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Z E I T S C H R I F TD E RB .B R A U NM E L S U N G E NA G01/19MODERNES werke bauen BrückenNeues aus der WundantiseptikAuf das Konzept kommt es rnährungsmanagement in HeimenExpertenstandard für EinrichtungenBewertung Diabetes-AppsSport und Ernährung

DIE GEBURT EINES KINDES GEHÖRTZU DEN HÄUFIGSTEN URSACHEN FÜRBLASENSCHWÄCHEIn deinem Leben ist kein Platz füreine schwache Blase und die ständigeSuche nach einer Toilette?Du möchtest viel lieber spielen,toben, stillen, kuscheln? Mit Diveen kannst du das! 12 Stunden Kontinenzkontrolle, die keiner sieht und riecht.Diveen gibt es auch auf Rezept.Dein Arzt hilft dir gern - sprich ihn an!Diveen und deinLeben wird leichter.B. Braun Melsungen AG 34209 Melsungen DeutschlandTel. 05661 71-3399 Fax 05661 71-3550 www.bbraun.de/diveenIMP RE S SUMHealthCare Journal – Zeitschrift für FachkreiseHerausgeber B. Braun Melsungen AG Carl-Braun-Straße 1 34212 MelsungenRedaktion Verantwortlich: Andrea Thöne (ath)Telefon 05661 71-35 41 Telefax 05661 75-35 41E-Mail: [email protected] www.healthcare-journal.bbraun.deWissenschaftlicher Beirat Prof. Dr. med. Alexander SchachtruppLayout/Satz Verantwortlich: Lisa Hassenpflug B. Braun Melsungen AGUmsetzung: Polymotion WerbeagenturFotografie B. Braun Melsungen AG Nachweise zu Bildquellenfinden Sie auch unter www.healthcare-journal.bbraun.deHinweis Alle Angaben erfolgen nach bestem Wissen, jedoch ohneGewähr. Eine Haftung wird nicht übernommen. Die mit einem Autorennamen gezeichneten Artikel geben die Meinung des jeweiligenAutors wieder, die nicht mit der Meinung der B. Braun Melsungen AGidentisch sein muss.

MODERNESPAT IEN T ENM A N AGEMEN T3Liebe Leserinnen und Leser,wenn Patienten aus der Klinik in die Häusliche Pflege, Kurzzeitpflege oder ein Heim entlassen werden, verändert sich ihr Leben oft gravierend. Manche müssen sich endgültigvon ihrem bisherigen Zuhause verabschieden, andere mit vorübergehender oder auchdauerhafter pflegerischer Unterstützung leben. Das kann nur reibungslos verlaufen, wennalle an der Versorgung der Patienten beteiligten Institutionen an einem Strang ziehenbzw. die Versorgungskette lückenlos funktioniert. Das ist eine große Herausforderungfür alle Versorger, die sich durch Budgetierungen und verändernde Rahmenbedingungenständig neu orientieren müssen.Dieses HealthCare Journal widmet sich neuen Ansätzen der Patientenversorgung außerhalb der Klinik. Wir stellen Projekte mit Modellcharakter vor von Menschen, die einenSchritt weitergehen. Menschen, die Patienten gut versorgen und etwas bewegen wollen.Menschen, die bestehende Einschränkungen oder schlechte Versorgung nicht hinnehmenwollen. Dabei orientieren sie sich an hohen Qualitätsstandards, berufen sich auf Evidenzund Leitlinien. Sei es, wenn es darum geht, einen Kontinenzstandard oder ein Ernährungsmanagement in Pflegeheimen zu etablieren oder Menschen nach oder während einerKrebstherapie durch spezielle Sportkurse zu unterstützen, ihre Krankheit zu bekämpfen.Ein Ansatz, der übrigens von einer Krankenkasse übernommen wird. Weitere Artikel z. B.zum Umgang mit Stuhlinkontinenz oder die Rechtslage in der Stomaversorgung sowie dieEvidenz in der Wundversorgung betreffend runden das Themenspektrum ab.Dr. Thilo BrinkmannGeschäftsbereichsleiter Ambulant & NephrologieIn der Homecare-Versorgung benötigen wir neue Konzepte und Management. Wir brauchen aber auch Menschen, die ihre Ideale und ihren Enthusiasmus nicht verlieren. Mut undEngagement lohnen sich! Wir alle – Ärzte, Pflegende, Versorger und industrielle Anbieter –müssen effizient und wirtschaftlich zusammenarbeiten, um den Patienten bestmöglichzu versorgen. Auch wir leben diesen Anspruch und sind mit unserem Know-how und Bitte beachten Sie auch unsereUmfrage auf der Rückseite.umfangreichen Leistungsangebot weiterhin Ihr starker Partner in der Versorgungskette.Wir würden uns freuen, wennSie mitmachen.Homecare-Versorgung geht nur zusammen. Lassen Sie uns das Beste daraus machen.IhrMODERNES PATIENTENMANAGEMENTINHALT03 Editorial22 Interview: Kassen müssen eigentlich zahlen04 Sektorenübergreifend denken: Gesundheitsnetzwerke24Assessment bei Stuhlinkontinenz27Hilfsmittelversorgung: Qualität für Stomaträger31Expertenkonsens: Antiseptika indikationsgerechteinsetzen09 Entlassmanagement: Chancen für ambulanteVersorger12Bedarfsgerecht ernähren im Seniorenheim15Expertenstandard Kontinenzförderungist Change Management18Onkologische Trainingstherapie: Lebensqualitätim Hier und Jetzt34 Silber mit Evidenz36 Diabetesmanagement: Apps auf dem Prüfstand01/19

4GESUNDHEITSNET ZWERKE01/19

GESUNDHEITSNET ZWERKESektorenübergreifend denken:Ein bunter Flickenteppichan regionalen KonzeptenVon Antje ThielWenn es um die Zukunft des deutschen Gesundheitswesens geht, sind sich die Experteneinig: „Wir müssen die Sektorengrenzen überwinden.“ Diese Einigkeit besteht nicht erst seitgestern, die Forderung ist ebenfalls nicht neu. Dennoch trennt weiterhin ein tiefer Graben diebeiden Sektoren der Versorgung. Erst mit Gesundheitsnetzwerken, wie sie zurzeit vielerortsaus dem Boden sprießen, entstehen – punktuell und Schritt für Schritt – Brücken auf diejeweils andere Seite.Die strikte strukturelle und finanzielleTrennung zwischen dem ambulantenund dem stationären Sektor, wie wirsie in Deutschland kennen, gilt als dasgrößte Hindernis auf dem Weg zu mehrEffizienz und höherer Versorgungsqualität im Gesundheitswesen. An ihr sind inden vergangenen Jahrzehnten unzähligeReformbestrebungen gescheitert.der Berater Prof. Norbert Röder zwarfür die kommenden Jahre noch nicht.„Haupthürde ist weiterhin die sektoraleFinanzierung. Solange es die beidenSektoren gibt, die sich gegenseitig alsBedrohung empfinden, wird es immerInteressenkollisionen geben. Doch aufregionaler Ebene, punktuell und an diejeweiligen Gegebenheiten angepasst,tut sich inzwischen doch einiges.“ Prof.Doch mittlerweile haben demografischer Röder wertet Gesundheitsnetzwerke alsWandel, steigender Versorgungsbedarf, wichtige Keimzellen einer neuen VersorÄrztemangel insbesondere im ländlichen gungsform.Bereich und eine zunehmende Inanspruchnahme der Notfallambulanzen an „Bislang wurden Patienten immer einfachden Krankenhäusern Fakten geschaffen, weitergereicht, ohne dass sich einer wirkwelche die Leistungserbringer auf bei- lich zuständig fühlte“, meint der Berater.den Seiten der Sektorengrenze zwingen, „Doch damit geht es dem Patienten wieüber den Tellerrand hinauszuschauen. einem Bauherrn, der keinen GeneralunGleichzeitig hat ihnen der Gesetzgeber ternehmer beauftragt hat und ohne einenneue Vorgaben auferlegt (siehe Seite 6), solchen Koordinator bei seinem Hausbaudie ohne Kooperation der Sektoren jedes Gewerk selbst organisieren mussuntereinander kaum zu erfüllen sind.– das ist schlicht Wahnsinn.“ Was fehlt,sind Kümmerer, die den Patienten imGesundheitsnetzwerke bilden BrückeBlick behalten und ihn je nach Bedarf, InEinen großen Durchbruch, der den dikation und Dringlichkeit an die jeweilsGraben zwischen dem ambulanten und passende Stelle des Netzwerks lotsen.dem stationären Sektor systematisch „Schließlich geht es im Gesundheitswesenüberbrücken würde, sehen Experten wie immer auch darum, mit möglichst gerin-gen Mitteln ein möglichst gutes Ergebniszu erzielen“, erklärt Prof. Röder.Versorgungsauftrag für RegionVoraussetzung für eine koordinierte Versorgung und damit verbunden verbesserte Effizienz sind klare abgestimmteBehandlungspfade und Qualitätskriterien und ein verbesserter – idealerweisedigitaler – Informationsfluss zwischenden Beteiligten. Auf welche Weise dievernetzte Versorgung koordiniert wird,hängt unter anderem davon ab, welcheInstitution der treibende Motor desjeweiligen Gesundheitsnetzwerks ist.So gibt es Netzwerke, die auf Initiativeeines Krankenhauses gegründet wurdenebenso wie Gesundheitsnetzwerke, diesich aus einem etablierten Ärztenetzentwickelt haben. Auch Krankenkassenoder Fachhändler für Hilfsmittel tretenmitunter als Initiatoren oder Koordinatoren von Gesundheitsnetzwerken auf(siehe Übersicht auf Seite 7).Gesundheitsnetzwerke sind abzugrenzenvon homogenen fachspezifischen Netzwerken, in denen sich hochspezialisierteLeistungserbringer derselben Fachrich-01/195

6GESUNDHEITSNET ZWERKENeue Rahmenbedingungen zwingen Leistungserbringer zum HandelnDas Gesetz zur Reform der Strukturen der Krankenhausversorgung (kurz Krankenhausstrukturgesetz bzw. KHSG) von 2015 umfasst u. a. die Neuausrichtung derMengensteuerung und Änderungen der ambulanten Notfallversorgung (Bundesgesetzblatt 2015, Teil I Nr. 51, 17. Dezember 2015).Das Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung(kurz GKV-Versorgungsstärkungsgesetz bzw. GKV-VSG) von 2015 soll helfen, dieflächendeckende ambulante medizinische Versorgung zu sichern, den Zugang vonPatientinnen und Patienten zu ärztlichen Leistungen zu sichern sowie innovativeVersorgungsformen zu fördern. (Bundesgesetzblatt 2015, Teil I Nr. 30, 22. Juli 2015)Mit dem nach § 39 Abs. 1a Satz 9 SGB V verpflichtenden Entlassmanagement sollenProbleme beim Übergang in die Versorgung nach der Krankenhausbehandlungvermieden werden.§ 299a Strafgesetzbuch, der Bestechlichkeit und Bestechung im geschäftlichenVerkehr unter Strafe stellt, gilt seit Juni 2016 auch explizit für Leistungserbringerim Gesundheitswesen (Stichwort: Antikorruptionsgesetz). Damit sollen unteranderem unzulässige Rabatte oder Zuweisung gegen Entgelt unterbunden werden.Bei interdisziplinären oder sektorenübergreifenden Kooperationen sollten dahersämtliche Verträge auf entsprechende Fallstricke geprüft werden.tung zusammenfinden, die Patientenmit klar eingegrenzten Indikationeneinrichtungs- und sektorenübergreifendbehandeln. Zum Wesen eines heterogenen Gesundheitsnetzwerkes gehörtdas Zusammenwirken von Klinikenund ambulanter Versorgungsstruktur,ergänzt durch medizinische und nichtmedizinische Dienstleister verschiedenerFachrichtungen – sprich: die engeKooperation möglichst vieler Leistungserbringer, die den Versorgungsauftragfür eine ganze Region wahrnehmen.entscheiden sich generell häufiger dazu,die ‚Kathedrale’ Krankenhaus aufzusuchen. Sie glauben häufig ganz subjektiv,dass sie dort besser und schneller versorgt werden als im ambulanten Bereich.“Regionaler Gesundheits-Campus oderbundesweite NetzeDie Aufgabe von Gesundheitsnetzwerkensei es, Patientinnen und Patienten andie richtige Stelle zu lotsen, „damitdie Kliniken sich um ihre eigentlichenAufgaben kümmern können, nämlich umNotfälle und die Behandlung schwererPatientenströme lenkenErkrankungen“, meint Prof. Griewing. DieEin solcher Zusammenschluss entsteht ehemalige Kreisklinik von Bad Neustadtbeispielsweise in Bad Neustadt, wo die ist ein Standort mit 1 700 Betten, derenRhön-Klinikum AG 2015 die ehemalige Einzugsgebiet die zehn umliegendenKreisklinik erworben hat und sie derzeit Landkreise und damit Menschen immit verschiedenen Baumaßnahmen zum Umkreis von 100 Kilometern umfasst.Gesundheits-Campus umbaut. Der dorti- Auf dem neuen Gesundheits-Campusge Vorstand, Prof. Bernd Griewing, erklärt werden sich Arztpraxen verschiedenerdiesen Schritt nicht zuletzt mit dem Fachrichtungen und Organisationsforveränderten Nutzungsverhalten der Pati- men, aber auch nicht ärztliche Heilberufeentinnen und Patienten: „Die Menschen und seriöse Wellness-Anbieter ansiedeln.01/19„Das Modell hat enorme Anziehungskraft,schon jetzt während der Bauphase sindbereits alle Räumlichkeiten vergeben“,erzählt Prof. Griewing. Das mag auch ander gebotenen Infrastruktur liegen: Sosteht die campuseigene Kita auch denKindern der ambulant tätigen Ärztinnenund Ärzten offen, die sich auf demCampus niederlassen. Zugleich bietensich am Campus viele Möglichkeiten,KV-Sitze zu teilen, phasenweise inTeilzeit zu arbeiten oder im Rentenalterdie eigene Praxis zu verkaufen. „Dasist einfach eine attraktive Variante fürdie jüngere Generation von Medizinern,sie können so ihre Erwerbsbiografienflexibel gestalten“, sagt Prof. Griewing.Vernetzung zahlt sich aber auch für dieVersicherten aus, wie das Beispiel derbundesweit acht Prosper-Netze zeigt,die von der Knappschaft als Kostenträger initiiert wurden. Das erste Prosper-Netz ging 1999 in Bottrop an denStart. „Es müssen sich ausreichend vieleVersicherte finden, die sich einschreiben“, erklärt Prosper-Koordinator FrankKutscher. Die Knappschaft als Krankenversicherung der Bergleute mit einemeigenen Pool von Knappschaftsärztenjedenfalls verfügte über eine geeigneteBasis für ein krankenkassenzentriertesGesundheitsnetzwerk, das besondereVersorgung nach SGB V § 140a anbietet.Bei Prosper handelt es sich um einVollversorgungsnetz: Die Versichertenschreiben sich aktiv ein und verpflichtensich, grundsätzlich zunächst einenNetz-Hausarzt aufzusuchen. Dieser koordiniert die nahtlose und abgestimmteBehandlung bei Fachärzten, in Krankenhäusern und angeschlossenen Rehakli-

GESUNDHEITSNET ZWERKEniken. Als Anreiz winken bis zu 100 EuroPrämie pro Jahr. „Wie können wir alsKrankenkasse die Versorgung verbessernund gleichzeitig die Kosten reduzieren?“,beschreibt Kutscher die Hauptmotivation hinter Prosper. Immerhin könne manmit besserer Koordination in Form vonManaged Care und Netzwerkkonferenzen die allgemeine den und die Notfallambulanzender Krankenhäuser entlasten.Ärztenetze für bessere VersorgungsqualitätDass eine engere Vernetzung derAkteure der Versorgungsqualität zugutekommt, lässt sich auch im ÄrztenetzMedizin und Mehr (MuM) in Bündebeobachten. Der niedergelassene Chir-urg und MuM-Gründer Dr. Hans-JürgenBeckmann schildert dies am Beispielder Adipositas-Chirurgie. So haben dieNetzärzte ein multimodales Konzept zurnachhaltigen Vor- und Nachbereitungbariatrischer Eingriffe entwickelt. Siekümmern sich um Ernährungsberatung,Bewegungstherapie sowie psychologische Begutachtung und arbeiteneng mit den entsprechenden Krankenhausabteilungen zusammen, in denenstark übergewichtige Patientinnen undPatienten in einem operativen Eingriffeinen Schlauchmagen, ein Magenbandoder einen Magenbypass erhalten.MuM wurde bereits 1995 gegründetund ist damit das älteste ununterbrochen bestehende Ärztenetz. Esist eines der wenigen Ärztenetze, dasEin bunter Flickenteppich verschiedener NetzwerkmodelleGesundheits-Campus: Das Gesundheitsnetzwerk hat miteinem Krankenhaus einen zentralen Anlaufpunkt, in dem dieVersorgung koordiniert wird und von wo aus die verschiedenenumliegenden Leistungserbringer eingebunden werden. Beispiele:der Gesundheitscampus Sauerland in Balve (www.gesundheitscampus-sauerland.de) oder der Rhön-Campus, den dieRhön-Klinikum AG im ehemaligen Kreisklinikum Bad Neustadterrichtet (www.campus-nes.de – ab Frühjahr 2019).Ärztenetz: Eine Gruppe von ambulant tätigen Ärztinnen undÄrzten behandelt koordiniert und im professionell gemanagtenVerbund die Menschen einer Region. Hierfür erarbeitet dasNetz Behandlungspfade sowie Qualitätsrichtlinien und pflegtden regelmäßigen Austausch untereinander, zu anderen Leistungserbringern sowie zu Kliniken. Viele Ärztenetze sind auchdigital untereinander vernetzt. Beispiele: Medizin und Mehrin Bünde (www.mum-buende.de), Gesundheitsnetz Osthessen(www.gesundheitsnetzosthessen.de) oder Gesundes Kinzigtal(www.gesundes-kinzigtal.de).auch die Kriterien der KassenärztlichenVereinigung für förderungswürdigePraxisnetze (§ 87b Abs. 4 SGB V) erfüllt.„Wir sind heute professioneller alsdamals aufgestellt und haben allein30 Angestellte, die sich um die Netzarbeit kümmern“, erzählt Dr. Beckmann.Die beteiligten Ärztinnen und Ärztenutzen definierte Behandlungspfade, dokumentieren Fehler in einemeigenen Critical Incident ReportingSystem (CIRS) und tauschen sich beiregelmäßigen Treffen untereinanderaus. Auf Vorstandsebene pflegt MuMauch vertrauensvolle Kontakte zu denKrankenkassen und den Krankenhäusern der Umgebung. „Wenn man aufKonfrontationskurs geht, kann mannicht erfolgreich sektorenübergreifendarbeiten“, sagt der MuM-Gründer.Versichertennetz: In einem Gesundheitsnetzwerk unter demDach einer Krankenkasse arbeiten niedergelassene Haus- undFachärzte sowie Akutkrankenhäuser und Rehakliniken nachdefinierten Standards zusammen und behandeln eingeschriebene Versicherte. Beispiel: das in acht Regionen in Deutschlandaktive Prosper-Netz der Knappschaft (www.knappschaft.de/prosper).Netzwerk zur nachstationären Versorgung: Damit Patientinnen und Patienten nach einem Klinikaufenthalt unmittelbar mitden erforderlichen Heil- und Hilfsmitteln geeigneter regionalerAnbieter versorgt sind, unterstützt eine Koordinierungsstelleden Sozialdienst beim strukturierten Überleitmanagement inden ambulanten Sektor. Beispiel: Überleitungs- und Entlassmanagement im Gesundheitsnetz Bielefeld (www.gesundheitsnetz-bielefeld.dev) und an der Uniklinik Tübingen (geplant).01/197

8GESUNDHEITSNET ZWERKE„Es ist in der Politik langsam angekommen, dass Netze für die medizinischeVersorgung einer Region wichtig sind“,meint Dr. Beckmann, „die politischenRahmenbedingungen haben sich verbessert.“ Doch ein wichtiger Schritt fehltseiner Meinung nach – und auch ausSicht der Agentur Deutscher Arztnetze(www.deutsche-aerztenetze.de) – nochzur Gleichberechtigung von Ärztenetzengegenüber Krankenhäusern: „Ärztenetzesollten ebenso wie Kliniken die Möglichkeit haben, frei werdende Arztsitzeaufzukaufen. Doch dafür brauchen sieden Status als Leistungserbringer nachdem Sozialgesetzbuch.“Regionale BedürfnisseOb Campus-Modell, Ärztenetz oder Versichertennetz – allen Varianten ist gemein,dass sie in ihrer Struktur und Arbeitsweise eng mit den jeweiligen regionalenGegebenheiten verknüpft sind. Kein Modell eignet sich deshalb als Blaupause fürandere Regionen mit ihren spezifischenRahmenbedingungen. „Man kann maximal 75 Prozent unserer Netzstruktur aufandere Gegenden übertragen“, schätztDr. Beckmann, „die restlichen 25 Prozentsind aber höchst individuell und müssenvor Ort erarbeitet werden.“ Die anderenExperten teilen seine Einschätzung. Auchin einem weiteren Punkt sind sich dieNetzwerk-Profis einig: Generell entfaltenGesundheitsnetzwerke ihre Stärke vorallem im ländlichen Raum, wo die Entfernungen groß sind und die Arztdichtegering ist. „In Metropolregionen wie Kölnoder Hamburg gibt es einfach zu vieleverschiedene Akteure, als dass man siealle in einem Gesundheitsnetzwerk aneinen Tisch bekäme“, meint der BeraterProf. Röder.01/19IT-Voraussetzungen: Vernetzung lebt vom DatenaustauschWer sich zu einem Gesundheitsnetzwerk zusammenschließen will, muss nichtdarauf warten, bis die Telematikinfrastruktur der Selbstverwaltung endlichfür die Anwender zur Verfügung steht. Auch eine zentral gespeicherteelektronische Patientenakte ist nicht zwingend erforderlich. So nutzen die44 Praxen im Ärztenetz MuM für Videokonferenzen und den netzinternensicheren Austausch von Patientenbefunden oder Röntgenbildern das Videokonferenzsystem ‚elVi’. Das Ärztenetz beteiligt sich auch an diversen telemedizinischen Förderprojekten. Unabhängig davon nutzen alle Arztpraxenweiterhin ihre bestehenden EDV-Systeme – was die Akzeptanz der elektronischen Vernetzung eindeutig verbessert.Auch am Gesundheits-Campus in Bad Neustadt will man beim Start imFrühjahr 2019 ebenfalls auf die elektronische Vernetzung der Beteiligten viaVideosprechstunde und Telemedizin setzen. Im Prosper-Netz der Knappschafthingegen sind die beteiligten Arztpraxen, Krankenhäuser und Reha-Klinikennoch nicht elektronisch vernetzt.

ENTL ASSMANAGEMENTChancen für ambulante Versorger:Leistungen anbietenVon Andrea ThöneKooperationen, Netzwerke, Entlassmanagement – es wird enger zusammengerückt in der Gesundheitsversorgung. Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz aus 2015 hat der Gesetzgeber den Anspruch derVersicherten auf eine strukturierte Entlassung konkretisiert. Damit sind Krankenhäuser verpflichtet, dieEntlassung ihrer Patienten zu koordinieren. Welche Dynamik sich daraus für ambulante Versorger ergibt, darüber spricht „HealthCare Journal“ mit dem Geschäftsführer des Homecare-Versorgers PVM undPro-Patient-Netzwerks, Markus Wendler aus Bielefeld.01/199

10ENTL ASSMANAGEMENTMarkus WendlerPro Patient OWL (Netzwerk)E-Mail: [email protected] Oktober 2017 besteht der Rahmenvertrag mit genauen Anforderungen zum Entlassmanagement. WelcheAuswirkungen hat das auf Sie als Gesundheitsversorger?Markus Wendler: Die gesetzliche Änderung ist auf jeden Fallzu begrüßen. Im Rahmen der immer kürzeren Liegezeitenstellen Entlassungen von multimorbiden Patienten häufig einegroße Belastung für die Angehörigen da.Die in Deutschland bei Änderungen immer einhergehendenbürokratischen Aufwendungen, die nicht homogenisiertenGesetze, der immer über allem kreisende § 299 zur Bestechlichkeit sowie die Verschärfung der Datenschutzverordnungtragen aber genauso dazu bei, dass im Zusammenspiel derSektoren große Ängste und Verunsicherungen herrschen.So hat die Vorgabe, im Krankenhaus nur mit Muster 16 zuverordnen, zu Verwirrung geführt.Gibt es eine Patientengruppe, für die ein Entlassmanagement besonders schwierig ist?Die multimorbiden Patienten bringen den umfänglichstenVersorgungsaufwand mit sich. Auch weil diese Patientendurch die demografische Entwicklung immer älter werden. Einmit 65 entlassener Patient mit Oberschenkelfraktur ist vonseiner Grundkonstitution nun mal stärker als der Patient mit80 Jahren. Auch braucht dieser mehr Unterstützung durch dieAngehörigen oder Pflegekräfte.Zusätzlich nimmt der Bedarf an technischer Versorgung, wiez. B. Pflegebetten, immer mehr zu. Das trifft auch auf übergewichtige Patienten zu. Die Verfügbarkeit der Produkte und dieAbwicklung mit den Krankenkassen sind häufig sehr schwierig,vor allem aber langwieriger.Eine Umfrage von consus clinicmanagement hat gezeigt,dass die meisten Kliniken über Mehrarbeit klagen. Wie istIhre Wahrnehmung in der Region dazu?Wir erleben genau das. Die Sozialdienste in den Klinikenmüssen noch mehr Zeit für Beratung, Dokumentation, abervor allem auch als Schnittstelle zu den ambulanten Versorgernaufwenden.Ist dafür genügend Geld im System?Generell haben wir genug Geld im System. Wir müsstendieses nur sinnvoll und effizient einsetzen. In einer Neuregelung des Entlassmanagements sollten Ausschreibungenaufgehoben werden. Derzeit müssen Medizinprodukte vonunterschiedlichsten Versorgern über eine Entfernung von200 km in ein Patienten-Entlassmanagement integriertwerden.Bisher wurden die komplexen Versorgungen auf einer ArtDIN-A4-Vordruck verordnet, die von jedem Arzt unterschrieben werden konnte. Hier wurden auch eine abweichendeLieferanschrift, Ansprechpartner bzw. versorgungsrelevanteInformationen, wie z. B. Sauerstoffbedarf, Größe und Gewichtdes Patienten vermerkt. Durch die Umstellung auf Muster 16„rosa Rezept“, muss nun ein separates Datenblatt erstellt undmit der Verordnung übermittelt werden. Auch dürfen nun nurnoch Chefärzte und festgelegte Vertretungsärzte unterschreiben. Diese sind aber nicht immer verfügbar.Wo liegen die größten Herausforderungen, aber vielleichtauch Chancen für ambulante Versorger?Diese liegen eindeutig in der Sicherstellung des kurzfristigenVersorgungsprozesses. Wenn wir viel Vorlauf haben, sindes 48 Stunden. In der Regel haben wir von der Information der Entlassung bis zur Belieferung aber nicht mehr als24 Stunden Vorlauf. In dieser Zeit muss der individuelleVersorgungsbedarf des Patienten ermittelt, der Vorgang erfasst und ein individueller Liefertermin mit den Angehörigenabgestimmt werden. Grundvoraussetzung ist hierbei immer01/19

ENTL ASSMANAGEMENTdie Verfügbarkeit der benötigten Medizinproduktesowie der notwendigen Logistik. Dieses bedingteben zwingend regionale Versorgungsstrukturen.Was können Sie anderen ambulanten Versorgungsanbietern raten?Bieten Sie den Kliniken in Ihrer Region alle für dieSicherstellung der nachstationären Versorgungnotwendigen Leistungen über einen zentralenAnsprechpartner in einem digitalen Prozess an.Entlasten Sie die Klinikverwaltung sowie die Sozialdienste und Stationen maximal, stellen Sie sichselbst aber auf die kurzfristige Sicherstellung derLeistungen ein.Wirtschaftlich, Versorgungsqualität steigernd und rechtssicherEntlass- und Versorgungsmanagement versprechen Rechtssicherheit – dem Krankenhaus im Umgang mit Versorgungspartnernund den Patienten im Hinblick auf die Versorgungsqualitätbeziehungsweise den Anspruch auf Weiterversorgung. Der Gesetzgeber erhofft sich eine größere Transparenz über Strukturenund Versorgungsleistungen mit Qualitätskontrollen. Die sektorenübergreifende Versorgung ist durch zwei Paragrafen geregelt:Das Entlassmanagement aus § 39 Abs. 1a Sozialgesetzbuch (SGB) Vverpflichtet Krankenhäuser, die – wie der Name schon sagt – Entlassung eines Versicherten beim Übergang in die ambulante Versorgung zu koordinieren. Der ebenfalls neue § 11 Abs. 4 SGB V zumVersorgungsmanagement verpflichtet alle Leistungserbringer, füreine sachgerechte Anschlussversorgung eines Patienten zu sorgen.Dies umfasst auch die fachärztliche Anschlussversorgung. BeideDienstleistungen sind bindend und werden nicht extra vergütet.Krankenhäusern entstehen aus dem Entlass- und VersorVersorgungsmanagement viele Verpflichtungen: Der Entlassplan mitMedikationsplan, Erstverordnung und Versorgungsbedarf ist inder Patientenakte zu hinterlegen. Idealerweise sollte Kontaktzu Weiterversorgern und Ansprechpartnern der Krankenkassenaufgebaut werden. Bestandteil ist auch die Verordnung von ArzArznei-, Verband-, Heil- und Hilfsmitteln, häuslicher Krankenpflegeoder Soziotherapie durch Krankenhausärzte mit abgeschlossenerFacharztweiterbildung, um die nahtlose Versorgung für einenZeitraum von bis zu sieben Tagen sicherzustellen. Bei VerordnunVerordnungen und der Feststellung der Arbeitsunfähigkeit gelten der gesetzgesetzlichen Regelung zufolge die Bestimmungen der vertragsärztlichenVersorgung.Eine Online-Umfrage von consus clinicmanagement sieht großeVorbehalte in der Umsetzung. Nach eigenen Angaben haben 289Klinikmitarbeiter teilgenommen. 92 Prozent der Teilnehmer bebestätigen einen Mehraufwand, 62 Prozent sprechen von erheblichmehr Bürokratie, beispielsweise aufwendiger Dokumentation – zuLasten der Patientenversorgung. Insgesamt kritisiert wird dasDefizit in der Digitalisierung (71 Prozent).01/1911

12ERNÄHRUNGSMANAGEMENTBedarfsgerechte Ernährung im Seniorenheim:Mehr Appetit mitEnergy Drinksund LieblingsessenVon Gunnar RömerDer Begriff Ernährungsmanagement klingt kühl wissenschaftlich. Etwas wie „Kostensenkung“ und „Rationalisierungsinvestition“. Dass dahinter auch ein sehr individuelles,die Wünsche der Bewohner einbeziehendes Konzept stehenkann, zeigt ein Blick ins Josef-Ecker-Stift im rheinland-pfälzischen Neuwied. In regelmäßigen BMI-Runden werdenstarke Abweichungen vom Normalgewicht identifiziert.Dem begegnet man zum Beispiel mit selbstgemachten Energy-Drinks auf Fruchtbasis. Auch ansonsten gilt: KulinarischeSonderwünsche sind ausdrücklich erbeten. Denn sie stärkennicht nur die Zufriedenheit, auch Unterernährung lässt sich oft wirksammit kleinen Änderungen imSpeiseplan beseitigen.01/19Rainer Marquardt* hat etwas zugenommen. Die graue Anzugshose passt wiederwie angegossen. Vor drei Monatennoch musste der 84-jährige Koblenzerseinen Gürtel bis zum Anschlag festziehen, wenn er zu den regelmäßigenTanzveranstaltungen gehen wollte, diedas Josef-Ecker-Stift – eine Einrichtungder Marienhaus Kliniken GmbH – seinenBewohnern anbietet. Vor rund einemhalben Jahr ist der pensionierte Lehrer indie Neuwieder Seniorenresidenz gezogen.Freiwillig, aber deutlich abgemagert.„Eine zum Glück überstandene Tumorerkrankung und starke Rückenschmerzenhatten mir den Appetit geraubt und bisheute ist dieser nicht wieder komplettzurückgekehrt“, so Marquardt. „Aberhier schmeckt mir das Essen einfach gut,sodass ich wieder etwas zugenommenhabe.“ Zu Beginn seines Aufenthalts erfolgte das obligatorische Erstaufnahmegespräch. „Die individuellen Speisewünsche der Bewohner haben für uns vonAnfang an einen hohen Stellenwert“, sagtAngelika Seifert, Pflegedienstleitung imJosef-Ecker-Stift. „Die bedürfnisgerechteErnährung entscheidet letztendlich überden Erfolg“, ergänzt Peter Merz, Mitarbeiter der TransCare Service GmbH.Er führt regelmäßige Seminarezu den Expertenstandardsdurch, mindestens einmaljährlich finden diese verpflichtend statt. „Siestellen aber nur einGrundgerüst dar, diekonkrete Umsetzungobliegt uns“, stelltKüchenleiterinWaltraud Bless klar.Und dabei stehenGeschmackundWohlbefindenderBewohner im Mittelpunkt.* Es handelt sich um einen fiktiven Bewohner.

ERNÄHRUNGSMANAGEMENTDie Biografie der Bewohner berücksichtigenMarquardt erinnert sich noch an dieFragen, die ihm und seinen beidenKindern am ersten Tag gestellt wurden:„Ich war überrascht, für was sich dieAngestellten alles interessieren.“ HabenSie besondere Wünsche? Was ist ihrLieblingsessen? „Fast wie im Restaurant“, wundert sich der Pensionär. Dabeierleben die Angestellten regelmäßig,dass das Wissen der Angehörigen überdie kulinarischen Vorlieben der Bewohner veraltet ist. „Die Aussage, dass dieMutter ein Leben lang gern Leberwurstgegessen hat, kann da schnell einmalan Wahrheitsgehalt einbüßen“, so Merz.Rainer Marquardt ist froh, überhauptwieder etwas Appetit zu verspüren.Sein BMI lag anfangs mit 19 kg/m2 unterdem von der Deutschen Gesellschaftfür Ernährungsmedizin für ältere Menschen empfohlenen Wert von 20 kg/m2.In Neuwied geht man auf Nummersicher. „Wir haben die 21 kg/m2 alsReferenzwert etabliert, darunterliegende Bewohner beobachten wirdurchwöchentlicheGewichtsmessungen“, so Gabriele Ogon, Qualitätsmanagementbeauftragte der Einrichtung. Biografische Faktoren werdendabei mit einbezogen. Rainer Marquardterinnert sich: „Ich wurde nach meinerfrüheren Figur und der Kleidergrößegefragt. Dick war ich zwar nie, aberam Beginn meiner Zeit hier war ich imGegensatz zu früher schon deutlich abgemagert.“ Anders sieht es bei Personenaus, die schon immer sehr dünn waren.„Solche Bewohner werden zunächsteinmal nicht gesondert beobachtet,sondern wie üblich einmal monatlichgewo

die von der Knappschaft als Kosten-träger initiiert wurden. Das erste Pros-per-Netz ging 1999 in Bottrop an den Start. „Es müssen sich ausreichend viele Versicherte finden, die sich einschrei-ben“, erklärt Prosper-Koordinator Frank Kutscher. Die Knappschaft als Kranken-versicherung de