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Sonia Horn, Anette Löffler (Hg.)Acta Facultatis MedicaeUniversitatisVindobonensisVol. I 1399 – 1435(UAW Cod. Med. 1.1.)Beta – Version(2012)Anno domini millesimo trecentesimononagesimo nono in vigiliaAscensionis Domini electus fuit indecanum facultatis medicinehonorabilis vir Mag. Joannes Silber deSancto Ypolito arcium et medicineprofessor, in cuius decanatu dieselectionis sue presentibus honorabilisviris magistris in artibus et in medicinaConrado de Schiferstat, Galiaco deSancta Sophia, Joanne Schroff deValle Eni conclusum fuit, quod liberquidam pro actis facultatis medicinecomparari deberet, in quem omnesdoctores, licentiati, baccalari in eademfacultate promoti vel eidem incorporativel eciam de novo promovendi velincorporandi scribi deberent, ut perhoc istos predicto libro inscriptosprefate membra fore constaret.Am Vorabend des Himmelfahrtstages1399 [ 6. Mai] wurde der ehrenwerteMann Mag. Johannes Silber aus St.Pölten, Professor der Artes und derMedizin, zum Dekan gewählt. Inseinem Dekanat, am Tag seiner Wahlund in Gegenwart der ehrenwertenMänner, den Magistri der Artes undder Medizin, Konrad von Schiferstadt,Galeazzo die Sancta Sophia undJohannes Schroff aus dem Inntal,wurde beschlossen, dass ein Buchgekauft werden soll, in das alleDoktoren, Lizentiaten [und] Bakkalare,die an dieser Fakultät promoviert oder[ihr] inkorporiert sind, aber auch jenedie neu promoviert oder inkorporiertwerden, eingetragen werden müssen,damit dadurch [durch die Inskription –s.h.] feststeht, dass die in diesemBuch Eingetragenen Mitglieder [derFakultät – s.h.] sind.[Übers. Sonia Horn, 2004]UAW Cod. Med. 1.1; Acta Facultatis Medicae Universitatis Vindobonensis 1399 – 1435, fol. 1r

VORWORT ZUR „BETA – VERSION“(Sonia Horn)Meine wissenschaftliche Karriere als (Medizin-) Historikerin begann unmittelbar nachdem Abschluss meines Medizinstudiums mit der Edition der Akten der WienerMedizinischen Fakultät für die Jahre 1721 – 1744, die ich im Rahmen eines FWFProjektes erstellte.Da sich der zu bearbeitende Aktenband mit einem anderen, bereits von LeopoldSenfelder edierten überschnitt, fiel sofort auf, dass die beiden Bände nicht nur vonder Struktur her unterschiedlich waren, sondern dass die bestehende Edition allesandere als vorbildlich für das eben erst begonnene Projekt war. Zum einen fehlteneinzelne Textabschnitte gänzlich, zum anderen waren sie oft verfälschtwiedergegeben, sodass sich aus der Edition oft andere, manchmal sogargegenteilige Inhalte ergaben, als sie in den Originalen zu finden waren.Ergebnis aus dieser Erkenntnis war einerseits meine Diplomarbeit in Geschichte überdie Wiener Hebammen 1642 – 1753, andererseits ein großes Interesse an derQuellenarbeit an sich, an Editionen und in der Folge auch an der Erschließung vonverschiedenen Beständen, die auch die sog. „materielle Kultur“ der Medizinumfassen.Die Erfahrungen mit den Senfelderschen Editionen führten mich jedoch auch zueiner sehr kritischen, fast schon grundsätzlich skeptischen Haltung gegenüberEditionen und zu einem speziellen Interesse daran, was in einer Edition, einemInventar oder einem Katalog NICHT enthalten ist und warum. Des Weiterenentwickelte sich auch eine Leidenschaft für die Suche nach Transkriptions- oderÜbersetzungsfehlern. Dies jedoch nicht aufgrund der anmaßenden Meinung, selbstfehlerlos arbeiten zu können, sondern aus der Tatsache heraus, dass auch durchminimale Lese- und Übersetzungsfehler wissenschaftliche Inhalte und daraufbasierend Lehrmeinungen entstanden sind, die etwas wiedergeben, das nicht oderzumindest „nicht so“ im Originaltext steht – manchmal kommt es wirklich darauf an,ein Fliegenbein von einem Anstrich eines M oder N zu unterscheiden.Aufgrund der nachfolgenden intensiven Beschäftigung mit den Akten der Wienermedizinischen Fakultät und einigen anderen „ungehobenen Schätzen“ zeigte sich,dass die Wiener medizinische Fakultät im Speziellen, die Universität Wien sowieeinige andere Institutionen und Personen in dieser Region offenbar eine durchausbeachtenswerte, auf jeden Fall aber eine bislang stark unterschätzte Rolle imWissensnetzwerk der Frühen Neuzeit spielten. Die Tatsache, dass laufendspannende Themen in der frühneuzeitlichen Medizingeschichte bearbeitet werden,die Vorgänge im „Einflussbereich“ der Wiener medizinischen Fakultät jedoch kaumEingang in die laufenden Forschungen gefunden haben und vielfach noch immeräußerst überkommene „G’schichteln“ über die „Wiener Medizin“ erzählt werden, istfür mich nach wie vor traurig, fast schmerzlich. Immerhin entgeht der „scientificcommunity“ hier wirklich etwas.Einer der Gründe hierfür liegt meiner Meinung nach darin, dass das vorhandeneArchivmaterial nicht, bzw. verfälscht ediert ist und ich versprach mir vor nunmehr

bereits mehr als einem Jahrzehnt sehr viel von EDV gestützten Editionen bzw. derMöglichkeit, diese online zugängig zu machen. Immerhin bietet das Internetausgezeichnete Möglichkeiten der Bereitstellung von historischem Quellenmaterialund dessen Nutzung.Ich möchte dies nicht als Irrtum bezeichnen, es liegt meiner Meinung nach enorm vielPotential in solchen Zugangs- und Veröffentlichungsmöglichkeiten. Einige Zeit langsah es auch ganz danach aus, als wäre die Straße geebnet. EDV gestützteQuellenerschließungen bzw. Digitalisierungen von kulturellem Erbe erhieltendurchaus finanzielle Unterstützung. „Der Teufel“ lag aber in so manch einemmenschlichen Detail – Annette Löffler war hier eine ganz besondere Stütze und hatVieles gerettet – aber auch in institutionellem Unverständnis. Wenn mitten in einemlaufenden EU – Projekt die vorhandenen und weiteren zugesagten IT – Ressourcenvon einem Tag auf den anderen auf weniger als die Hälfte gekürzt werden, steht manplötzlich vor einer Klippe die kaum umschiffbar ist. Ross King (heute Abt. DigitalMemory Engineering des Austrian Institute of Technology) und der Research Group“Mulimedia Information Systems” der Univ. Wien unter der Leitung von WolfgangKlas ist es letztendlich zu verdanken, dass dieses Projekt im Endeffekt nicht denberühmten „Bach“ hinunter gegangen ist, sondern abgefangen und unterstützt wurdeund daher wie vorgesehen abgeschlossen werden konnte. Aber dies ist nur einer derStolpersteine, derer es bislang leider sehr viele gab.„Zwei Dinge scheinen mir unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit.Aber beim Universum bin ich mir noch nicht sicher .“ (Albert Einstein)Wie erwähnt tauchten jedoch immer wieder KollegInnen auf, die dieses Projekt, dassich, obwohl so nicht vorgesehen, mittlerweile zu einer Art Lebenswerk entwickelthaben dürfte, mit Rat und Tat unterstützt und somit dem Aufgeben entgegen gewirkthaben.Annette Löffler und ich haben uns nunmehr entschlossen, das, was wir bereits voreinigen Jahren beinahe abgeschlossen hatten, bevor uns unsere beruflichen Wegefür einige Zeit „anderswo“ hingeführt haben, weitgehend so wie es ist (aber doch miteinigen Bearbeitungen), als sog. „Betaversion“ im Internet zur Verfügung zu stellen.Dies ist weitgehend der Stand unserer Arbeit von ca. 2008/09, was sich in ersterLinie auf die für die Einleitung relevante Sekundärliteratur bezieht. Die Beschreibungder Quelle, die Editionsrichtlinien und der edierte Text selbst sind davon nichtbetroffen. Die Edition war primär auf eine Online Edition ausgerichtet, was sich z.B.in manchen Datumsformaten zeigt. In der Version, an der wir derzeit arbeiten wirddies anders aussehen, auch was Tippfehler und Layout betrifft.Selbstverständlich freuen wir uns über Feedback – Anregungen werden gerneentgegen genommen.Dank gebührt primär jenen, die dieses Projekt unterstützt haben, aber auch jenen,die es behindern wollten, denn an Stolpersteinen lernt man sehr viel.“Experience is what you get when you didn't get what you wanted”(Randy Pausch)

Persönlich möchte ich mich bei meinen KollegInnen vom Department of History andPhilosophy der Universpität Cambridge/UK bedanken, die mir immer wieder eineäußerst inspirierende Umgebung geboten haben und die mich durch manche sehrschwierige Phase begleitet haben (Jenny, Peter – you know ), Clare Hall, demCollege, das mir bei meinen Aufenthalten ein perfekter Rahmen für meine „splendidisolation“ war, sowie Human Salemi vom „international office“ der MedUni Wien, dermir meine Erasmusaufenthalte in Cambridge ermöglicht hat – und selbstverständlichAnnette Löffler, dem wohl zähesten Menschen, den ich kenne.Cambridge, im Februar 2012„ only those, who attempt the absurd, will achieve the impossible”(M. C. Escher)

DIE AKTEN DER WIENER MEDIZINISCHEN FAKULTÄT(ACTA FACULTATIS MEDICAE UNIVERSITATIS VINDOBONENSIS)(Sonia Horn)„Erst aus den völlig gleichzeitigen Berichten der Decane lernen wir das Leben undTreiben innerhalb der Facultät kennen, verfolgen den Studiengang der Scholarenvon ihrem Eintritt in das medicinische Studium bis zu ihrer Aufnahme in dasDoctorencollegium und sehen sie alsdann den Lehrstuhl besteigen, um eine neueSchülergeneration heranzubilden.(Karl SCHRAUF) 1QUELLENÜBERSICHTDie Akten der Wiener medizinischen Fakultät (Acta Facultatis Medicae UniversitatisVindobonensis AFM) werden heute im Archiv der Universität Wien unter denSignaturen UAW Cod. Med. 1.1 – 1.15 aufbewahrt. Bei diesen Archivalien handelt essich um die Aufzeichnungen der Dekane der medizinischen Fakultät, die sie währendund/oder nach ihrer Amtszeit verfasst haben. Diese Akten wurden bereits in einigenBänden von Karl SCHRAUF und Leopold SENFELDER ediert. In den Jahren 1894 –1912 erschienen die ersten fünf Bände, die den Zeitraum 1399 – 1676 umfassen.Weiters sind Band 7 und 8 aus den Jahren 1677 – 1725 als Edition erschienen. Dieverbleibenden acht Bände der Fakultätsakten sind nicht ediert bzw. lediglich alsunpublizierte Edition zugänglich. Die dem alt edierten Band 8 folgenden Bände 9 –11 aus dem Zeitraum 1721 – 1774 sind durch eine von Sonia HORN vorgenommeneEdition erschlossen, jedoch (noch) nicht veröffentlicht. Gänzlich unerschlossen sinddie Bände 12 – 14 aus den Jahren 1775 – 1815. Einen Sonderfall bilden die Bände 6und 15. Bei Band 6 handelt es sich um ein Kopialbuch mit Extrakten derFakultätsakten aus den Jahren 1605 – 1672. Band 15 schließlich enthältAufzeichnungen aus den Studienjahren 1744/45 – 1775/76, ein Zeitraum, derprinzipiell von den Bänden 9 – 11 abgedeckt wird.1Acta Facultatis Medicae Universitatis Vindobonensis 1436 – 1501 (ed. Karl SCHRAUF, 1899 AFMII), S. VI. Im Folgenden werden Zitate aus den Editionen mit „AFM“ bezeichnet, jene aus denOriginalen mit „UAW Cod. Med.“

Übersicht: UAW Cod. Med 1.1 AFM 1399-1435 (Edition Band 1, Karl Schrauf, 1894)UAW Cod. Med 1.2 AFM 1436-1501 (Edition Band 2, Karl Schrauf, 1899)UAW Cod. Med 1.3 AFM 1490-1558 (Edition Band 3, Karl Schrauf, 1904)UAW Cod. Med 1.4 AFM 1558-1605 (Edition Band 4, Leopold Senfelder, 1908)UAW Cod. Med 1.5 AFM 1605-1676 (Edition Band 5, Leopold Senfelder, 1910)UAW Cod. Med 1.6 Kopialbuch mit Extrakten der AFM 1605-1672 - nicht ediertUAW Cod. Med 1.7 AFM 1677-1709 (Edition Band 6, Leopold Senfelder, 1912)UAW Cod. Med 1.8 AFM 1710-1725 (Edition Band 6, Leopold Senfelder, 1912)UAW Cod. Med 1.9 AFM 1721-1744 (unpublizierte Edition Sonia Horn)UAW Cod. Med 1.10 AFM 1749-1763 (unpublizierte Edition, Sonia Horn)UAW Cod. Med 1.11 AFM 1764-1774 (unpublizierte Edition, Sonia Horn)UAW Cod. Med 1.12 AFM 1775-1780UAW Cod. Med 1.13 AFM 1776-1802UAW Cod. Med 1.14 AFM 1803-1815UAW Cod. Med 1.15 AFM 1744-1776 trägt den Titel: „Rapulare actorum inclytaefacultatis medicae Viennense ab anno 1745“ und enthält Aufzeichnungen aus denStudienjahren 1744/45-1775/76.CHARAKTER DER QUELLE INSGESAMTDie Acta Facultatis Medicae enthalten vor allem Informationen über die „alltäglichen“Geschäfte der medizinischen Fakultät. Neben akademischen Belangen, wiePrüfungsangelegenheiten, Problemen mit Studenten, Fragen des Lehrplanes oderDiskussionen um Änderungen der in den Statuten festgelegten Richtlinien, ist einerder wesentlichsten Inhalte dieser Aufzeichnungen, die Positionierung dermedizinischen Fakultät in der Gesellschaft, vor allem die Definition ihrer Rolle imGesundheitswesen.Die Aufzeichnungen wurden 1399 mit folgender Eintragung begonnen:„Istum librum actorum facultatis medicine comparavit magister Ioannes Silber deSancto Ypolito doctor in medicina anno domini millesimo trecentesimo nonagesimonono protunc decanus facultatis eiusdem“. 2Am 6. Mai dieses Jahres wurde beschlossen, dass künftig die Agenden dermedizinischen Fakultät in einem Buch aufgezeichnet werden sollten. Gleichzeitigwurde festgesetzt, dass all jene, die promoviert werden wollten oder die Repetitionanstrebten, zuvor die durch die Statuten festgelegte Prüfungsgebühr zu bezahlenhätten. In der Folge wurden auch die Einnahmen und Ausgaben der Fakultät indiesem Buch niedergeschrieben, so dass sich daraus auch Schlüsse über ihreFinanzgebarung und ihre wirtschaftliche Entwicklung ziehen lassen.Aus diesem Grund ist nachvollziehbar, wofür Geld ausgegeben wurde, waswiederum einen ausgezeichneten Einblick in das „Alltagsleben“ der medizinischen2AFM II, 1.

Fakultät erlaubt. Kosten für Umbauten am Fakultätshaus etwa ermöglichen Einblickein die Gestaltung der Baulichkeiten. Die Einnahmen aus der Vermietung diesesHauses geben darüber Aufschluss, wie es genützt wurde.Vielfältig sind die Angaben, die in den Fakultätsakten aufgeführt werden. Auchbesondere Gewohnheiten der medizinischen Fakultät sind auf diese Weisedokumentiert – etwa wie sich die Festlichkeiten zu Ehren der Schutzheiligen derWiener medizinischen Fakultät, St. Cosmas und Damian, entwickelten 3 oder dasswährend der Sitzungen oder während der anatomischen Sektionen Wein undKonfekt gereicht wurde. 4Da auch die Kosten für Prüfungen von nichtakademischen Heilkundigen zu denEinnahmen gezählt wurden, sind diese ebenfalls meist verzeichnet und beweiseneinerseits, dass eine im Text erwähnte oder auch nicht erwähnte Prüfung tatsächlichstattgefunden hat. Andererseits läst sich sowohl die Höhe der Prüfungsgebührendaraus ableiten als auch der von den KandidatInnen letztendlich bezahlte Betrag.Trat ein neuer Dekan sein Amt an, musste ihm sein Vorgänger eine genaueAbrechnung vorlegen. 5 Wurde dieses versäumt, drohte Letzterem (ihm) eineGeldstrafe oder der Ausschluss aus der Fakultät.Karl Schrauf vermutete, dass die ersten Aufzeichnungen der medizinischen Fakultätauf losen Blättern gemacht wurden. Später wurden die Notizen in Büchereingetragen, die großteils unbeschädigt erhalten geblieben sind. 6 Schrauf gehtweiters davon aus, dass die meisten Dekane die Ereignisse selbst – mehr oderweniger ausführlich - niedergeschrieben hatten. Daraus ergibt sich eineentsprechend unterschiedliche Dichte der Wiedergabe von Geschehnissen, was beider Arbeit mit dieser Quelle unbedingt beachtet werden muss. Wenn in den AFMvon Ereignissen, beispielsweise von Prüfungen akademischer oder nichtakademischer Heilkundiger, nicht berichtet wird, kann dies darauf beruhen, dass es den Schreibern nicht wichtig genug war um es niederzuschreiben,es ihnen als so selbstverständlich erschien, dass dies unterblieb,es der betreffende Schreiber mit den Aufzeichnungen nicht besonders genaunahm,die Zeit für ausführliche Aufzeichnungen fehlte – oder abertatsächlich keine Prüfungen stattfanden.Hinweise auf Lehrveranstaltungen finden sich in diesen Aufzeichnungen kaum. Eswar selbstverständlich, dass sie abgehalten wurden, weshalb sie auch nicht eigenserwähnt wurden. Dass tatsächlich Lehrveranstaltungen stattfanden, zeigt dieTatsache, dass Studenten ihr Studium absolvierten. Aus dem Fehlen von3Vgl., Sonia HORN, Das Cosmas und Daminasfest der Wiener medizinischen Fakultät.Repräsentation und Identifikation. In: Thomas AIGNER (Hg.) Volksreligiosität in der Frühen Neuzeit( Beiträge zur Kirchengeschichte Niederösterreichs 10, 2003) 48 - 614Zum Beispiel UAW Cod. Med. 1.1, fol. 8 verso. Vgl. hierzu Sonia HORN, Von scharfen Messern undkalten Fingern. Dekonstruktion und Rekonstruktion in der Medizingeschichte am Beispiel derAnatomie in Wien im 15. Jahrhundert. In: Wiener Geschichtsblätter (4/2002) 304-320.5Zum Beispiel UAW Cod. Med. 1.1, fol. 57 verso.6AFM I, S. VI - VII.

diesbezüglichen Erwähnungen, kann also nicht geschlossen werden, dass sie nichtstattgefunden hätten.Den Dekanen war durchaus bewusst, dass diese Aufzeichnungen auch dazudienten, zu einem späteren Zeitpunkt vergangene Ereignisse nachvollziehen zukönnen. Besondere Bedeutung erhielten diese Aufzeichnungen, wenn nachgeprüftwerden musste, ob bestimmte Personen Prüfungen tatsächlich abgelegt oder Strafenbezahlt hatten. Wie weit die Sichtweise des jeweiligen Schreibers in die Berichteeinfloss, kann heute kaum geklärt werden. Gelegentlich finden sich persönlicheBemerkungen der Dekane oder es wurden Passagen in subjektiver Form zu Papiergebracht. Auch zu persönlichen Beziehungen finden sich Hinweise, wenn etwa einSchreiber auf Verwandtschaftsbeziehungen (mein Bruder, mein Sohn etc.) hinweist.Eine gewisse Objektivität kann jedoch, unter Berücksichtigung individuellerUnterschiede, angenommen werden, da sich die Dekane ihrer Aufgabe,Vorkommnisse aufzuzeichnen, um diese später nachprüfen zu können oder durchandere nachprüfen zu lassen, bewusst waren. Verschiedene Notizen, vor allem jene,in denen Amtsübergaben beschrieben werden, weisen auf diesen Umstand hin.Manche Dekane berichten von diesen Amtsübergaben sehr genau und führen jeneDokumente und Gegenstände die übergeben bzw. übernommen wurden an. Sehrdeutlich wird hierbei, welche Dokumente als rechtlich besonders relevant betrachtetwurden. Meist handelt es sich um das Statutenbuch, die AFM selbst und ab 1407auch um das Dekret des Passauer Bischofs, das erste Richtlinien für die Zulassungzur medizinischen Praxis enthielt. Die Existenz dieses Dokumentes lässt sich aufdiese Weise zumindest bis 1406 nachweisen.Vielfach finden sich in den Berichten der Dekane auch Beschreibungen aktuellerkleinerer oder größerer politischer Vorkommnisse 7. Besonders ausführlicheDarstellungen stammen aus der Feder des Dekans Wolfgang Lazius (1514 – 1565) –was nicht gerade überraschend ist, immerhin widmete er sich derGeschichtsschreibung intensiv. 8In einigen Aktenbänden finden sich Überschneidungen und parallel laufendeAufzeichnungen. In UAW Cod.Med. 1.2. und 1.3. finden sich einanderüberscheidende Eintragungen für die 1490 bis 1501. Karl Schrauf erklärt dieseTatsache damit, dass bereits im Jahre 1490 ein neues Buch für die Eintragungenvorhanden war und die Dekane nach ihrem Gutdünken den alten oder neuen Bandverwendeten 9. In diesem Fall gibt es jedoch keine doppelten Eintragungen und auchkeinen Unterschied im Charakter der Buchführung.Die Aufzeichnungen wurden zunehmend umfangreicher. Nachdem etwa ab der Mittedes 17. Jahrhunderts in den Fakultätssitzungen laufend Beschlüsse gefasst wurden,die die Auslegung der Statuten betrafen, entstand der naheliegende Wunsch einerÜberarbeitung derselben, so dass diese 1716 schließlich erneuert wurden. Eine derersten Neuerungen war die Einrichtung des Amtes eines „notarius“, dessen Aufgabees war, die Vorkommnisse in den Sitzungen schriftlich festzuhalten. Diese Tatsachezeigt sich in den AFM deutlich, da nach diesem Beschluss die Aufzeichnungen von7So finden die Türkenkriege immer wieder Niederschlag in den Fakultätsakten, z.B. Acta FacultatisMedicae Universitatis Vindobonensis 1490 – 1558 (ed. Karl SCHRAUF,1904 AFM III) 67.8Lazius beschreibt als Dekan in seinen Aufzeichnungen kaum die Vorkommnisse an dermedizinischen Fakultät, dafür aber den Türkenkrieg recht ausführlich; AFM III 147, 197.9AFM II, S. IVff.

einer Hand stammen und sich das Schriftbild nicht mehr nach jedemDekanatswechsel ändert. Der erste „notarius“ war Dr. Kremer, einer der jüngerenAngehörigen des Fakultätskollegiums:„Hacque ipsa occasione complacuit facultati creare novum officium notariatus, cumobligatione et emolumentis in statutis renovatis titulo speciali expressis. Ad quodofficium pro prima vice electus est Dr. Kremer.“ 10Gelegentlich wurden die „notarii“ jedoch vertreten, was sich an Handwechseln in denAufzeichnungen erkennen lässt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch dieTatsache, dass manchmal einzelne Zettel eingeklebt wurden, etwa auf fol. 10a inCod. Med. 1.9. Der Grund dafür wird durch den Inhalt der Notiz klar: Am 26. Juli 1721fand in Krems die Prüfung einer Hebamme statt 11. Der Aufenthalt wurde zum Anlassgenommen, einige Angelegenheiten vor Ort zu klären. Offenbar wurde der ganzeAktenband nicht auf die Reise mitgenommen. Die Notizen wurden auf einen eigenenZettel geschrieben und anschließend in das Aktenbuch eingeklebt. Da dieses bereitsdurchnummeriert war, wurde es zum Datum passend eingefügt.Die Aufzeichnungen für die Jahre 1721 bis 1725 laufen in den Aktenbänden UAWCod. Med. 1.8. und 1.9. parallel. UAW Cod. Med. 1.8. ist gut geordnet, mitregelmäßigen Aufzeichnungen und Eintragungen von Prüfungen, Inskriptionen,Immatrikulationen und Abrechnungen am Ende jeden Jahres. Sie können alsofrühestens mit Ende des betreffenden Jahres getätigt worden sein. Vorwegnahmenvon später stattfindenden Ereignissen im Text weisen ebenfalls darauf hin, dass dieNiederschrift erst nach einiger Zeit vorgenommen wurde. Die Eintragungen sind vomInhalt her geglättet und ausformuliert, manchmal zeigen die Überschriften auchVerzierungen, was in einem „Notizbuch“ wohl eher nicht anzutreffen wäre.UAW Cod. Med. 1.9. hingegen stellt sich als protokollartige Mitschrift aller Ereignissedes laufenden Jahres dar. Abrechnungen oder Vorwegnahmen von Ereignissen imText fehlen. Der Schreiber hat sich in diesem Band offensichtlich wenig um ein gutesSchriftbild bemüht. Es wurden zahlreiche Abkürzungen benützt, bei der Aufzählungder Sitzungsteilnehmer finden sich meist keine Angaben zu Titel oder Funktionenund gelegentlich sind im Text Details enthalten, die sich in UAW Cod.Med. 1.8. nichtmehr finden – etwa genaue Abstimmungsergebnisse, Stellungnahmen einzelnerSitzungsteilnehmer oder aber der Hinweis, dass die Sitzung wegen eines Tumultesbeendet werden musste.Es ist daher naheliegend, dass UAW Cod.Med. 1. 9. das Buch für dieAufzeichnungen des “notarius“ war, die dieser während der Sitzungen notierte. Das„offizielle“ Aktenbuch wurde offensichtlich im Nachhinein geschrieben. Auffällig istweiters das Fehlen von Aufzeichnungen aus den Jahren 1745 bis 1749 in denBänden, die mit „Acta facultatis" bezeichnet sind. UAW Cod. Med. 1.15., das"Rapular", scheint für diesen Zeitraum die einzige derartige Quelle zu sein.Möglicherweise war dieser Band ebenfalls das Notizbuch des “notarius“. DieBezeichnung „rapulare“ könnte ein Hinweis darauf sein. Der Band Cod. Med. 1.9.10UAW Cod. Med. 1.8., 370recto. Diese Textstelle fehlt in der Edition der Fakultätsakten von LeopoldSenfelder11UAW Cod. Med. 1.8., fol. 10v.

endet mit den Aufzeichnungen des Jahres 1744 und ist bis zur letzten Buchseitevollgeschrieben. Es muss also ein neues Buch begonnen worden sein. Daher ist zuvermuten, dass das „Rapulare“ Cod. Med. 1.15. die Fortsetzung des Notizbuchesdes Notares ist und es einen „offiziellen“ Aktenband auch für die Zeit 1725 bis 1749gegeben hat, der in Verlust geraten ist. Die Länge des Zeitraumes könnte dafürsprechen. Eine Möglichkeit für das Verschwinden wäre, dass im Zuge derNeuorganisationen von 1749 eine Überprüfung der Vorkommnisse an dermedizinischen Fakultät an Hand der Akten erfolgte und der Band nicht mehrzurückgegeben wurde. Andererseits wäre es auch durchaus möglich, dass eineReinschrift nicht (mehr) hergestellt wurde. In den Akten findet sich darauf jedoch keinHinweis. Die ab 1749 geführten Akten unterscheiden sich in ihrem Charakter starkvon den vorigen Bänden. Sie entsprechen eher „amtlichen“ Aufzeichnungen alsBeschreibungen des Alltags der Fakultät.EDITIONENDie von Karl Schrauf edierten Bände AFM 1 - 3 weisen eine wesentlich bessereQualität auf als die von Karl Senfelder bearbeiteten Bände Der Piarist Karl Schrauf(1835-1904) wurde 1874 zum Universitätsarchivar bestellt. Bis zu diesem Zeitpunktwurde das Archiv der Wiener Universität von verschiedenen Professoren mehr„schlecht als recht“ nebenher „betreut“. Als Absolvent des Kurses des Instituts fürÖsterreichische Geschichtsforschung bemühte er sich um die Bergung undSicherung von Archivalien. Im Sinne der zu diesem Zeitpunkt aktuellen Ansätze derösterreichischen Geschichtsforschung beabsichtigte er auch, die Dokumente nichtnur zu sammeln und entsprechend aufzubewahren, sondern auch zu edieren. Vonseinem Dienstgeber, dem Senat der Universität Wien, wurden diese Ambitionenjedoch nicht gerne gesehen, schließlich auch verboten. Einige kleinere Editionen, dieso verfasst waren, wie er es für richtig hielt, publizierte er auf eigene Kosten. DieÜbernahme der Druckkosten für die Edition der Akten der medizinischen Fakultätdurch das medizinische Doktorenkollegium 1899 kam seinen Interessen sehrentgegen. So konnte Schrauf ein Beispiel für künftige Editionsvorhaben schaffen 12.Das Doktorenkollegium hatte zweifellos auch aus standespolitischen GründenInteresse an der Aufbereitung der Geschichte der akademischen Ärzte 13. Dasfünfhundertjährige Bestehen der Dekanatsakten wurde daher zum Anlassgenommen, die Edition der Fakultätsakten durch den Universitätsarchivar zufinanzieren, was wiederum seinen Interessen entgegenkam.1213AFM I, S. XI.Zu ärztlichen Standesinteressen in Österreich zu dieser Zeit vgl. Peter GOLLER (ed.) Die Matrikelder Universität Innsbruck, Abt. medizinische Fakultät, Erster Band 1869 -1900. (1995) 9 -17.

Der erste Band dieser Editionwurde im Rahmen einesFestbanketts präsentiert, zu demErzherzog Rainer und andereprominente Personen erschienen.Gleichzeitig wurde vom WienerDoktorenkollegium eineFestschrift zumfünfhundertjährigen Bestehen derFakultätsakten herausgegeben 14.In der Einleitung dieses Bandeswird auf die Funktion desDoktorenkollegiums Bezuggenommen:„Wie viele Wandlungen auch dasmedicinische Doctorencollegiumdurchgemacht hat, Eines istimmer sein Leitstern gewesen:das Wohl der Mitglieder desärztlichen Standes. DerGedenktag, den das Wienermedicinische Doctorencollegiumheute begeht, ist, wie nicht leichtein zweiter, geeignet, einenRückblick zu werfen auf das, wasdas Collegium durch seine Wohlfahrtsinstitute im Laufe der Jahre geleistet hat. Dienachfolgenden Blätter geben hievon Kunde. Die Ziffern, die sie enthalten, sprecheneine schmucklose, aber beredte Sprache. Sie erzählen, was collegialer Gemeinsinnaus kleinen Anfängen zu schaffen vermocht hat, und sie erscheinen umsobedeutungsvoller in einer Zeit, wo der Brandung gleich, welche unaufhörlich dasErdreich von der Küste wegspült, die sociale Strömung der Zeit Scholle um Schollevon dem Boden verschlingt, auf welchem die Existenz des ärztlichen Standes ruht.Diese Ziffern erzählen, wieviel Leiden getrocknet, wie viele Collegen sie ihrem Berufewieder gegeben haben. So mögen sie ein Mahnruf an alle Collegen sein, sich demWiener medicinischen Doctorencollegium anzuschliessen und seine Ziele und seineZwecke mit allen Kräften zu fördern.Wenn dichtes Gewölk das Tagesgestirn verhüllt, und wilde Stürme den Schiffer aufoffenem Meere umbrausen, dann weist ihm der Leuchtturm der heimatlichen Küsteden rettenden Port. Dem Schiffer auf schwankendem Boote gleicht der Arzt in derPraxis. Mühselig und gefahrenbringend ist sein Beruf, und Viele, denen die Sonnedes Glückes nicht lächelt, würden in dem Meere des Elends versinken, wenn nichtwerkthätige, collegiale Hilfe ihnen einen sicheren Hafen bieten würde. EinLeuchtthurm in dem Hafen der Collegialität ist das Wiener medizinischeDoctorenkollegium. Begeisterung für den ärztlichen Beruf hat seine Leuchteentflammt, Gemeinsinn und Collegialität hüten und bewahren das heilige Feuer. So14Vgl.: Heinrich ADLER, Ein halbes Jahrtausend. Festschrift anlässlich des 500jährigen Bestandesder Acta facultatis medicae Vindobonensis herausgegeben vom Wiener medizinischenDoctorencollegium, redigiert von Dr. Heinrich Adler (1899)

möge es denn noch durch viele, viele Jahrhunderte seine edle Aufgabe erfüllen undzur Ehre und zum Wohle des ärztlichen Standes leuchten für und für.“Der vierte Band der Edition der medizinischen Fakultätsakten, der erste, der vonLeopold Senfelder herausgegeben wurde, entspricht im Wesentlichen den Vorgabenvon Karl Schrauf. Er dürfte diesen Aktenband noch bearbeitet haben, da er in derEinleitung zum ersten Band der Edition der AFM schreibt:„Unter solchen Umständen musste während der langjährigen Vorstudien zurNeubearbeitung des dritten Bandes der v. Aschbachschen Universitätsgeschichteeine vollständige und möglichst genaue Abschrift der Facultätsakten angefertigtwerden, zunächst blos für den eigenen Gebrauch. Da sich jedoch der Werth desOriginals im Verhältniss zu dem erwähnten Excerpt bei v. Rosas immer bedeutenderherausstellte, reifte allmälig der Plan, die vier ersten Actenbände durch den Druckallgemein zugänglich zu machen .“ 15.Im fünften Band der Edition, die Senfelder offenbar bereits alleine bearbeitete,wurden „epiteta ornantia“ vielfach weggelassen. 16 Die Edition ist nur mitEinschränkungen zuverlässig, eine Kontrolle mit dem Original ist unbedingt zuempfehlen. Eintragungen, die nichtakademische Heilkundige wie etwa Hebammenbetreffen, sind gute „Prüfsteine“ für die Qualität dieser Edition. 17 In Band 5 der Editionwurden diese großteils noch korrekt übernommen, manchmal fehlen bei einzelnenEintragungen kurze Passagen, wie zum Beispiel bei mehreren von Hebammen andie Fakultät gestellten Ansuchen, die Worte „cum libellum supplicem“ oder Hinweisedarauf, dass diese lesen und schreiben konnten.Die Edition der Jahre 1677 bis 1724, also Band 6 der Edition, scheint mehr dieIntentionen des "Editors" wiederzugeben, denn das tatsächlich Geschriebene. Indiesem Band wurden außerdem zwei sehr umfangreichen Aktenbändezusammengefasst und vielfach stark verkürzt wiedergegeben. DieseTextverkürzungen betreffen vor allem wiederkehrende Themen, wie Namenslistender Teilnehmer an Sitzungen sowie Abrechnungen oder Prüfungen von (vor allem)nichtakademischen Heilkundigen. Eintragungen, die Hebammen betreffen, wurdenvo

medizinischen Fakultät und einigen anderen „ungehobenen Schätzen“ zeigte sich, dass die Wiener medizinische Fakultät im Speziellen, die Universität Wien sowie einige andere Institutionen und Personen in dieser Region offenbar eine durchaus beachtenswerte, auf