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Beitrag der Landwirtschaft undder Agrarpolitik zur Vitalität undAttraktivität des ländlichen RaumsSchlussbericht, 29. März 2016zuhanden des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW)Forschung und Beratungin Wirtschaft und PolitikBerner FachhochschuleHochschule für Agrar-, Forst- undLebensmittelwissenschaften HAFLFachgruppe Agrarwirtschaft

ImpressumEmpfohlene oplan und Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFLBeitrag der Landwirtschaft und der Agrarpolitik zur Vitalität und Attraktivität des ländlichenRaumsBundesamt für Landwirtschaft (BLW)Bern29. März 2016BegleitgruppeSusanne Menzel (Projektleiterin, BLW)Daniel Arn (BAFU)Annette Christeller Kappeler (SECO)Olivia Grimm (ARE)Franziska Grossenbacher (BLW)Werner Harder (BLW)Olivier Roux (BLW)Mauro Ryser (BLW)Projektteam Ecoplan und BFH-HAFLStefan Suter (Projektleitung - Ecoplan)Michael Mattmann (stv. Projektleitung - Ecoplan)Thomas Bachmann (Ecoplan)Elvira Hänni (Ecoplan)Andreas Hochuli (BFH-HAFL)Mario Huber (BFH-HAFL)Der Bericht gibt die Auffassung des Projektteams wieder, die nicht notwendigerweise mit derjenigen des Auftraggebers bzw. der Auftraggeberin oder der Begleitorgane übereinstimmen muss.Ecoplan AGBerner FachhochschulenForschung und Beratungin Wirtschaft und PolitikHochschule für Agrar-, Forst- undLebensmittelwissenschaften HAFLwww.ecoplan.chwww.hafl.bfh.chMonbijoustrasse 14CH - 3011 BernTel 41 31 356 61 [email protected]änggasse 853052 ZollikofenTel. 41 31 910 21 [email protected]ützengasse 1PostfachCH - 6460 AltdorfTel 41 41 870 90 [email protected]

ng. 2Erkenntnisse der Begleitgruppe zur vorliegenden Studie . 9Inhaltsverzeichnis .12Abkürzungsverzeichnis .151Einleitung .162Vitalität und Attraktivität des ländlichen Raums .223Definition und Operationalisierung von Landwirtschaft und Agrarpolitik .574Konzeptionelle Überlegungen zu Wirkungen von Landwirtschaft undAgrarpolitik .705Grundlagen und Methodik der statistischen Analysen .796Landwirtschaft, Agrarpolitik und Vitalität des ländlichen Raums .857Landwirtschaft, Agrarpolitik und Attraktivität des ländlichen Raums .1038Schlussfolgerungen .1189Anhang A: Attribute von Vitalität und Indikatoren zur Operationalisierung .12910Anhang B: Attribute von Attraktivität und Indikatoren zurOperationalisierung .14111Anhang C: Ergebnisse Workshop I zu den Wirkungen von Landwirtschaftund Agrarpolitik, 26.02.15 .16012Anhang D: Detaillierte Resultate deskriptive Analyse .16313Anhang E: Detaillierte Resultate Regressionsanalyse .17714Anhang F: Verzeichnis der verwendeten Daten.199Literaturverzeichnis .2011

ECOPLANKurzfassungKurzfassungFragestellung der vorliegenden StudieDie Landwirtschaft trägt mit ihren Leistungen zur Attraktivität und Vitalität des ländlichenRaums als Wirtschafts- und Wohnstandort sowie als Erholungsraum bei. Die Leistungen derLandwirtschaft werden ihrerseits massgeblich durch die Instrumente und Massnahmen der Agrarpolitik beeinflusst. Die Wirkungszusammenhänge sind aber komplex, wechselseitig undnicht immer eindeutig. Empirisch gut abgestützte Aussagen zu ihnen sind nicht in ausreichendem Masse verfügbar. Vor diesem Hintergrund hat das Bundesamt für Landwirtschaft die vorliegende Studie mit folgenden Fragestellungen lanciert: Wie lassen sich „Vitalität“ und „Attraktivität“ im Kontext des ländlichen Raums definieren? Welche quantitativ messbaren Indikatoren sind geeignet, um Vitalität und Attraktivität abzubilden? Wie sehen ausgehend von der Ausprägung solcher Indikatoren die Vitalität und die Attraktivität des ländlichen Raums aus? Wie beeinflussen die Landwirtschaft und agrarpolitische Instrumente und Massnahmen dieVitalität und Attraktivität des ländlichen Raums?Definition und Messung von Vitalität und Attraktivität des ländlichenRaumsDie in dieser Studie vorgenommene eigene Definition von „Vitalität“ und „Attraktivität“ basierteinerseits auf einer Auslegeordnung zur aktuellen Verwendung der beiden Begriffe und andererseits auf den Erkenntnissen aus einem Workshop mit Expertinnen und Experten aus demLandwirtschaftsbereich. Zur Operationalisierung der beiden Begriffe ist auf öffentlich verfügbare Indikatoren zurückgegriffen worden. Mit Blick auf die durchzuführenden quantitativenAnalysen standen Indikatoren auf der Gemeindeebene im Vordergrund. Neben der Definitiongeeigneter und v.a. quantitativ messbarer Indikatoren stellte die Vielschichtigkeit der beidenBegriffe eine Herausforderung für deren Messung dar: Bei der Vitalität ist zwischen den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit, Gesellschaft (vitaleBevölkerung, lebendige Zivilgesellschaft und intaktes Zusammenleben, Gesundheit und soziale Situation der Bevölkerung), Wirtschaft (Wettbewerbsfähigkeit) und Ökologie (intaktes und resilientes Ökosystem) zu unterscheiden. Bei der Attraktivität sind drei unterschiedliche Optiken relevant: Attraktivität eines Gebietesals Wohnstandort (Service Public und Grundausstattung, Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten, natur- und kulturräumliche Vielfalt, Einkommenssituation und Steuerbelastung),als Wirtschaftsstandort (Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte, ressourcen- und wirtschaftsbezogene Infrastrukturausstattung) und als Freizeit- und Erholungsraum (verkehrstechnische Erreichbarkeit, touristische Infrastruktur und Angebote).Schliesslich sind je 13 Einzelindikatoren bestimmt und verwendet worden, um die Vitalität unddie Attraktivität des ländlichen Raums oder eines Teilgebietes davon zu erfassen.2

ECOPLANKurzfassungDie Vitalität und Attraktivität des ländlichen RaumsDie beiden folgenden Abbildungen weisen die Vitalität und Attraktivität des ländlichen Raumsbeispielhaft auf Stufe Gemeinde aus. Da die verwendeten Indikatoren auf Gemeindeebeneverfügbar sind, könnte die Messung auch für grössere Gebiete bestehend aus mehreren Gemeinden erfolgen. Die richtige Perimeterwahl bzw. die relevante Gebietsdefinition ergibt sichaus dem konkreten Zweck einer Vitalitäts- bzw. einer Attraktivitätsmessung.Abbildung K-1:Die Vitalität des ländlichen Raums nach GemeindenVitalität insgesamtGesellschaftliche VitalitätWirtschaftliche VitalitätÖkologische VitalitätDie Karte zur Vitalität insgesamt zeigt, dass in allen Regionen des ländlichen Raums derSchweiz vitale und weniger vitale Gemeinden zu finden sind. Es ergibt sich aber eine gewisseKonzentration auf das Hügel- und Berggebiet sowie auf eher peripher gelegene Gebiete. Wirdnach den einzelnen Dimensionen von Vitalität ausgewertet, ergeben sich jeweils deutlichereUnterschiede in der räumlichen Verteilung. So finden sich etwa ökologisch vitale Gebiete ausgeprägt im Jura und im Alpenraum.3

ECOPLANKurzfassungAuch bei der Attraktivität von Gemeinden des ländlichen Raums resultieren unterschiedlicheräumliche Verteilungsmuster, je nachdem welche Optik von Attraktivität bei der Beurteilungeingenommen wird. Auffallend ist bspw. die starke Konzentration der Gemeinden mit hoherAttraktivität als Wirtschaftsstandort im Mittelland. Der Vergleich mit Abbildung K-1 zeigt einenfür die vorliegende Studie wichtigen Zusammenhang: Ökologisch vitale Gemeinden weiseneine vergleichsweise tiefe Attraktivität als Wirtschaftsstandort auf, und umgekehrt.Abbildung K-2:Die Attraktivität des ländlichen Raums nach GemeindenAttraktivität insgesamtAttraktivität als WohnstandortAttraktivität als WirtschaftsstandortAttraktivität als Freizeit- und ErholungsraumDie Gemeinden mit hohen Werten bei allen drei Optiken von Attraktivität („Attraktivität insgesamt“) sind stark von Eigenschaften verhältnismässig urbaner Gemeinden geprägt: Hohe Bevölkerungszahl mit hohem Ausländeranteil Kleine Gesamtfläche mit hoher Bevölkerungsdichte Tiefer Anteil an unproduktiver Fläche (Gebirge und Seen) und grosser Anteil Verkehrsfläche Starker 3. Sektor: Hoher Anteil von privatwirtschaftlichen Dienstleistungen, Handel und Verkehr4

ECOPLANKurzfassungZusammenhänge zwischen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Vitalitätbzw. Attraktivität des ländlichen RaumsDie Landwirtschaft übernimmt im ländlichen Raum neben der Nahrungsmittelproduktion weitere Funktionen, wie die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, die Pflege der Kulturlandschaft, die dezentrale Besiedelung des Landes und die Bewirtschaftung von naturnahenFlächen.Zur Wahrnehmung dieser Funktionen bzw. zur Erreichung der mit ihnen verbundenen Zielewird die Landwirtschaft über verschiedene agrarpolitische Fördermassnahmen unterstützt. Dievorliegende Studie fokussiert auf die Direktzahlungen und auf die Beiträge für Strukturverbesserungen. Deren jährliches finanzielles Volumen beläuft sich auf rund 3 Mrd. CHF. Runddrei Viertel dieser Zahlungen fliessen in den ländlichen Raum. Die Zahlungen sind für denländlichen Raum von grosser Bedeutung: Die grobe Finanzflussanalyse kommt zum Schluss,dass die Zahlungen aus der Agrarpolitik insgesamt rund ein Drittel der Fördermittel ausmachen, die dem ländlichen Raum über die Bundesebene zufliessen.Die Landwirtschaft über ihre Leistungen, aber auch die Agrarpolitik über ihre Zahlungen unddie damit verbundenen Anreize wirken über verschiedene, mehr oder weniger komplexe Wirkungszusammenhänge auf die Vitalität und Attraktivität des ländlichen Raums ein. Die folgende Abbildung gibt einen synoptischen Überblick über die wichtigsten Einwirkungen auf dieVitalität und Attraktivität, wie sie in diesem Bericht im Sinne einer Konvention definiert wordensind. Von ihrer Wirkungsrichtung her finden sich positive und negative Einwirkungen.Abbildung K-3:Wirkungen der Landwirtschaft und der agrarpolitischen Fördermassnahmenauf die Vitalität und Attraktivität des ländlichen RaumsVitalitätAttraktivitätGesellschaftliche Vitalität– Landwirtschaftliche Tradition– Landwirtschaftliche BevölkerungAttraktivität als Wohnstandort– Landschaftsqualität– Landschaftsbild– Arbeits- und AusbildungsplätzeWirtschaftliche Vitalität– Beschäftigungswirkung aus Investitionen und aus – Emissionen (Lärm)Produktion in allen drei WirtschaftssektorenAttraktivität als Wirtschaftsstandort– Wirtschaftsstruktur, Diversifizierung– Wirtschaftsstruktur: Wirtschaftliche Vielfalt– Einkommenswirkung, SteuersubstratÖkologische Vitalität– Biodiversität– Bodenverbrauch– Kulturlandentwicklung– Emissionen (z.B. Ammoniak, Phosphat)Attraktivität als Freizeit und Erholungsraum– Touristische Vielfalt (Angebot)– Touristische Infrastruktur, Erschliessung mit Wegen– Landschaftsqualität– LandschaftsbildZur Ermittlung der Zusammenhänge wurden zwei Verfahren angewendet, eine deskriptivestatistische Analyse und eine Regressionsanalyse mittels linearer OLS-Modelle. In Kapitel5 und zusammenfassend in Abschnitt 8.2 des Haupttextes werden das methodische Vorgehen5

ECOPLANKurzfassungund die damit verbundenen Vor-und Nachteile im Detail beschrieben bzw. diskutiert. Die Ergebnisse der statistischen Analysen sind in den Kapiteln 6 und 7 des Haupttextes ausführlichdargestellt. Sie lassen sich wie folgt zusammenfassen:Sind Gemeinden mit starker Landwirtschaft vitaler als andere Gemeinden des ländlichen Raums? Wird die Vitalität insgesamt betrachtet, sind Gemeinden mit hohem landwirtschaftlichemOutput in der Summe verhältnismässig vital. Ausnahme bildet der landwirtschaftliche Output aus der Bewirtschaftung von Ackerflächen, der einen negativen Zusammenhang mit derVitalität aufweist. Viele vitale Gemeinden liegen in Hügel- und Berggebieten, die für denAckerbau verhältnismässig unattraktiv, für die übrigen Arten der Landwirtschaft (z.B. Tierhaltung) aber gut geeignet sind. Der Zusammenhang insgesamt ist aber nur schwach ausgeprägt und weist eine grosse Streuung auf. Zwischen der gesellschaftlichen Vitalität und der landwirtschaftlichen Prägung sowieLeistung besteht ein positiver Zusammenhang. Die Landwirtschaft hat in gesellschaftlichvitalen Gemeinden eine viel höhere Bedeutung als in gesellschaftlich wenig vitalen Gemeinden: Das vitalste Fünftel der ländlichen Gemeinden ist mehr als doppelt so stark landwirtschaftlich geprägt als das am wenigsten vitale Fünftel. Daraus darf aber nicht der Schlussgezogen werden, dass die gesellschaftliche Vitalität so hoch ist, weil das Gebiet derart starklandwirtschaftlich geprägt ist. Denn: Der statistisch nachweisbare Zusammenhang zwischen den landwirtschaftlichen Variablen und der gesellschaftlichen Vitalität, wie sie in dieser Studie definiert worden ist, ist eher gering. Einen starken Einfluss haben im Regressionsmodell die Kontrollvariablen (v.a. Bevölkerungsgrösse, Bevölkerungsdichte und Steuerbelastung). Wir finden in unserer Analyse also keinen Hinweis, dass die Landwirtschaft generell grossen Einfluss auf die gesellschaftliche Vitalität des ländlichen Raums hat – so wiediese in der vorliegenden Studie definiert worden ist. Noch am stärksten ist der Einfluss instark landwirtschaftlich geprägten Gemeinden. Bei der wirtschaftlichen Vitalität ergibt sich aus den statistischen Analysen, dass wirtschaftlich starke bzw. vitale Gemeinden vergleichsweise wenig landwirtschaftlich geprägtsind, und umgekehrt. Anders sieht es bei der ökologischen Vitalität aus. Hier zeigen die Analysen einen deutlichpositiven Zusammenhang. Allerdings sind es auch hier v.a. topographische und geographische Strukturmerkmale und weniger landwirtschaftliche Variablen, die den positiven Zusammenhang ausmachen: Ökologisch vitale Gemeinden weisen Merkmale von Gemeindenim Hügel- und im Berggebiet auf. Hier spielen naturgemäss die Landwirtschaft und der Tourismus eine wichtige Rolle. Oder anders gesagt: Die Gemeinden sind nicht ökologisch vital,weil sie landwirtschaftlich geprägt sind. Vielmehr weisen ökologisch vitale GemeindenStrukturmerkmale auf die bewirken, dass in diesen Gemeinden auch die Landwirtschafteine wichtige Rolle spielt. Dies zeigt sich auch darin, dass in ökologisch vitalen Gemeindender landwirtschaftliche Output stark von Wiesen und Weiden und von der Tierhaltung bestimmt wird, beides typische Merkmale der Landwirtschaft im Hügel- und Berggebiet.6

ECOPLANKurzfassungSind Gemeinden mit starker Landwirtschaft attraktiver als andere Gemeinden desländlichen Raums? Nein, denn anders als bei der Vitalität zeigt sich bei der Attraktivität insgesamt ein deutlichnegativer statistischer Zusammenhang. Auch hier darf nicht von einer Kausalität ausgegangen werden. In abgelegenen Gemeinden bestehen vergleichsweise gute Voraussetzungenfür landwirtschaftliche Aktivitäten, hingegen sind die Voraussetzungen für eine hohe Attraktivität als Wohn- und Wirtschaftsstandort beschränkt (z.B. wegen schlechterer Erreichbarkeit, geringerem Arbeitskräftepotential, weniger Arbeitsplätzen, etc.). Die landwirtschaftlichen und agrarpolitischen Variablen korrelieren im Regressionsmodell mit der Attraktivitäteiner Gemeinde nur schwach, Kontrollvariablen wie die Bevölkerungsdichte und die Gesamtfläche deutlich stärker. Die Attraktivität einer Gemeinde des ländlichen Raums wirdalso primär durch strukturelle Variablen ausserhalb der Landwirtschaft bestimmt. Der Einfluss der Landwirtschaft ist begrenzt. Die Analyse kommt auch nicht zum Schluss, dass Gemeinden mit starker Landwirtschaftattraktivere Wohnstandorte sind. Das Ergebnis ist vor allem auf die in dieser Studie verwendeten Attraktivitätsindikatoren Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen, Dienstleistungsangebote und Einkommenshöhe zurückzuführen, welche in jenen Gemeinden niedrigere Werteaufweisen, in denen die Landwirtschaft stark vertreten ist. Insbesondere als Wirtschaftsstandorte weisen stark landwirtschaftlich geprägte Gemeinden vergleichsweise niedrige Attraktivitätswerte auf. Dies hängt damit zusammen, dass diewirtschaftsrelevanten Standortfaktoren in den urbaneren Gemeinden des ländlichen Raumsattraktiver ausgeprägt sind als in den ruraleren Gemeinden. Diese Optik von Attraktivitätwird besonders stark von den oben erwähnten strukturellen Voraussetzungen beeinflusst. Schliesslich ergibt sich aus der Datenanalyse auch ein negativer Zusammenhang zwischender Landwirtschaft und der Attraktivität einer Gemeinde als Freizeit- und Erholungsraum.Dieser negative Zusammenhang überrascht, würde man doch für diesen teilweise touristisch geprägten Indikator einen positiven Zusammenhang erwarten, da die Landwirtschaftverschiedene Leistungen erbringt, die sich positiv auf das touristische Potenzial auswirken(z.B. über die Landschaftspflege oder die Offenhaltung der Landschaft). Allerdings sind diebeiden anderen in dieser Studie verwendeten Indikatoren zur Messung der Attraktivität eines Raumes für Freizeit und Erholung, die Erreichbarkeit mit öffentlichem und motorisiertem Individualverkehr und den Beschäftigten im Bereich Freizeit, in den urbaneren Gemeinden des ländlichen Raums günstiger ausgeprägt. In der Summe resultiert deshalb ein negativer Zusammenhang.Fliessen die agrarpolitischen Zahlungen vor allem in vitale und attraktive Gebiete desländlichen Raums? Da die agrarpolitischen Zahlungen eng mit der landwirtschaftlichen Prägung und den Leistungen der Landwirtschaft verbunden sind, erstaunt nicht, dass sie in vitalen Gemeindenspürbar höher sind als in weniger vitalen. Während sie sich im Durchschnitt der ländlichenGemeinden auf nicht ganz 900 CHF pro Kopf belaufen, betragen sie im vitalsten Fünftel derGemeinden im Durchschnitt über 1‘100 CHF pro Kopf. Noch ausgeprägter ist dieser Unterschied, wenn nicht die Vitalität insgesamt, sondern die ökologische Vitalität betrachtet wird:7

ECOPLANKurzfassungDer Durchschnitt der jährlichen Zahlungen beträgt für das ökologisch vitalste Fünftel derGemeinden fast 1‘700 CHF pro Kopf, beim Fünftel der Gemeinden mit den tiefsten Indexwerten ist das Volumen um fast den Faktor 4 tiefer. Auch dieser Befund überrascht nicht,denn ökologisch vitale Gemeinden sind durch schwierige topografische Verhältnisse geprägt und sind daher aus agrarpolitischer Sicht gerade auch im Bereich der Basisinfrastruktur besonders unterstützungswürdig. Aufgrund der bisherigen Ausführungen ist klar, dass die Mittel der Agrarpolitik insbesonderein weniger attraktive Gebiete fliessen. Dies ist ausgeprägt der Fall: In die Gemeinden mitden tiefsten Attraktivitätswerten fliessen pro Kopf rund sechsmal mehr agrarpolitische Zahlungen als in die Gemeinden mit den höchsten Attraktivitätswerten. Auch hier ist der kausaleSchluss falsch, dass die Zahlungen der Agrarpolitik zu einer starken landwirtschaftlichenPrägung führen und in der Folge die Attraktivität einer Gemeinde sinkt. Vielmehr hängt auchdie Attraktivität stark mit den Kontrollvariablen zusammen, die die geografisch-topografischen Voraussetzungen und somit auch die Urbanität einer ländlichen Gemeinde abbilden.Die Ergebnisse der quantitativen Analysen illustrieren auch gleich deren Grenzen: In dendurchgeführten Regressionsanalysen hat sich gezeigt, dass die gegenseitige Interdependenzvon soziodemografischen und geografisch-topografischen Voraussetzungen, Landwirtschaftund Agrarpolitik sowie von Vitalität und Attraktivität des ländlichen Raums so stark ist, dass inden Regressionsmodellen ein Endogenitätsproblem entsteht. Die Kontrollvariablen vermögen einen Teil dieser Abhängigkeit aufzufangen, aber nicht vollständig zu eliminieren. Zudemsind für gewisse Voraussetzungen – vor allem sogenannte „Soft Factors“ wie bspw. Mentalitätsunterschiede oder ein lebhaftes Vereinsleben – keine Daten in der nötigen Auflösung verfügbar In den Regressionen wird mit den landwirtschaftlichen Variablen und den Variablen derAgrarpolitik deshalb immer auch ein Teil der strukturellen Voraussetzungen mitgemessen.Dieser Umstand zeigt sich besonders in den Regressionen zur Attraktivität. Der Zusammenhang zwischen Agrarpolitik und Attraktivität ist deutlich negativ. In einem kausalen Wirkungsmodell würde dies bedeuten, dass jeder Franken an agrarpolitischen Zahlungen die Attraktivität einer Gemeinde verringert. Dass dieser Schluss unsinnig ist, verdeutlicht das gedanklicheBeispiel einer stark von der Landwirtschaft abhängigen Gemeinde, der alle Zahlungen aus derAgrarpolitik gestrichen werden. Gemäss kausaler Wirkungskette müsste diese nun attraktiverwerden, obwohl ein relevanter Teil der landwirtschaftlichen Arbeitsplätze wegfallen würde. Dieswird aber nicht der Fall sein, sondern das Gegenteil: Da eine stark landwirtschaftlich geprägteGemeinde im Durchschnitt eine vergleichsweise geringe Attraktivität – insbesondere als Wirtschaftsstandort – aufweist, können die wegfallenden landwirtschaftlichen Arbeitsplätze nichteinfach ersetzt werden. Zudem drohen negative Auswirkungen auf vor- und nachgelagerte Unternehmen bzw. Branchen. Trotz des Befunds „negativer Zusammenhang zwischen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Attraktivität des ländlichen Raums“ unterstreicht die vorliegende Analyse die hohe Bedeutung der Landwirtschaft und Agrarpolitik gerade für weniger attraktive Gebiete des ländlichen Raums.8

ECOPLANErkenntnisse der Begleitgruppe zur vorliegenden StudieErkenntnisse der Begleitgruppe zur vorliegenden StudieI.Herausforderung einer uneinheitlichen und lückenhaften Datenlage – zukünftiger Fokus auf Fallstudienregionen bzw. zusätzliche Datenerhebung auf GemeindeebeneDie Datengrundlage für die vorliegende Studie hat sich als sehr heterogen erwiesen. Im Agrarbereich konnte mit sehr detaillierten Datensätzen gearbeitet werden, die Datenlage auf Gemeindeebene in anderen Themenbereichen erwies sich hingegen als lückenhaft. In der Entwicklung der Studienidee hatte man diese unterschiedlichen Datenqualitäten noch nicht abschätzen können. Die lückenhafte Datenverfügbarkeit hatte zur Folge, dass nur ein Teil der fürAttraktivität und Vitalität identifizierten Attribute bei der Wirkungsmessung berücksichtigt werden konnten. Beispielsweise konnten Dimensionen wie die Schönheit des Ortsbildes oder dasEngagement im öffentlichen Leben, zu denen landwirtschaftliche VertreterInnen einen positiven Beitrag der Landwirtschaft vermuten 1, aufgrund der nicht vorhandenen Datensätze aufGemeindeebene nicht einbezogen werden. Insgesamt erwiesen sich die auf Gemeindeebeneverfügbaren Daten als nicht ausreichend zur umfassenden Beantwortung der Fragestellungder Studie.Für zukünftige Arbeiten ergeben sich daraus zwei Stossrichtungen: Einerseits sollten sich Analysen stärker auf Teilräume konzentrieren, für die bereits zusätzliche Datenquellen zu anderenThemen vorliegen. Im Rahmen von Fallstudien könnten zudem auch qualitative Daten einbezogen werden, welche es erlauben, Zusammenhänge quantitativer Daten mit plausiblen Erklärungsansätzen zu komplementieren. Andererseits sollten zusätzliche flächendeckende Datenerhebungen auf Gemeindeebene durchgeführt werden. Dabei stehen insbesondere Daten zugesellschaftlichen Aspekten wie z.B. zivilgesellschaftliches Engagement oder Gesundheit imZentrum, die häufig unter dem Begriff „soft factors“ zusammengefasst werden. Diese „soft factors“ sind eine wichtige Grundlage zur Beurteilung des Zustands und der Entwicklung von Regionen.II.Erstmalige Operationalisierung von Vitalität und Attraktivität – Grundlage für regionale Differenzierung politischer InstrumenteTrotz der Restriktionen in der Datengrundlage wurden mit der Studie Attraktivität und Vitalitätmessbar gemacht und bestehende Datensätze zusammengeführt. So können schweizweit Indexwerte für Attraktivität und Vitalität ländlicher Gemeinden berechnet werden. Damit wurdenGrundlagen geschaffen, die es ermöglichen, regional differenzierte politische Schwerpunktsetzungen vorzunehmen, die sich an den Attraktivitäts- oder Vitalitätswerten von Gemeinden oderRegionen orientieren. Es wäre z.B. denkbar, Projekte zur regionalen Entwicklung (PRE)schwerpunktmässig in Gemeinden oder Regionen zu unterstützen, die sich bezüglich wirtschaftlicher Attraktivität durch niedrige Indexwerte auszeichnen. In solchen Regionen sind andere Branchen relativ schwach vertreten, wogegen die Land- und Ernährungswirtschaft überproportional zur Erhaltung bzw. Steigerung der Wertschöpfung beiträgt. Da mit den PRE Wertschöpfung in der Landwirtschaft geschaffen werden soll, könnte mit ihnen in solchen Regionen1Dieser Zusammenhang ist teilweise durch die Schweizerische Gesundheitsbefragung belegt, fothek/erhebungen quellen/blank/blank/ess/04.html . Auch weisenUntersuchungen darauf hin, dass agrarisch geprägte Gemeinden eine höhere Dichte von Freiwilligenorganisationen aufweisen als andere Gemeinden des ländlichen Raums, vgl. Schulz et al. (2009).9

ECOPLANErkenntnisse der Begleitgruppe zur vorliegenden Studievermutlich eine grössere Wirkung auf regionalwirtschaftlicher Ebene erzielt werden als in wirtschaftlich attraktiveren Räumen. Ob und mit welchem Zweck die Indexwerte im Rahmen agrarpolitischer oder anderer Massnahmen Verwendung finden, kann aber nicht aus den Studienergebnissen abgeleitet werden, sondern ist Aufgabe des politischen Entscheidungsprozesses. Falls sie in der Umsetzung von politischen Instrumenten angewendet werden sollten,müssten die verwendeten Indikatoren entsprechend der jeweiligen Zielsetzung überprüft undallenfalls verfeinert werden.III.Keine sicheren Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft und Vitalität sowie Attraktivität –spezifischere Indikatoren für Vitalität und Attraktivität des ländlichen Raumesund ein Blick über die Grenze sind notwendigMit der Studie konnten keine sicheren Aussagen zur Wirkung der Landwirtschaft und der Agrarpolitik auf die Zielgrössen Vitalität und Attraktivität abgeleitet werden, obwohl eine grosseAnzahl der auf Gemeindeebene verfügbaren Datensätze verwendet wurde. Die Intuition landwirtschaftlicher VertreterInnen, die von positiven Beiträgen ausgehen und die beispielsweisedurch frühere Untersuchungen zur regionalwirtschaftlichen Bedeutung der Landwirtschaft belegt wurden2, konnten somit nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Die Ergebnisse zeigen einennegativen Zusammenhang zwischen landwirtschaftlicher Prägung und (wirtschaftlicher) Attraktivität. Wie in Kapitel 8 erläutert, ist dieser contra-intuitive Zusammenhang primär auf die strukturellen Begebenheiten einer Region wie Zentrumsnähe und Topographie zurückzuführen. Gemeinden, in denen die strukturellen Voraussetzungen für den 2. und 3. Sektor ungünstig sind,aus denen tiefe Indexwerte für die (wirtschaftliche) Attraktivität resultieren, sind oft auch starklandwirtschaftlich geprägt und erhalten daher auch überproportional hohe agrarpolitische Stützungen.Zudem widerspiegeln die hier verwendeten Indikatoren für Attraktivität (wie niedriges Steueraufkommen und hohe Einkommen) stark die Charakteristika urbaner, attraktiver Räume. Ausder Perspektive des ländlichen Raums scheinen andere, noch genauer zu definierende Indikatoren, geeigneter, um die relativ attraktiven peripheren bzw. die relativ attraktiven landwirtschaftlich geprägten Räume von den weniger attraktiven zu unterscheiden. 3 Ansätze dazu sindin früheren Studien zu finden, die u.a. die Beschäftigungswirkung und andere Multiplikatorenwirkungen der Landwirtschaft untersucht haben. 4 Für zukünftige Betrachtungen scheint es daher durchaus sinnvoll, Indikatoren wie die Beschäftigungswirkung, die von der Landwirtschaftdirekt mit beeinflusst werden, in die Untersuchung einzubeziehen, insbesondere wenn man diewirtschaftliche Verflechtung der Landwirtschaft mit ihren vor- und nachgelagerten Branchen indie Untersuchung einbezieht.Auch durch die Auswahl der betrachteten Gemeinden, die alle in der Schweiz liegen, könnende facto bestehende (Wirkungs)zusammenhänge verdeckt geblieben sein. So fliessen beispielsweise in praktisch alle Gemeinden des ländlichen Raums der Schweiz Direktzahlungen,wodurch es keine Referenzgruppe der Gemeinden des ländlichen Raumes ohne solche Zahlungen gibt. Deren Zustand hinsichtlich Attraktivität und Vitalität ist dadurch mit den Gemeinden2Vgl. Flury et al. (2007)3Vgl. z.B. Ward N. and Brown D. (2009)4Vgl. Rieder et al. (2004), Buchli et al. (2005)10

ECOPLANErkenntnisse der Begleitgruppe zur vorliegenden Studiemit Direktzahlungen nicht vergleichbar. Hierdurch sind Effekte nicht identifizierbar, die durchaus plausibel erscheinen, wie der Waldeinwuchs auf landwirtschaftlich genutzten Flächen, derVerlust von Arbeitsplätzen oder die Reduktion des landwirtschaftlichen Einkommens. Es ist mitden Ergebnissen der Studie vereinbar, dass der Wegfall von Zahlungen aus dem Agrarbudgetdie Attraktivität wie auch die Vitalität ländlicher Räume deutlich reduzieren würde (vgl. Kap. 8).Um diese Effekte aber belegen zu können, müssten Referenzgemeinden zur Verfügung stehen, in die keine oder deutlich niedrigere Zahlungen bei sonst ähnlichen Voraussetzungenfliessen. Diese Überlegungen legen eine zukünftige Studie unter Einbezug ausländischer landwirtschaftlich geprägter Gemeinden mit deutlich niedrigeren agrarpolitischen Zahlungen nahe.IV.Schwache Effekte der Landwirtschaf

Beitrag der Landwirtschaft und der Agrarpolitik zur Vitalität und Attraktivität des ländlichen Raums Schlussbericht, 29. . Ökologische Vitalität Die Karte zur Vitalität insgesamt zeigt, . und die damit verbundenen Vor-und Nachteil