders hochauflösende.„Eine haben wir zum Beispiel vor allem für Werbevideos gekauft. Dieist besonders schnell, und die Aufnahmen sind wirklich spektakulär.“Das findet im Übrigen auch eine Filmproduktion in der Nachbarschaft:„Mit denen haben wir schon zusammengearbeitet.“ Es muss ebennicht immer das Dach sein – und noch nicht mal immer die Drohne:Weil sein Kommunikationsdesigner-Kollege gerne mal andere Ideenumsetzen wollte, entwirft Jonas Dämgen jetzt auch Freizeit kleidung.Und das ist bestimmt nichtseine letzte Idee.

8aktuell 2-2021aktuell IM IN TE RVIE WThema Handelnaktuell IM I N TER VIEWThema Handelnaktuell 2 - 2 0 2 193 X 3 F R A GEN ZUM T HEMA H ANDELNIch wünsche mir,dass die große Hilfsbereitschaftund Solidarität, die wir in derCorona-Zeit gesehen haben,die Krise überdauert.«„DA WAR SCHNELLESHANDELN GEFRAGT“Einerseits soll es schnell gehen, andererseits gut durchdacht sein: Politische Entscheidungen –gerade in schwierigen Zeiten – sind immer eine Herausforderung. Malu Dreyer, die Ministerpräsidentinvon Rheinland-Pfalz, über Abwägung und Spontaneität, freie Abende und die beeindruckendeHilfsbereitschaft der Menschen nach dem Hochwasser.WURZELNWelcher Typ sind Sie: schnell handeln – oder erstmal längernachdenken?1Das kommt immer darauf an, was in der jeweiligen Situation geradenötig ist. Besonders in den vergangenen mehr als anderthalb Jahren der Corona-Pandemie musste häufig sehr schnell gehandeltund entschieden werden. Die Pandemie hat uns mit einer unglaublichen Wucht und Geschwindigkeit getroffen. Gesetze, Verordnungen, Hilfsprogramme – alles musste mit einem enormen Tempoumgesetzt werden. Da war schnelles Handeln angesagt.Ganz generell ist es mir wichtig, unterschiedliche Meinungen zuhören, bevor ich Entscheidungen treffe. Das erlaubt es mir, auchandere Sichtweisen als die eigenen abzuwägen und in die Entscheidungsfindung einfließen zu lassen.2In welchen Situationen handeln Sie besonders spontan?Ich würde sagen, eher im privaten Bereich. Zum Beispiel, wenn esdarum geht, wie ich gemeinsam mit meinem Mann einen freienAbend verbringe. Das liegt aber möglicherweise daran, dass meinefreie Zeit als Ministerpräsidentin sehr begrenzt und sehr schwerplanbar ist.Sind Sie, wenn es um Entscheidungen und Handeln geht, alsPolitikerin anders als als Privatmensch?hier wie dort tausche ich mich meist mit anderen Menschen aus,bevor ich eine Entscheidung treffe, und beleuchte die Dinge ausunterschiedlichen Blickwinkeln, um die bestmögliche Entscheidungzu treffen.STANDPUNKTEErst Corona, dann Hochwasser: Als Ministerpräsidentin müssenSie oft schnell handeln. Wie gehen Sie das an? Wie viel Strategieist dabei, wie viel Empathie?4Für die Bewältigung solcher Krisen braucht es, wie in der Politikganz generell, beides: Strategie und Empathie. Strategie, um dieakute Krise zu meistern, aber auch, um einen Plan für den Aufbaunach der Krise zu haben. Empathie ist gewissermaßen die Grundvoraussetzung, um das zu schaffen, denn nur mit ihr gewinnt mandas Vertrauen der Menschen. Und Vertrauen ist für die Bewältigungvon Krisen unerlässlich, da es die Basis für zum Teil sehr einschneidende Maßnahmen legt.Malu Dreyer wurde 1961 in Neustadt an der Weinstraße geboren.Seit Anfang 2013 ist die studierte Juristin Ministerpräsidentin vonRheinland-Pfalz. Sie ist mit dem ehemaligen OberbürgermeisterMalu Dreyervon Trier verheiratet, sie leben in Trier.Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalzren. Gleichzeitig betreffen diese Entscheidungen sehr viele Menschen und verlangen ihnen sehr viel ab. Die Folgen dieser Pandemie werden uns noch lange beschäftigen, auch wenn das Virusirgendwann unter Kontrolle gebracht ist. Aus meiner Sicht hat sichder Ansatz, dass in den Bund-Länder-Runden gemeinsam über denWeg zur Bekämpfung der Pandemie entschieden wurde und gleichzeitig Raum blieb für länderspezifische Lösungen, als richtig erwiesen. Im Land berate ich mich mit einem Experten-Team und miteinem Corona-Bündnis, in dem sehr viele Verbände und Organisationen vertreten sind.Die Unternehmen in Rheinland-Pfalz sind auch in diesenschwierigen Situationen handlungsfähig geblieben. Welche Rollespielt die Politik dabei, wie viel Initiative muss von den Unter nehmen selbst kommen?AUSBLICKWas haben Sie aus der Corona-Zeit gelernt, was Handeln undInitiative angeht? Was hat Sie besonders beeindruckt?7Mich beeindruckt, wie überaus hilfsbereit, solidarisch und umsichtig sich die weitaus meisten Menschen verhalten. Die Schutzmaßnahmen können nur wirken, wenn die Menschen sie akzeptieren.Ich denke, die Pandemie zeigt, wie weit wir als Gesellschaft kommen, wenn wir aufeinander achten, wenn wir zuversichtlich sindund mutig die Probleme anpacken.6Die politischen Entscheidungen haben auch der Wirtschaft sehrviel abverlangt. Bund und Länder haben milliardenschwere Hilfsprogramme aufgelegt, um die Corona-Folgen für die Wirtschaftabzufedern. Unsere Unternehmen sind wichtige Partner, wenn esdarum geht, unser Land gut durch diese Pandemie zu führen. Siehaben sich über die gesamte Zeit absolut verantwortungsbewusst,erfindungsreich und kooperativ gezeigt.8Gerade bei der Bewältigung der Herausforderungen derPandemie ist gemeinsames Handeln gefragt. Wie ist Ihnen dasgelungen?Wo sehen Sie weiteren politischen Handlungsbedarf?Es macht mich stolz, dass Biontech als erstes Unternehmen weltweit die Zulassung für einen Impfstoff gegen Corona bekommenhat. Impfungen sind der Schlüssel, um das Virus langfristig zu besiegen. Es gibt immer noch viel zu viele Menschen, die der Impfung– warum auch immer – mit Skepsis begegnen. Daher bleibt es einewichtige Aufgabe der Politik, Menschen aufzuklären und von derImpfung zu überzeugen und jetzt aktuell die Auffrischungsimpfungen zu forcieren. Das tun wir als Landesregierung nach Kräften.9Was wünschen Sie sich persönlich für die Nach-Corona-Zeit?53Als Ministerpräsidentin trifft man Entscheidungen von großer Tragweite für sehr viele Menschen. Das hat nicht zuletzt die CoronaPandemie gezeigt. Das ist eine sehr große Verantwortung, der ichmir in jeder Minute bewusst bin, und das ist kaum vergleichbar mitden Entscheidungen, die ich als Privatmensch zu treffen habe. AberZur PersonIn der Pandemie müssen politische Entscheidungen in einer kaumgekannten Geschwindigkeit getroffen werden, um Menschen zuschützen und unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewah-Die Angst vor dem Virus hat persönliche Begegnungen stark verändert; über Monate hinweg haben wir uns nur noch auf dem Bildschirm oder am Telefon gesehen oder gehört. Vieles davon wird diePandemie überdauern, weil es den Alltag erleichtern kann, wenn zumBeispiel die eine oder andere Dienstreise durch eine Videokonferenzersetzt werden kann. Ich freue mich aber auch auf wieder vermehrtpersönliche Begegnungen. Und ich wünsche mir, dass die großeHilfsbereitschaft und Solidarität, die wir in der Corona-Zeit gesehenhaben, die Krise überdauert.

10aktuell 2-2021aktuell VOR ORTThema HandelnDIE KIRCHE IM DORF LASSENWas macht man mit einer ehemaligen Kirche? Man kann darin sozial geförderten Wohnraum schaffen.Wie das geht, zeigen Jan H. Eitel und Dr. Martin Koch mit ihrem Team von Immprinzip in Trier.aktuell VO R O R TThema Handelnaktuell 2 - 2 0 2 111Als ich die ehemalige Kirche gesehen habe,dachte ich gleichzeitig: Wow, dieses Projekt will ich machen!Und: Das ist eine riesige Herausforderung.«Jan H. EitelProjektentwickler, Immprinzip GmbH & Co. KGFrüher ein Gotteshaus, heute WohnraumNein, auf den ersten Blick sieht es nicht aus wie eine Kirche, zumindest nicht mehr – eher wie ein modernes Wohnhaus, gehalten infreundlichem Beige, mit vielen Fenstern und großen Balkonen. Einzigder Glockenturm links neben dem Gebäude weist noch auf die sakrale Vergangenheit hin. Doch wenn man das Haus betritt, dann wirdsofort klar: Hier ist es alles andere als gewöhnlich. „Ich erinnere michnoch genau, als ich die ehemalige Kirche zum ersten Mal gesehenhabe“, sagt Projektentwickler Jan Eitel von der Immprinzip GmbH& Co. KG. „Ich habe gleichzeitig gedacht: Wow, dieses Projekt willich machen! Und: Das ist eine riesige Herausforderung.“ Und zwarsowohl baulich als auch finanziell und emotional, wie sich herausstellen sollte.sen nutzen? Hinzu kam der emotionale Wert: Gerade, weil die Erinnerungen so vieler Menschen an diesem Gebäude hingen, sollte esnicht beliebig kommerziell genutzt werden. Am Ende schien nur nochdie Option zu bleiben, das Gebäude abzureißen. Doch es kam anders.nicht einfach die Wände verputzen, sondern das Mosaik integrierenund möglichst auch Fenster des Kreuzweges.“ So plante das zwischenzeitlich beauftragte Architekturbüro Rothweiler & Färber ausFreiburg rund um diese Elemente herum.„Irgendwann bekamen wir einen Anruf, ob wir uns die Kirche nichteinmal ansehen möchten“, erzählt Dr. Martin Koch. Die Kirchen gemeinde hatte von einem anderen Projekt erfahren, welches erzuvor umgesetzt hatte, ebenfalls die Umnutzung einer ehemaligenKirche. „Wir waren natürlich neugierig, also haben wir zugesagt.“ AlsJan Eitel das Gebäude betritt, fällt ihm sofort das riesige Mosaik insAuge: Jesus in Überlebensgröße, dazu Bilder der Apostel – und 14bunte Fenster, ein Kreuzweg aus Glas und Licht. „Wir waren fasziniert.Aber wir haben uns die Option offengehalten, zunächst einmal dieMachbarkeit zu prüfen. Das ist sehr wichtig bei einem solchen Projekt. Wir können ja nicht das Risiko eingehen, es erst zu kaufen unddann festzustellen, dass es zu Wohnzwecken gar nicht nutzbar ist.“Wer die ehemalige Kirche heute betritt, blickt weiterhin sofort aufdas überlebensgroße Mosaik, vom zweiten Stock aus kann man Jesussogar direkt in die Augen sehen. Die farbigen Kirchenfenster wurdenin Handarbeit herausgenommen, überarbeitet und mit einem neuenRahmen versehen. Drei von ihnen hängen jetzt hinterleuchtet imTreppenhaus, die anderen sind eingelagert. „Mal sehen, irgendwannwerden wir auch für sie eine Verwendung finden“, ist Jan Eitel überzeugt.Die Idee war schnell klar: Der Innenbereich der Kirche sollte umgebaut werden, um geförderten Wohnraum für Menschen mit Wohnberechtigungsschein zu schaffen. Dazu mussten mehrere Zwischengeschosse eingezogen, Treppenaufgänge geschaffen werden und vorallem: viele, viele Fenster. „Das war eine ganz besondere Herausforderung bei den dicken Wänden, die Fassade war ja vorher so gut wiefensterlos“, so Koch. „Wir mussten die rund 60 Fenster mit Spezialgerät in die Fassade sägen lassen.“ Nach eingehender Überprüfungwar dann klar: Ja, es ist machbar. „Wir wollten aber nicht irgendetwasbauen, sondern etwas von dem sakralen Charakter erhalten. AlsoDie Kirche Christi Himmelfahrt in Trier-Ehrang wurde in den 1950erJahren gebaut. Viele Jahre lang wurden hier Kinder getauft, Paarehaben geheiratet, regelmäßig wurden Gottesdienste gefeiert. Irgendwann jedoch wurde das Dach undicht, es kamen immer wenigerMenschen, die Kirche musste geschlossen werden. Vor einigen Jahren wurde sie endgültig profaniert, also offiziell entweiht. Die Gemeinde bot das Gebäude zum Verkauf an, das Interesse hielt sich inGrenzen. Was sollte man schon tun mit einem Gebäude mit 450Quadratmetern Grundfläche, ohne Zwischenstockwerke und so gutwie keinen Fenstern? Wie kann man eine ehemalige Kirche angemes-Fensterbilder und Mosaike wurden in das Wohnhaus integriertUnterstützt wurde das gesamte Projekt von der ISB mit einem zinsgünstigen Darlehen und Tilgungszuschüssen. Voraussetzung für einesolche Förderung ist, dass die späteren Miethaushalte über einenWohnberechtigungsschein verfügen und der Preis pro Quadratmetereine bestimmte Maximalhöhe nicht überschreitet. Insgesamt sindauf den 1.480 Quadratmetern 17 Wohnungen entstanden. Mittlerweile sind alle Mieterinnen und Mieter eingezogen – Einzelpersonen,ältere und jüngere Menschen, Familien. „Bei unseren ÜberlegungenPfarrer Mario Kaufmann, Dr. Martin Koch (GF Immprinzip), Andreas Ludwig(Baudezernent), Jürgen Raber (Immprinzip), Andreas Böker (Böker & Paul),Ulrich Dexheimer (ISB), Jan H. Eitel (Immprinzip) (von links nach rechts)bei der Einweihung des Wohngebäudesstehen immer die Bewohnerinnen und Bewohner im Vordergrund“,so Jan Eitel. „Deshalb haben wir bewusst auch größere Wohnungengebaut für Familien mit mehreren Kindern.“ Die fühlen sich längstwohl im ehemaligen Gotteshaus. Und die Gemeindemitglieder? Auchdie sind glücklich, dass ihre Kirche noch immer steht – und dass sieweiterhin guten Zwecken dient. Wir wollten etwasvon dem sakralenCharakter erhalten.«Dr. Martin KochGeschäftsführer,Immprinzip GmbH & Co. KG

12aktuell 2-2021aktuell NACHGE FRAGTThema Handelnaktuell N A CH GEF R A GTThema Handelnaktuell 2 - 2 0 2 113VOR ORT BEI DEN MENSCHENErst Corona, dann Hochwasser: In Krisensituationen hilft die ISB vielen Menschen und Unternehmenüber oftmals eigens dafür aufgelegte Programme mit Krediten und Zuschüssen – aber auch dieStandardangebote können passen.Es lohnt sich in vielen Fällen, direkt bei unsnachzufragen. Unsere Beraterinnen undBerater haben oft Ideen, auf die man selbstvielleicht gar nicht gekommen wäre.«Folker GratzLeiter der Kundenbetreuung der ISBManchmal gibt es einen großen Unterschied zwischen Theorie undPraxis. In der Theorie könnte man denken: Wenn Hilfsprogrammeim Internet beschrieben sind, können sich Bevölkerung und Unternehmen informieren und Anträge stellen. „So einfach ist es aberoft nicht“, stellt Folker Gratz, Leiter der Kundenbetreuung der ISB,fest. Er ist seit Wochen immer wieder im Ahrtal unterwegs – in demGebiet, in dem im Sommer 2021 ein Hochwasser ganze Landstrichezerstört hat. „Dort haben die Menschen Probleme, die wir im Detailso gar nicht vorhersehen konnten“, hat er festgestellt. „Deshalb istes wichtig, dass wir vor Ort mit Menschen sprechen und daraufhinunsere Programme und die Umsetzung anpassen können.“Ende September sind die Aufbauhilfen RLP angelaufen, seitdem fahren Folker Gratz und sein Team immer wieder in die Region, um denMenschen die Möglichkeiten zu erläutern. Insgesamt wurden in denbetroffenen Regionen über 20 sogenannte Infopoints eingerichtet,an denen sich Betroffene informieren können. Dort ist auch die ISBmit Kooperationspartnerschaften präsent, ebenso wie beispielsweiseArchitektinnen und Architekten sowie Sachverständige. „Man stelltdort schnell fest: Manchmal scheitern Antragstellungen schon daran,dass die Menschen keine technischen Voraussetzungen mehr haben“, so Gratz. „An den Infopoints gibt es deshalb Container, indenen die Menschen Laptops und Drucker nutzen können. Vor allemaber sind es oft sehr konkrete Fragen, die wir beantworten können.“Wie reagieren die Menschen vor Ort, wenn über Hilfsangebote informiert wird? „Das ist sehr unterschiedlich. Die persönliche Betroffenheit merkt man natürlich immer, manche sind auch wütend, wennes länger dauert mit der Auszahlung. Bei den meisten spürt man aberDankbarkeit, dass es überhaupt Hilfe gibt. Die Schicksale sind schonsehr berührend.“ Ähnlich war es bei Corona, vor allem zu Anfang derPandemie – auch 2020 haben Menschen das Gespräch gesucht,wollten über ihre eigene Situation sprechen. „Das ist für uns wichtig.Wir wollen ja helfen, und dafür müssen wir die Probleme im Detailkennen, und das geht oft nur im Gespräch mit den Menschen.“Formal ist es zwar so, dass – je nach Finanzierung – Bund oderLänder die Programme auflegen und gestalten, die die ISB dannumsetzt. Tatsächlich werden aber die Expertinnen und Experten derISB im Vorfeld angehört, ihre Erfahrung fließt direkt in die Gestaltungund spätere Umsetzung der Programme mit ein. „Wir beraten diePolitik und können durchaus Einfluss nehmen“, so Gratz. „Vor Orterfahre ich manchmal von Problemen, die noch nicht bedachtwu

am Anfang die Frage: Wie kann man mit Ehrenamtsvermittlung Geld verdienen? Aber wir haben schnell festgestellt: Organisationen wie Senioreneinrichtungen investieren viel Zeit und Geld für die Akquise von Ehrenamtlichen, zum Beispiel für Zeitungsanzeigen – manchmal bis zu 80